Fahrende Kuriositäten

14. Juli 2011 15:06; Akt: 15.07.2011 10:56 Print

Schön schräg - aber legal

von Oliver Baroni - Nachdem das Jonschwiler Autöffli aus dem Verkehr genommen wurde, war die Enttäuschung bei seinem Erbauer gross. Zu Recht. Denn andere seltsame Gefährte dürfen in der Schweiz herumfahren.

Video: Philipp Rüegg.
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Armer Sebastian Küttel! Sein «Autöffli» wurde auf seiner Jungfernfahrt im sankt-gallischen Jonschwil von der Polizei gekapert. Während sich die Behörden auf die Strassenverkehrsordnung beriefen, ruft das Volk zu Nachsicht gegenüber dem 17-jährigen Konstrukteur auf. Vor allem bedauern seine Sympathisanten, dass die Kreativität eines jungen Hoffnungsträgers im Keim erstickt wurde. Doch es bleibt ihnen nur der wehmütige Blick gen Grossbritannien, wo es fahrende Sofas, Gartenhäuschen und Badezimmer gibt, die allesamt legal auf der Strassen zugelassen sind.

Zwar gibt es keine fahrenden Arvenstübli auf Schweizer Strassen, doch das eine oder andere mitunter exzentrische Gefährt wird ab und an auch hierzulande gesichtet. Autos mit freiliegenden Motoren, ohne Kotflügel oder mit Türen, die frei nach Mr. Bean mit aufgeschraubten Riegelschlössern gesichert werden. Wer nach solchen Autos sucht, landet früher oder später im Zürcher Oberland, wo Autorestaurator Ery Sedak nicht wenige solcher Monstrositäten konstruiert und – noch wichtiger – bei den jeweiligen Zulassungsbehörden auch durchgebracht hat.

Nichts für Warmduscher

Ortstermin bei der Garage Sedak, Wetzikon. Ein 1932er Hot Rod Ford steht auf dem Vorplatz. Steht? Nein, das Teil liegt förmlich - tief und böse - und sieht dabei sensationell aus. Dies aber keineswegs wegen überladener Ausstattung, denn allzu viel ist an diesem aufgemotzten Oldtimer nicht dran. Kotflügel? Brauchts nicht. Motorenabdenkung auf der Seite? Fehlt gerade. Stossstangen? Für Warmduscher.

So richtig spannend wird es bei einem Blick aufs Interieur. Komfort wird grossgeschrieben: Es hat nämlich Sitze - und zwar deren zwei. Diese stammen aus einem Weltkriegs-Bomber und sind aus Metall. Eine Klimaanlage gibt es ebenfalls: Sie besteht aus einem riesigen Loch im Dach.

So weit, so exzentrisch. Hat man sich aber mittels Yoga-ähnlicher Körperwindungen hinters Lenkrad gequetscht und lässt die Zündung an, erlebt der Lenker eine mittelgrosse Explosion. «Ja klar», so Auto-Restaurator Sedak, «es heisst ja nicht umsonst ‹Verbrennungsmotor›.» Aber das Erstaunlichste an dem Teil: Es ist komplett für Schweizer Strassen zugelassen.

Kotflügel erst ab 1933

Und wie schätzt der Hot-Rod-Konstrukteur den Fall des Jonschwiler Autöfflis ein? «Das geht natürlich nicht!», so Sedak. Nicht, dass er dem Konstrukteur unterstellen möchte, er habe keine saubere Arbeit geleistet. Nein, das Problem liege vielmehr darin, dass das Teil nicht amtlich abgenommen wurde. «Es gibt nun mal Gesetze und Vorschriften, die eingehalten werden müssen. Meine Autos erfüllen die.»

Wie bitte? Ein rostgebeutelter Böller auf Rädern erfüllt die Vorschriften des Strassenverkehrsamts? «Sehr wohl, denn alle Vorschriften beruhen auf bereits geltenden Bestimmungen. Genau hier liegt das Problem beim Autöffli: Weil es noch nie etwas Vergleichbares in der Schweiz gab, gilt es als Neukonstruktion und muss somit allen neusten Normen entsprechen. Ein Auto, das sich auf eine historische Präzedenz berufen kann, muss zwar ebenfalls Sicherheitsstandards erfüllen, kann sich aber auf bestehende, ältere Bestimmungen stützen. Wenn die Vorschriften schon Jahrzehnte existieren, ist die gesetzliche Lage ganz anders. Kotflügel, zum Beispiel, waren erst ab dem 1.1.1933 Vorschrift.»

Schweizer Qualitätsarbeit

Sedak, der selbst einen Mini Cooper fährt (einen alten, selbstverständlich), konstruiert unterschiedlichste Autos. Zurzeit arbeitet er an einer Total-Restauration eines Aston Martin DB4 aus den frühen Sechzigerjahren. Seine persönliche Vorliebe gilt aber den Hot Rods, jener anarchistischen Untergattung der amerikanischen Custom-Car-Kultur, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Frontheimkehrern – vor allem Luftwaffenangehörigen – gegründet wurde.

