«Virgin Tales»

05. Juni 2012 09:00; Akt: 05.06.2012 09:16 Print

Die weissen Jungfrauen von Colorado Springs

von Catharina Steiner - Die Schweizer Dok-Filmerin Mirjam von Arx begleitete eine strenggläubige US-Familie, deren sieben Kinder allesamt unbefleckt in die Ehe gehen wollen.

Der Trailer zum Dok-Film «Virgin Tales» der Schweizer Filmemacherin Mirjam von Arx. Quelle: YouTube.com
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Es ist ein befremdliches Bild: Junge Mädchen, teilweise noch nicht einmal in der Vorpubertät, tanzen in weissen Kleidern um ein grosses Holzkreuz herum. Unter den bewundernden Blicken ihrer Väter, die Gott als Führer der Ehefrauen und Töchter eingesetzt hat, und deren Autorität im familiären Gefüge absolut ist. Nachdem der letzte Klang aus der Stereoanlage verhallt ist, unterzeichnen die kleinen Bräute einen Vertrag, der sie dazu verpflichtet, sich bis zur Hochzeit der Sexualität zu enthalten. Solche Veranstaltungen, sogenannte Purity Balls, finden in mittlerweile 48 US-Bundesstaaten statt. Eines von acht Mädchen unter 18 legt in Amerika heute ein Keuschheitsgelübde ab. Denn die Evangelikalen, die an die Unfehlbarkeit der Bibel glauben, machen etwa ein Viertel der Bevölkerung aus und bilden somit die stärkste Religionsgemeinschaft im Land.

In Colorado Springs, einem der religiösen Zentren der Evangelikalen, lebt die Familie Wilson. Ihre sieben Kinder – zwei Jungen und fünf Mädchen – wachsen allesamt in einem engen Sittenkorsett auf. Nicht nur Sex ist tabu – auch aufs Küssen oder Händchenhalten verzichten die Wilson-Kinder. Zwei Jahre lang hat die Filmemacherin Mirjam von Arx die ultrakonservative Familie mit der Kamera begleitet. Aus dem gesammelten Material ist der Dokumentarfilm «Virgin Tales» entstanden, der am 7. Juni in die Schweizer Kinos kommt.

«Lebensspenderinnen» im Heimunterricht

Schon seit zehn Jahren hatte die Zürcherin vor, einen Film zum Thema Jungfräulichkeit zu machen. «Das Thema hat mich in seiner Komplexität fasziniert. Es ist nicht nur etwas rein Körperliches, sondern je mehr ich darüber erfahre, desto mehr habe ich das Gefühl, es sei auch etwas Geistiges und sogar Politisches», sagt die Filmemacherin im Interview mit 20 Minuten Online.

So passiv, wie sich diese jungen Mädchen in Sachen Sexualität zu verhalten haben, sollen sie auch in anderen Lebensbereichen sein. Die Frauen im Film bezeichnen sich selbst als «Lebensspenderinnen» – ihre Rolle im sozialen Gefüge ist klar definiert. Sie sind Ehefrauen und Mutter und kümmern sich um den Haushalt. Für eine höhere Ausbildung wird kein Geld verschwendet, denn ins Berufsleben wollen oder dürfen sie ohnehin nicht einsteigen. Die Wilson Töchter besuchen auch keine öffentliche Schule, sondern werden von der Mutter zuhause unterrichtet – vorwiegend darin, wie man dereinst eine gute Ehefrau wird. Als Von Arx mit ihrer Crew – allesamt weiblich – zum ersten Mal ins Heim der Wilsons kam, sagte eine der Töchter erstaunt, sie habe gar nicht gewusst, dass auch Frauen als Kameraleute arbeiten könnten. «Ihre Vorbilder sind auch Mütter und Hausfrauen, das ist die Rolle, die sie kennen, gegen die sie sich auch nicht auflehnen», sagt von Arx.

