Generation YouTube

13. Juni 2007 13:42; Akt: 14.06.2007 11:57 Print

Die Täter mit dem Telefon

Die Kriminialstatistiker verzeichnen einen rapiden Anstieg der Jugendgewalt. Nicht immer öfter wird zugeschlagen, aber immer brutaler. Und die inszenierte Demütigung des Anderen ist zum multimedialen Volkssport an den Schulen und im Internet geworden. Stets dabei an vorderster Erniedrigungsfront: Das Handy als Tatwaffe.

Fehler gesehen?

Ein paar Tritte, ein Gerangel, ein Geschubse. Es war nur eine kleine Prügelei, die sich die zwei Primarschülerinnen, 12 und 13 Jahre alt, in Heerbrugg lieferten. Doch Hermann Blöchlinger, der Leiter des Schulpsychologischen Dienstes im Kanton St. Gallen, spricht von einer «neuen Dimension». Denn da war dieser Junge. Er schrie mit aufgeregter Stimme: «Schlag, ich will es aufnehmen, schlag, schlag!» Zwei Tage später wurde das Video nicht nur auf einer lokalen Internetplattform eifrig diskutiert, die prügelnden Mädchen wurden auf der Videobörse von Youtube einem potenziellen Millionenpublikum präsentiert.

Die Waffe einer ganzen Generation

«Wir stehen vor einer enormen Herausforderung. Mit dem Handy hat sich vieles verändert und wir haben es immer mehr mit diesem neuen Phänomen zu tun», sagt auch Rolf Stucker, Leiter des Jugenddienstes der Stadtpolizei Zürich. Das Handy ist zur Waffe einer ganzen Generation von Heranwachsenden geworden, allzeit bereit, das Leben festzuhalten. Freunde, Feinde oder Lehrer werden provoziert oder gedemütigt, bis die Szene im Kasten ist – die Fälle häufen sich.

Schlägereien gab es schon früher, aber die Inszenierung der Gewalt ist neu. Da castet ein junger Handyfilmer schon mal «den Fettsack von der dritten Klasse» ohne dass der etwas davon weiss, für eine Prügelei. Set und Szenen werden abgesprochen, damit der Film im Web Beachtung und Zuspruch findet. Und jedem der jungen Filmschaffenden ist klar: Je demütigender desto besser.

Eine ganze Klaviatur an Demütigungen

Mit Jungs macht man Ekel- oder Prügelszenen, Mädchen werden in sogenannten «Schlampenvideos» vorgeführt. Wie etwa jenes Mädchen aus Zürich, das mit ihrem Freund schlief. Sie wollte das auch. Vielleicht wollte sie den Akt sogar aufnehmen. Doch nachdem sie sich von ihrem Freund trennte, hatte sie keinen Einfluss mehr über die Bilder. Der Film landete kurz darauf bei Youtube, wurde innert Kürze hunderte Mal angeklickt. «Danach galt sie im Quartier als Schlampe», sagt Stadtpolizist Stucker. Zwar wurde der Film auf Intervention der Eltern von den Youtube-Verantwortlichen vom Netz genommen. Doch da war es schon zu spät. Niemand kann sagen, auf wie vielen Festplatten der Film nun gespeichert ist.

Wer früher gemobbt wurde, für den war wenigstens hinter der eigenen Haustüre Ruhe. Heute werden solche Bilder von der ganzen Welt geguckt. Psychologe Hermann Blöchlinger spricht von einer «massiven Mobbingdynamik»“, die mit den neuen Möglichkeiten entstanden sei. Er hatte bereits mit zwei Suizidversuchen von Jugendlichen zu tun, die keinen Ausweg mehr aus ihrem Dilemma sahen. Der Soziologe Ueli Mäder spricht von einer «modernen Form von Pranger» und einer «neuen Form der Selbstinszenierung». Bösartige jugendliche Angeber sind laut Mäder nicht neu. «Jeder hat das seit seiner Kindheit erlebt». Aber die Jugendlichen müssten heute viel mehr tun, um aufzufallen.

Skrupelosigkeit übersteigt Vorstellungskraft der Erwachsenen

Mit nichts lässt es sich mehr auffallen, als mit der unglaublichen Schlagkraft von Bildern, jenseits jeglichen sittlichen Empfindens. Und wer solche Bilder selber herstellen, weiterschicken oder sogar auf Youtube stellen kann, ist der vermeintliche König des Pausenplatzes. «Die Folge ist eine unglaubliche Skrupellosigkeit», sagt Blöchlinger.

