Modenschau

12. Dezember 2011 12:29; Akt: 13.12.2011 16:58 Print

Reich und Schön

von Anne-Sophie Keller - Ein Abend mit der High Society des Club Of Nine und einer handvoll Models in Agent-Provocateur-Lingerie im Baur Au Lac.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Wie ist es, wenn sich die hohe Gesellschaft zum Feiern trifft? Am 10. Dezember wurde ich in die grosse, feine Welt losgeschickt, um genau das herauszufinden. Agent Provocateur veranstaltete eine Modeschau am Weihnachtsball des Club Of Nine. Agent Provocateur? Schöne Unterwäsche, alles klar. Aber was ist das genau für ein Club? Ich fange mal mit der Recherche an: Der Club Of Nine ist ein Verein, der Anfang der 90er Jahre in Zürich gegründet wurde, um die Freundschaft unter den Mitgliedern zu pflegen. Die Gründer sollen Abkömmlinge der ursprünglichen neun Herrschaftshäuser der Schweiz sein. Das tönt alles furchtbar kompliziert und exklusiv. Ist es auch. Und zwar so exklusiv, dass nicht einmal Google davon weiss. Im Web finde ich jedoch eine Seite des Clubs mit Informationen zum Weihnachtsball und zum (tadaa Überraschung:) jährlich stattfindenden Golfturnier.

Dresscode und Etikette

Auf der Einladung steht «Dresscode Black Tie». Für Frauen bedeutet dies: Cocktailkleid. Was ich irgendwie schön finde. Wann hat man schliesslich die Möglichkeit, ein bodenlanges Seidenkleid anzuziehen und mit dem teuersten Schmuck und dem edelsten Kaschmirschal auszugehen? Eben. Also warf ich mich in Schale, bestellte ein Taxi und stieg ganz ladylike beim Haupteingang des Zürcher Luxushotels aus. Dort erwarteten mich ein Portier, der mir beim Aussteigen half und ein anderer, der mir sofort einen Regenschirm über den Kopf hielt – obwohl das Taxi unter dem Vordach anhielt. «Jungs, ich werde ab ein paar Regentropfen schon nicht sterben», denke ich und sage: «Danke». Wenn die den ganzen Tag Höflichkeit vortäuschen müssen, kann ich das schliesslich auch.

Lifestyle of the rich and the famous

Im Hotel traf ich mich mit anderen Presseleuten in einer riesigen Suite, in der der Champagner floss und die Gespräche stockten. Namen kann ich mir sowieso keine merken. Gegen halb elf gings dann aber runter zu den Gästen. Und da staunte ich nicht schlecht: Die Damen trugen Ohrringe und Ketten im Wert eines Kleinwagens und die Männer hatten für den Ball Fliege und polierte Schuhe montiert. Die Dekoration des Raumes und der völlig überdimensionale Weihnachtsbaum waren entsprechend pompös. Wie so oft, war aber auch diese Welt auf den zweiten Blick etwas skurril. Die Männer waren grösstenteils viel älter als ihre gebotoxten Gattinnen. Die Herzdamen ihrerseits trugen tiefe Ausschnitte und nicht nur falsche Wimpern.

Die mitternächtlichen Erkenntnisse eines Partygirls

Ich lerne: Geld bedeutet weder Stil noch Klasse. Ausserdem schreibe ich ein innerliches Manifest. Dass ich eines Tages einen Mann heiraten möchte, den ich ehrlich und aufrichtig liebe. Dass ich mich niemals unters Messer legen will. Dass ich lieber Partygirl bleibe, statt It-Girl zu werden. Nach solch ernüchternden Gedanken, fallen mir auch die weniger schönen Details auf: Kiloschwere Perlen, die betagte Ohrläppchen in die Länge zogen, von der Finanzkrise geprägte Sorgenfalten und teilweise dermassen kurze Röcke, dass man eine gratis Anatomielektion erhielt. Unter uns: Wenn ich mich über zu kurze Röcke beklage, dann will das schon was heissen.

Szenewechsel

Genauso deplatziert wie die Minis waren, fühlte ich mich wenig später auch selber. Da konnten auch die Models, welche endlich den Laufsteg betraten, nichts mehr daran ändern. Natürlich sahen sie alle zauberhaft aus. Natürlich war die Unterwäsche echt sexy. Natürlich war das ein optisches Feuerwerk. Aber ich stand zwischen zwei 60-jährigen, die gerade darüber diskutierten, welches der Models falsche Brüste hat. Die Models waren in meinem Alter, konnten also die Töchter dieser Herren sein. Nachdem der Spuk vorbei war, wurde ausgelassen getanzt. Ich ging nach Hause, zog mich um, zerwühlte meine Haare und ging in einen Hip-Hop-Club. Irgendwie mehr meine Welt. Weil irgendwie echter.