Führer-Darsteller Masucci

07. Oktober 2015 17:17; Akt: 07.10.2015 17:58 Print

«Hitler ist wie ein Popstar»

von Catharina Steiner - Oliver Masucci mischte sich für «Er ist wieder da» als Adolf Hitler verkleidet unter das deutsche Volk. Dabei wurde ihm angst und bange.

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Oliver Masucci in «Er ist wieder da» ist der neuste Hitler der Filmgeschichte. Vor ihm gab es aber viele andere, die in die Rolle des Führers schlüpften. Den Anfang machte Charlie Chaplin im Jahr 1940 in «Der grosse Diktator». Der Führer heisst in seiner Satire zwar Anton Hynkel und herrscht über Tomanien, doch die Ähnlichkeiten zu Adolf Hitler sind so offenkundig, dass Chaplin guten Gewissens zu den Hitler-Darstellern gezählt werden darf. «Hitler - die letzten Tage», Ennio De Concinis Historienfilm von 1973, war der Versuch, die letzten Tage im Berliner Führerbunker nachzuzeichnen. Die Titelrolle übernahm der Brite Alec Guinness («Doktor Schiwago», «Die Brücke am Kwai»). Vorm «Schweigen der Lämmer» gabs den Hitlerschnauz: Anthony Hopkins 1981 in «Der Bunker.» Auch Gandalf-Darsteller Ian McKellen trug schon das Kostüm von Adolf Hitler: In Patrick Laus Doku-Drama «Countdown to War» (1989) sprach der Theaterstar ausschliesslich Texte, die von Adolf Hitler selbst gesprochen und geschrieben worden sein sollen. In seinem Regiedebut «Gespräch mit dem Biest» spielte Mime Armin Mueller-Stahl 1996 den 103 Jahre alten Adolf Hitler, der sich niemals umgebracht und in einem Bunker überlebt hat. Weil Ewan McGregor absagte, übernahm dessen «Trainspotting»-Kollege Robert Carlyle die Hitler-Rolle in Christian Duguays biographischem Filmdrama «Hitler - Auftstieg des Bösen» von 2003. «Der Wixxer», 2004: Der Butler des Earl of Cockwood heisst zwar Alfons Hatler, ist seinem Fast-Namensvetter aber wie aus dem Gesicht geschnitten und spricht auch so: Tobi Baumanns Parodie auf Edgar-Wallace-Strassenfeger, nach einem Drehbuch von Oliver Kalkofe, Bastian Pastewka und Oliver Welke, war die ideale Plattform fur Christoph Maria Herbst, um den Führer rauszulassen. Auch ein Schweizer zog sich die Reichsuniform über: Bruno Ganz 2004 in Oliver Hirschbiegels «Der Untergang.» Kaum wiederzuerkennen: Tobias Moretti 2005 im dreiteiligen Doku-Drama Speer und Er. Zwei Jahre später lehnte der Österreicher das Angebot ab, die Hitler-Rolle im Hollywood-Projekt «Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat» erneut zu spielen. An seiner Stelle nahm der Brite David Bamber die Herausforderung an und war neben Superstar Tom Cruise auf der Leinwand zu bestaunen. Quentin Tarantino machte mit «Inglorious Basterds» 2009 nicht nur Christoph Waltz zum Weltstar und Oscar-Preisträger, sondern verhalf auch manch anderem deutschsprachigen Schauspieler zu internationaler Beachtung: Martin Wuttke durfte als Hitler ran. «Oh Boy»-Star Tom Schilling spielte 2009 in «Mein Kampf» den jungen Adolf Hitler.

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Warum soll man über Hitler lachen?
Muss man ja nicht. Unser Ansatz war es, uns unters Volk zu mischen. Hitler diente in diesem Fall als das Medium, das etwas offenbarte: nämlich einen Rechtsruck der bürgerlichen Mitte, die sich traut, neben Hitler und vor zwei Kameras gegen Ausländer zu wettern. Bei den Dreharbeiten merkten wir, dass was im Busch ist. Und kurz danach entstand tatsächlich die Pegida-Bewegung.

Tut man Deutschland nicht auch unrecht? Einiges im Doku-Teil des Films ist schliesslich inszeniert.
Wer sich wirklich Mühe gibt, kann sehen, was echt ist und was nicht. Wenn Leute so krasse Sachen in die Kameras sagen, dann ist das nicht gestellt. Das waren keine Schauspieler.

Hatten Sie keine Angst, die Leute blosszustellen?
Nein. Es liefen die ganze Zeit zwei Kameras. Und da steht ein Typ, der aussieht wie Adolf Hitler. Wer sich in so einer Situation bemüssigt fühlt, rechtsradikale Parolen zu schwingen oder zu erzählen, dass Afrikaner herkommen und den Intelligenzquotienten senken, dem ist schon bewusst, was er da tut.

Hat sich Ihr Bild von Deutschland seit dieser Erfahrung geändert?
Ja. Ich hätte diesen Rechtsruck so nicht für möglich gehalten. Den Rassengedanken von Hitler habe ich auch schon von gutsituierten Leuten und Künstlern hinter vorgehaltener Hand gehört, das war nicht wirklich überraschend. Das Irre aber war, dass sich die Leute jetzt trauen, das ganz öffentlich vor der Kamera zu sagen. Das ist für mich alarmierend.

Es gab auch Passanten, die sich über die Hitler-Präsenz aufregten. War das die Ausnahme?
Es waren tatsächlich wenige, die Widerstand geleistet haben und sich getraut haben, sich zu beschweren. Der Reflex bei den meisten ist, es einfach wegzulachen. Hitler ist immer noch eine starke Figur.

Hatten Sie keine Angst, als der Führer auf die Strasse zu gehen?
Doch natürlich. Das ist keine Situation, in der man sich als Schauspieler wohlfühlt. Jeder reagiert auf Hitler. Er ist wie ein Popstar, das war früher so und ist erschreckenderweise noch immer der Fall.

War das Improvisieren das eigentlich Reizvolle an der Rolle?
Davor hatte ich zwar die meiste Angst, aber man kann dabei auch so viel über sich selbst erfahren. Hätte man den Roman eins zu eins verfilmt, hätte ich wohl nicht mitgemacht.

Was ist Ihr Fazit?
Dass unsere Demokratie ein fragiles Gut ist, das man beschützen muss.

So reagierten Leute auf der Strasse auf den neuen Hitler: