Bundesliga-Kino

21. Februar 2011 07:32; Akt: 21.02.2011 09:27 Print

Das Wunder vor dem «Wunder von Bern»

von Wolfgang Hübner, AP - Bevor Deutschland 1954 in Bern Weltmeister wurde, musste sich der Fussball im Norden erst etablieren. Die Zeit, als Kicker laufen lernten, beleuchtet ein neuer Streifen mit Daniel Brühl.

Trailer «Der ganz grosse Traum. Quelle: YouTube
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Zweifellos ist Fussball der beliebteste und erfolgreichste Volkssport der Deutschen. Männer wie Frauen waren mehrmals Weltmeister, die Bundesliga ist ein Milliardengeschäft, und der viel beschworenen Integration tut «König Fussball» auch gut. Wie aber fing alles an? Wie kam der Fussball zu den Deutschen? Diese Frage beantwortet auf unterhaltsame Weise der deutsche Spielfilm «Der ganz grosse Traum» von Sebastian Grobler, der ab 24. Februar in die Kinos kommt.

Mit einer ganzen Reihe bekannter Schauspieler zeigt darin Grobler nach dem Drehbuch von Philip Roth und Johanna Stuttmann, wie und wann der Siegeszug des runden Leders in deutschen Landen begann. Dazu blendet der Film zurück ins Jahr 1874, drei Jahre zuvor war die Gründung des Deutschen Reichs. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge Lehrer Konrad Koch, der an einem Braunschweiger Gymnasium den Schülern die englische Sprache beibringen soll. Englischunterricht ist für die Zöglinge des Martino-Katharineums eine ganz neue Herausforderung, der sie nur mit deutlichem Widerwillen begegnen.

Kicken als Protestbewegung

Doch Koch hat eine Geheimwaffe, die er bei seinem (für den Film erfundenen) Aufenthalt in England, damals unbestrittene Weltmacht, kennen und lieben gelernt hat: Das Fussballspiel. Es gelingt dem engagierten Pädagogen erst einige, dann sogar alle seine Schüler für den bislang völlig unbekannten Sport zu begeistern. Das allerdings erweckt grössten Argwohn bei Kochs Kollegen und auch der Obrigkeit, der Fussball schon deshalb eine fragwürdige Angelegenheit zu sein scheint, weil das Spiel ungeahnte Emotionen freisetzt. Kaum glaublich, aber wahr: Der längst durch und durch kommerzialisierte und perfekt organisierte Volkssport Fussball war in seinen ersten deutschen Kindertagen eine Protestbewegung gegen die obrigkeitshörige Gesellschaft jener Zeit.

Nur von den Drehbuchautoren ausgedacht ist das keineswegs, denn Konrad Koch gab es ebenso wirklich wie dessen Wirken an dem Braunschweiger Gymnasium. Und es sollen auch dessen Schüler gewesen sein, die in jenem Jahr 1874 unter Kochs Leitung das allererste Fussballspiel auf deutschem Boden ausgetragen haben. Daniel Brühl tritt in dem Film als Konrad Koch auf. Der schöne Brühl wirkt trotz Bart allerdings etwas zu weich und sanft für einen Menschen jener Zeit. Den auch international gefragten deutschen Darsteller kann man sich zudem viel besser beim Golfen als beim Torschuss vorstellen.

«Tatort»-Mann Axel Prahl an Bord

Als Schulrektor Merfeld agiert souverän wie immer Burghart Klaussner, in weiteren Rollen sind bekannte Schauspieler wie Thomas Thieme und Axel Prahl zu sehen. Weibliche Rollen sind Mangelware, denn damals und noch sehr lange danach war Fussball ein reiner Männersport. Natürlich sind in der Handlung auch Konflikte unter den Schülern, im kleinen Lehrerkollegium und auch zwischen verschiedenen sozialen Schichten enthalten. Die Szenen, in denen auf noch etwas ungelenke Weise Fussball gespielt wird, wirken realistisch. Schliesslich sind da keine hochtrainierten Profis am Werk, sondern Anfänger im wahrsten Sinne des Wortes.

Sebastian Groblers Kinodebüt in historischer Kulisse - die Schulszenen wurden übrigens im Schlossgymnasium von Wolfenbüttel nahe Braunschweig gedreht - kann meist überzeugen. Gewiss hat Grobler nicht gerade wenig von englischen und amerikanischen Filmen abgeschaut, in denen jugendliche Schüler und ein charismatischer Lehrer im Mittelpunkt das Geschehens stehen. Doch kommt das dem Film zugute, denn er hat ein flottes Tempo und wirkt trotz der vielen wilhelminischen Bärte keineswegs altbacken. Sein wichtigstes Verdienst ist aber, dass die Fussballnation nach Sönke Wortmanns «Das Wunder von Bern» in Erinnerung an den legendärsten Sieg einer deutschen Elf nun auch im Kino gezeigt bekommt, wie es war, als das Runde hierzulande erstmals ins Eckige geschossen wurde.


Ein zweiter Filmtrailer. Quelle: YouTube