«Being Julia»

06. April 2005 11:02; Akt: 07.04.2005 09:30 Print

Zwischen Lady und Luder

Ab dem 7. April im Kino: Annette Bening brilliert als exaltierte Diva in Istvan Szabos Theaterkomödie «Being Julia».

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London, 1938: Die Theaterschauspielerin Julia befindet sich im Zenit ihrer Karriere und fühlt sich doch nicht wohl in ihrer Haut. Nicht die Signale des nahenden Krieges beunruhigen die Mittvierzigerin indes, sondern die Zeichen ihres nahenden Alters. Doch dann tritt in der Theaterkomödie «Being Julia» plötzlich ein neuer Mitspieler auf: der junge Amerikaner Tom, ein glühender Fan und Verehrer.

Die geschmeichelte Diva lässt sich auf eine Affäre mit dem verräterischen Milchgesicht ein, was sich zunächst als wahrer Jungbrunnen erweist und nicht nur ihre Krähenfüsse glättet, sondern frischen Elan in ihre Bühnenperformance bringt. Mit dem Auftauchen der jungen Rivalin Avice aber, die ihr mit klimpernden Wimpern sowohl Lover, Ehemann und Rolle stehlen will, scheinen Julia alle Felle davonzuschwimmen. Doch die gerissene Komödiantin läuft erst im wahren Leben zur Hochform auf.

Ein jedes Handwerk führt nun mal zur «déformation professionelle», zur mehr oder weniger grossen berufsbedingten Macke: Journalisten notieren sich im Geiste Stichworte über ihre Freunde, Lehrer erziehen ihre Nachbarn - und Schauspieler begreifen mehr als andere auch ihr Privatleben als Bühne. Diese Doppelbödigkeit ist zugleich der Reiz und das Problem von István Szabós luftig-eleganter Theaterkomödie, die auf einem Stück des britischen Schriftstellers W. Somerset Maughan basiert.

Ein Problem, weil hier, wie Julias geisterhafter Mentor und verstorbener Kollege ihr posthum einschärft, das «reale Leben» ausserhalb der Bühnenbretter eine Illusion ist. Nichts ist also wirklich von Bedeutung im aufgekratzten Geplänkel, dessen eitle Selbstdarsteller den kommenden Krieg völlig ignorieren. Doch der mangelnde Tiefgang beeinträchtigt zwar die dramatische Spannung, jedoch nur wenig den Reiz von Julias Umtriebigkeit. Zumal der ungarische Regisseur, der schon in seinem Opernfilm «Zauber der Venus» seine Liebe zur Bühne bewies, seine Hommage an die Theaterwelt bis in die kleinsten Nebenrollen hinein wunderbar besetzt hat.

Alle Nuancen zwischen Lady und Luder

Doch wie sehenswert Julias Satelliten auch sein mögen - etwa Jeremy Irons als eitler Ehemann und Juliet Stevenson als ihr leidgeprüft-raubauziges Faktotum - , Annette Bening ist als exaltierte Diva einfach umwerfend. In einer temperamentvollen One-Zicken-Show, für die sie zum dritten Mal für den Oscar nominiert wurde, schillert sie in allen Nuancen zwischen Lady und Luder. Wedelt mit Federboas, raschelt mit Seidenröcken, lächelt zuckersüss und grantelt im Geheimen: Doch erst wenn sie kurz ihr Visier lüftet, ihr Herzschmerz hervorblitzt und sofort überspielt wird, beweist sie wahre Grösse.

Wenn gar nichts mehr geht, lässt sie Tränen fliessen: nicht à la Rotz und Wasser, sondern lieblich die Wange hinunterperlend. Welcher Mann könnte diesem Biest widerstehen, wer würde hier entrüstet «Lüge» rufen? Der raffinierte «Showdown» dieser amüsanten Komödie erweist sich so als Theatercoup weiblicher Selbstermächtigung, in dem Julia zum ersten Mal die Regie auf der Bühne und damit in ihrem Leben übernimmt. Chapeau!

«Being Julia» kommt am 7. April in die Kinos.

(ap)