Die Erwachsenenwelt kann sich vielleicht noch vorstellen, dass Pornofilme oder brutale Bilder von Hinrichtungen oder Steinigungen eine gewisse Faszination für die Heranwachsenden haben. Dass ihre Kinder aber selbst zu Regisseuren geworden sind, übersteigt ihre Vorstellungskraft. «Die Eltern haben keine Ahnung von diesen Möglichkeiten», sagt beispielsweise Herbert Siegrist von der Präventionsabteilung der Stadtpolizei Zürich. Zu diesem Schluss kommt er nach vielen Elternabenden, in denen er auf Aufklärungstour über die neuen Möglichkeiten von Handys und Internet ging. Ebenso überfordert seien die Lehrer.

Lehrer selber als Opfer

«Viele Lehrer melden die Vorfälle gar nicht, weil sie Angst vor Racheakten haben», sagt Siegrist. In Widnau entdeckten Schüler kürzlich einen Schmäh-Clip gegen neun Lehrer. Zum Sido-Song «Schlechtes Vorbild» lief eine Diashow mit Fotos der Pädagogen. Die Kommentare dazu: «A...kriecher», «gruusigi Visage» oder «Mundgeruch, schwul)gilt für die ganze Familie». Lehrer H. aus Bern kommt in der Diashow nicht vor. Doch die Freude am unterrichten hat der erfahrene Pädagoge mittlerweile verloren. «Die Kinder provozieren heute im Unterricht ganz bewusst. Bei einem Wutausbruch der Lehrer zücken sie das Handy. Am Schluss steht er auf dem Internet». Lehrer H., der im Sommer in Pension geht, will anonym bleiben. «Wer weiss, was die Schüler sonst mit mir machen».

Marius Egger, 20minuten.ch

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Game Over am 18.06.2007 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Anleitungen in Brutalo-/ Egosh'Games!!!

    Die Egoshooter-Games wurden ja vom amerikanischem Militär erfunden zum Zweck der (er)Schiess Enthemmung gegenüber Menschen! Wen wunderts, dass Jugendliche tiefere Hemmschwellen für Gewalt haben sie trainieren ja fast täglich und haben in den Games eine Anleitung und bekommen Punkte/Respekt dafür! ;-

  • Baslerlady am 21.06.2007 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    Privatschule oder aufs Land!

    Ich wohne in mitten einer der ausländerreichsten Gegenden von Basel und ich würde niemandem, der auch nur ein wenig Interesse an der Erziehung seiner Kinder hat, empfehlen, seine Kinder hier grosswerden zu lassen. Da gibts nur eins: aufs Land oder Privatschule oder die Kinder abschotten.

  • ädu am 13.06.2007 20:32 Report Diesen Beitrag melden

    @ werner brinck

    also 1. mal bin ich selber 15. 2. hat man herausgefunden dass man schon im alten griechenland über die jugend geklagt hat und ich bin sicher das war bei ihnen nicht anders. 3. ist es eine minderheit die solchen scheiss macht, an unserer schule ist sowas noch nie vorgefallen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • erwinwalker am 18.08.2007 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    unternehmer

    eltern dürfen den draht zu ihren kindern nie verlieren, bei der kindererziehung ist das wichtigste, das man selber ein beispiel gibt. das leben ist hart aber auch sehr schön und das muss den kindern beigebracht werden.

  • dääHANZ am 16.08.2007 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    Also ehrlich

    Eine studie zeigt ganz klar dass computerspiele nur onehin schon angriffslustige und aggresive personen zusätzlich anstachelt und provoziert.Für normale menschen,(fragt mich nicht wie ich normal definiere,) sind computerspiele nur zeitvertreib und regen sogar noch die Konzentration an.

  • Muff am 13.08.2007 00:57 Report Diesen Beitrag melden

    Gebt ihnen Waffen.

    Degeneriert ist nicht die Jugend, sondern diejenigen die sie produziert haben.

  • pp am 10.07.2007 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Ursachen der Gewalt sind vielfältig

    Die moderne Gesellschaft hat damit zunehmend Probleme. Digitale Gewaltspiele in welcher Form auch immer sind aus dem Verkehr zu ziehen. Andere Probleme? Leider ja. Letztlich in der Summe Spiegel der Konsumgesellschaft mit all ihren Auswüchsen. Haben wir die richtigen Antworten?

  • z0mg am 10.07.2007 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    aha

    als hätten wir keine anderen Probleme...