Anders als manche Ur-Hot-Rodder der Fünfzigerjahre besitzt Sedak aber diesen urschweizerischen Ehrgeiz, Qualitätsarbeit abzuliefern. «Die Schweizer MfK ist eine sehr strenge Prüfung. Dementsprechend müssen alle Arbeiten mit fachmännischer Hand erledigt worden sein. Meine Autos sehen zum Teil – je nach Kundenwunsch – von aussen ziemlich mitgenommen aus. Doch mechanisch sind sie in einem Topzustand.»

Mehr Informationen zu Ery Sedaks Restaurationen gibt es unter www.dreamsonwheels.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Christian Berther am 14.07.2011 18:42 Report Diesen Beitrag melden

    hot Rod 4ever

    Absolut genial

  • Marcel Tschanz am 17.07.2011 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    Bestizstandsgarantie

    Leute, das nennt man Besitzstandsgarantie. Etwas das heute erschaffen wird und den geltenden Gesetzesbestimmungen entspricht soll auch in Zukunft legal bleiben, auch wenn es den künftigen Bestimmungen nicht mehr entspricht. Alles andere wäre eine krasse willkürliche Verletzung der Eigentumsgarantie.

  • Marco Hollenstein am 14.07.2011 18:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kreativität beschnitten durch Wirtschaft

    so ist's halt. Wenn keine wirtschaftliche Interessen gedeckt werden, muss es auch nicht erlaubt werden. In Zukunft dürfen Private nicht mal mehr einen Papierflieger falten, weil dann mit Sicherheit eine Patent- oder Urheberrechtsverletzung vorliegt,

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Patrick W. am 20.07.2011 02:09 Report Diesen Beitrag melden

    Sicher individuell

    Individualität? Sicher! Aber nicht auf Kosten anderer Verkehrsteilnehmer, deren Vehikel WURDEN bereits aauf Sicherheit geprüft.

    • Buggy's 4-life am 21.07.2011 15:57 Report Diesen Beitrag melden

      Sicherheit

      Fahrzeuge werden immer auf Sicherheit geprüft. Im vergleich zu Deutschland müssen in der Schweiz beispielsweise oftmals Fahrzeuge umgebaut werden, welche in Deutschland bereits so eingelöst werden. Die schweizer Verkehrsgesetze sind sehr hoch. Manchmal auch etwas absurd, aber die Sicherheit wird hoch geschrieben. Und ohne Prüfung darf man ja eigentlich nicht auf die Strasse.

    • Tim Ogi am 24.07.2011 17:02 Report Diesen Beitrag melden

      Schwer genug

      @ Patick: Ich als Oldtimer-Besitzer kann sagen: Die Gesetze sind streng genug! Top originale, restaurierte Oldtimer muss man hier 5-10 mal vorführen. Wohlgemerkt Fahrzeuge, welche in Deutschland nach 15 Minuten eine H-Zulassung bekommen! Nirgends ist es so schwer Autos zuzulassen wie hier!

    • Charlie Harper am 27.07.2011 17:54 Report Diesen Beitrag melden

      MFK in der Schweiz!

      Jedes in der Schweiz zugelassene Fahrzeug erfüllt die Sicherheitsbestimmungen gemäss der obligenden Gesetze. D.h. Fahrzeuge z.B. aus den Jahr 1932 müssen "nur" die Sicherheitsrelevanten Gesetze von heute erfüllen. (Bremsen, Achsen, Stossdämpfer etc.) Beispiel: 1928 hat Ford das Modell A produziert. Das Fz. hat nur eine Heckleuchte und keine Blinker. Heute immernoch so zugelassen! Für mich wiederum kein Grund, dies nicht nachzurüsten (originalgetreu versteht sich!) Und glaubt mir, die Zulassung in der Schweiz hat einen sehr hohen Standart, also sorgt Euch nicht um die Sicherheit!

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  • Buggy's 4-life am 17.07.2011 20:37 Report Diesen Beitrag melden

    conrey GmbH

    Bei der Conrey GmbH im Berner Seeland gibt es auch Fahrzeuge welche nicht alltäglich sind in der Schweiz, wie zum Beispiel der Dorton Walker special 800 welcher erst gerade die Typengenehmigung in der Schweiz erhalten hat. Oder der PGO 500i Buggy und und und

    • Ery Sedak am 19.07.2011 08:05 Report Diesen Beitrag melden

      Cool!

      Das hört man gerne! Abwechslung und Individualität sollte mehr gefördert werden!

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  • Marcel Tschanz am 17.07.2011 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    Bestizstandsgarantie

    Leute, das nennt man Besitzstandsgarantie. Etwas das heute erschaffen wird und den geltenden Gesetzesbestimmungen entspricht soll auch in Zukunft legal bleiben, auch wenn es den künftigen Bestimmungen nicht mehr entspricht. Alles andere wäre eine krasse willkürliche Verletzung der Eigentumsgarantie.

  • Kudi am 16.07.2011 15:06 Report Diesen Beitrag melden

    Autokennzeichen

    Komisch, das einzige Autokennzeichen, das ich sehe, stammt aus Amerika. Der ist hier sicher nicht zugelassen

  • Hotter than Rod am 15.07.2011 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Boah ey!

    Ich will diese Autos heiraten!!