In der Schweiz eine Familie zu finden, die so lebt und sich dabei auch noch filmen lassen will, wäre wohl nicht möglich gewesen, meint von Arx. Zwar sind die Freikirchen auch hierzulande äusserst aktiv, machen aber nur rund zwei Prozent der Bevölkerung aus. In Teilen des Emmentals oder im Frutigland ist der Anteil an Evangelikalen laut von Arx aber um ein Vielfaches höher. Während man seine Überzeugungen hierzulande lieber nicht an die grosse Glocke hängt, machen die Wilsons aus ihren Ansichten keinen Hehl. Ganz im Gegenteil – Vater Randy (54), der für eine christliche Polit-Organisation tätig ist, erfindet immer wieder Rituale und Zeremonien, um das lange Warten nicht als notwendiges Übel erscheinen zu lassen, sondern als mit Events gestückten Initiations-Prozess, an dem am Ende die Hochzeit mit dem Märchenprinzen winkt. Mutter Lisa (53) versorgt ihre Töchter derweil mit Schmink- und Frisurtipps – schliesslich sollen ihre Töchter keine grauen Mäuse sein, sondern sexy Jungfrauen.

Die Wilsons stehen auf Sex

Sex wird in der Familie auch nicht verteufelt, prüde sind die Eltern nicht. Sie schwärmen ihren Kinder vor, wie wunderbar Beischlaf ist – solange er im ehelichen Rahmen stattfindet. Dass nicht mal ein scheuer Kuss drin liegt, haben sich die Wilson-Kinder laut Von Arx selbst auferlegt, denn Randy und Lisa haben dies vor dreissig Jahren sehr wohl getan. «Es klingt extrem und das ist es auch. Aber ich denke, für sie macht es schon Sinn. Es ist, glaube ich, eine Art Selbstschutz. Wenn man erst einmal anfängt zu küssen, dann wird es schwierig, dann will man mehr.» Den Verlockungen versuchen die unverheirateten Kinder der Familie in jeder Situation aus dem Weg zu gehen. Wenn sie sich einen Liebesfilm ansehen, spulen sie bei Bettszenen vor. Oder wenn sie auf der Strasse eine Dessous-Werbung sehen, dann schauen sie einfach weg. Eine krasse Haltung im aufgeklärten Amerika.

Von Arx ist es aber nicht daran gelegen, die Wilsons und ihre Lebensweise lächerlich zu machen. Sie beweist viel Fingerspitzengefühl und nimmt eine rein beobachtende Position ein – das Publikum kann und muss sich eine eigene Meinung bilden. Am Filmfestival Visions du Réel hat von Arx den Film erstmals vorgestellt, und war von den Reaktionen der Zuschauer überrascht. «Es war gewaltig, ich war nicht darauf vorbereitet wie emotional die Leute auf den Film reagieren. Es gab Leute, die weinten, andere wiederum sind wutentbrannt aus dem Kino gelaufen», so die Regisseurin. Dafür hat sie auch eine Erklärung parat. «Die Entjungferung ist einer der emotionalsten Lebensmomente, die wir kollektiv teilen. Jeder erinnert sich daran, es ist ein Erlebnis, das mit dem Erwachsenenwerden zu tun hat. Die wenigsten Leute können das von etwas Emotionalem loslösen. Es ist mit ganz viel behaftet, mit Wünschen und Sehnsüchten. Und manchmal auch Enttäuschungen».

«Virgin Tales» kommt am 7. Juni in die Schweizer Kinos.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • coco am 05.06.2012 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Eigene Eintscheidung

    Ich persönlich finde die Sache mit dem Sex von der Ehe ist jedem selbst überlassen, aber es kann nicht sein, dass Mädchen zu einem Vertrag hingerissen werden und dort versichern, dass sie als Jungfrau in die Ehe gehen... Ausserdem finde ich es schlimm, dass in der heutigen Zeit jemandem die Bildung sozusagen verboten wird. Ich nehme ja an, dort wird nur dass gelehrt, was sie auch brauchen um eine gute Ehefrau zu sein (wie im Artikel beschrieben). Doch ich nehme an, diese Kinder werden es ihren Kindern genau so vorleben, da sie nichts anderes kennen und das ist Schade und bedenklich...

