Michail Chodorkowski

09. Februar 2011 07:29; Akt: 09.02.2011 09:36 Print

Einbrecher stehlen Film über Putin-Kritiker

Kurz vor der Premiere bei der Berlinale ist ein Dokumentarfilm über den russischen Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski gestohlen worden. Der Regisseur fürchtet um sein Leben.

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Michail Chodorkowski vor Gericht in Moskau. (Bild: Keystone/Misha Japaridze)

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Nach Angaben der deutschen Firma Farbfilm-Verleih brachen Diebe in der Nacht zum letzten Freitag in die Berliner Produktionsräume des deutschen Filmemachers Cyril Tuschi ein. Sie stahlen zwei PCs sowie zwei Laptops, auf denen Arbeitsmaterialien und die Endfassung des Films «Khodorkovsky» gespeichert waren. Andere Wertsachen seien zurückgelassen, die Räumlichkeiten verwüstet worden, teilte der Verleih mit.

Der Film beleuchtet das Schicksal von Michail Chodorkowski. Der frühere Besitzer des Ölkonzerns Yukos und ehemals reichste Mann Russlands muss wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen bis 2017 eine Haftstrafe absitzen. Beobachter halten das Verfahren für politisch motiviert, denn Chodorkowsi hatte sich als Kritiker des Ex-Präsidenten und heutigen Regierungschefs Wladimir Putin profiliert und sich für demokratische Reformen eingesetzt.

Wie in einem schlechten Krimi

Der Verdacht liegt auf der Hand, dass Putin-nahe Kreise hinter dem Diebstahl stehen. Die Berliner Polizei spricht von «hochprofessionellen Einbrechern». Regisseur Tuschi, dessen Vorfahren aus Russland stammen, ist jedenfalls eingeschüchtert. «Es ist wie in einem schlechten Krimi», sagte er der «Süddeutschen Zeitung». Er wohnt derzeit bei Freunden und sagt: «Man will mir Angst einjagen, und ich muss sagen, das ist ihnen gelungen.»

Bereits vor einigen Wochen war ihm eine Festplatte mit Teilen des Dokumentarfilms aus einem Hotelzimmer in Bali gestohlen worden. Cyril Tuschi hatte dort an der Endfassung gearbeitet. In fünf Jahren hatte er 180 Stunden Interviews gesammelt mit Angehörigen und ehemaligen Geschäftspartnern von Michail Chodorkowski sowie mit Politikern. Der grösste Coup gelang ihm, als er im Gericht während zehn Minuten mit dem Angeklagten selbst sprechen konnte – das einzige Interview dieser Art mit Chodorkowski seit seiner Inhaftierung.

«Hysterie» in Russland

In Russland sorgt der Film offenbar für grosse Nervosität. Der Regisseur spricht von «Hysterie». Am Wochenende schrieb die Wirtschaftszeitung «Kommersant» auf ihrer Titelseite, Tuschis Gesprächspartner müssten mit juristischen Konsequenzen rechnen. Der Filmemacher sagte der «Süddeutschen Zeitung», er glaube nicht, dass der russische Geheimdienst hinter den Diebstählen stehe: «Das wäre zu stillos.» Seine russischen Gesprächspartner hätten ihm aber geraten, er müsse jetzt um Personenschutz bitten.

Inzwischen ist Cyril Tuschi ganz abgetaucht, Interviewanfragen werden nicht mehr beantwortet. Denn ihr Hauptziel haben die Diebe nicht erreicht: Wenige Stunden vor dem Einbruch hatte der Regisseur eine frühere Version des Films an die Sektion «Panorama Dokumente» der Berliner Filmfestspiele gesandt. Dort wird «Khodorkovsky» am 14. Februar Premiere haben und an vier weiteren Festivaltagen gezeigt werden. Der Einbruch dürfte dem Film nun erst recht Publizität und damit Publikum verschaffen.

Fall wird überprüft

Erst kürzlich hat der russische Präsident Dmitri Medwedew überraschend angekündigt, den Fall Chodorkowski von einem von ihm geschaffenen Menschenrechtsrat überprüfen zu lassen. Dieser hat allerdings keine juristischen Befugnisse. Regisseur Cyril Tuschi übte sich derweil in Galgenhumor: «Ich wollte eigentlich einen Spielfilm über Julian Assange machen, aber das lass’ ich jetzt erst mal. Ich werde wohl einen Fantasyfilm drehen.»

(pbl)