  • 16-Jährige am 05.06.2012 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Jugend

    Alle die hier schreiben, dass unsere Jugend in der Schweiz versext und verdorben ist, haben keine Ahnung. Die Leute sollten etwas selbstreflektierter sein bevor sie immer die Anderen kritisieren. Es nervt mich, dass über die schweizer Jugend immer nur geflucht wird. Denn was ich hier an Kommentaren über uns lese, ist definitiv nicht das, was zutrifft. Also bitte denkt zuerst an eure Jugend zurück bevor ihr uns immer kritisiert! Danke

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  • PatrickF am 05.06.2012 12:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufklärung?!?

    Heute gibt es genauso viel Leid wie damals auf der Welt. Erinnern wir uns noch einmal an die Zeit, wo wir uns in der Schweiz aus religiösen Gründen gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben. Die Aufklärung hat auch bewirkt, dass wir heute wissen, was in Afrika oder am Hindukusch läuft. Damals war uns das schlichtweg egal. Wissenschaft = Religion? Gewisse Gebiete, ja. Aber Glauben ist nicht gleich Wissen. Glauben Ist nur in der Lage, scheinbare Sicherheit zu vermitteln.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hindu am 06.06.2012 22:50 Report Diesen Beitrag melden

    ist nicht sensationell...

    Bei uns wird das seit Generationen so gemacht und wird in Zukunft weitergeführt.....

  • emanzipierter Mann am 06.06.2012 01:15 Report Diesen Beitrag melden

    "Bitte keine Bildung für die Mädchen..."

    Bildung soll Kinder unter anderem auch zu selbstständig denkenden Menschen erziehen. Leider glaube ich nicht, das Homeschooling durch fundamentalistische, gläubige Eltern dieses Ziel erreichen kann. Man kann nun die Töchter von anderen Mädchen mit emanzipierteren Zukunkftsvorstellungen abschotten, ihnen erzählen wie unnötig Bildung für sie sei und ihnen indoktrinieren, dass die Frau dem Manne von hinter dem Kochherd aus zu dienen hat... Die Kinder werden diese Werte der Eltern 1 zu 1 übernehmen! (Fortsetzung folgt...)

  • peter am 05.06.2012 13:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz?

    Also ich verstehe die ganzen Kommentare nicht. Lasst doch jeden glauben was sie wollen. Das ist ja das Schöne an der Religionsfreiheit. Ausserdem schaden diese damit wirklich niemandem. Wo ist hier nun die Toleranz? Ich finde, solang jeder Mensch in seinem Glauben niemandem schadet (schlussendlich egal welchen glauben) soll man ihn doch tolerieren.

    • Tommy am 05.06.2012 14:18 Report Diesen Beitrag melden

      Keine Übertoleranz

      Wenn sie denn niemandem schaden würden. Aber sie zwingen ihren 7 Kindern diesen Glauben auf, obwohl die viel zu jung sind um so eine Entscheidung zu treffen. Ausser dem sind mindestens ein Viertel der Amis so. Die gehen auch wählen und schaden mit ihren Ansichten anderen, die ihnen auch nicht schaden (z.B mit Ihren Ansichten zu Homo-Ehe, Abtreibung, anderen Religionen, Religionsunterricht in der Schule etc.) Man muss ihren Glauben zwar tolerieren (Religionsfreiheit) aber wir dürfen ihn auch kritisieren, so wie jede andere Ideologie auch (Meinungsfreiheit)!!

    • 72er am 06.06.2012 08:18 Report Diesen Beitrag melden

      @Tommy

      Wie kommst du darauf, dass sie ihren Kindern ihren glauben aufdrängen? Alle Eltern geben ihren Kindern ihre Überzeugungen mit auf den Weg.

    • Madaf am 07.06.2012 15:13 Report Diesen Beitrag melden

      Intoleranz?

      Ich hoffe Dir ist auch schon mal aufgefallen, dass die meisten religiösen Mensch auch nicht besonders Tolerant sind, wenn es um anders denkende Menschen geht. Ausserdem habe ich kein Problem damit, wenn jemand auf Sex verzichten will ... geht mich nichts an, aber dass das diese Kinder nicht wirklich freiwillig tun sollte Dir auch klar sein. Die wachsen so auf, die kennen es nicht anders. Möchte auch nicht wissen wie die Eltern reagieren würde, wenn sich eines der Kinder weigern würde. Aber am aller schlimmsten, finde ich, dass die Mädchen nicht in eine normale Schule dürfen!!!

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  • coco am 05.06.2012 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Eigene Eintscheidung

    Ich persönlich finde die Sache mit dem Sex von der Ehe ist jedem selbst überlassen, aber es kann nicht sein, dass Mädchen zu einem Vertrag hingerissen werden und dort versichern, dass sie als Jungfrau in die Ehe gehen... Ausserdem finde ich es schlimm, dass in der heutigen Zeit jemandem die Bildung sozusagen verboten wird. Ich nehme ja an, dort wird nur dass gelehrt, was sie auch brauchen um eine gute Ehefrau zu sein (wie im Artikel beschrieben). Doch ich nehme an, diese Kinder werden es ihren Kindern genau so vorleben, da sie nichts anderes kennen und das ist Schade und bedenklich...

  • Tommy am 05.06.2012 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    Sonderfall Religion

    In dieser (und 1000 anderen) Familie wird den Kindern von Geburt an eine Ideologie eingetrichtert, die sie noch gar nicht verstehen können! Sie haben keine Wahl! Aber woher soll ein 7-jähriges Kind wissen, ob das wirklich der beste Weg ist? Bei keiner anderen Sache ausser der Religion wird das toleriert! Wenn der Vater SVPler (oder jede andere Partei) ist, ist sein Kind dann auch SVPler? Das kann es genau so wenig verstehen. Wäre es ok, wenn er sein Kind nicht mit SP-Kindern in die Schule schicken will und es deshalb zuhause unterrichtet? Wäre genau so absurd!

    • ebenfalls tommy am 05.06.2012 15:35 Report Diesen Beitrag melden

      absurd

      du hast etwas nicht verstanden mein lieber, es geht hier nicht um ein partei sondern um religion.

    • Tommy am 05.06.2012 15:49 Report Diesen Beitrag melden

      @ebenfalls tommy

      Hab ich schon verstanden. Aber ich sehe da den Unterschied nicht (bevor ich vor 2 Wochen Gotteswahn gelesen habe war ich auch deiner Meinung, das Buch kann ich dir sehr empfehlen) Die Religion will die Entstehung des Universums etc. und Moral, Gut/Böse erklären. Das ist aber ein sehr kompliziertes Thema, wie soll sich ein kleines Kind dazu eine objektive Meinung bilden? Das ist mindestens genau so kompliziert wie die Reform des Gesundheitssystems, die Beziehungen zur EU o.ä. politische Themen! Trotzdem "labelt" man 5-J. Kinder bereits als Christen/Muslime, aber nicht als Rechts/Links!

    • christian anderegg am 05.06.2012 16:05 Report Diesen Beitrag melden

      check

      oder du hast nicht verstanden, dass dies ein Vergleich sein sollte

    • Peter Schmid am 05.06.2012 22:08 Report Diesen Beitrag melden

      was soll daran anders sein.

      ob Partei oder Religion, Indoktrination von Kindern ist vorallem bei Religionsthemen fatal für das Kind

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