26. Oktober 2006 17:37; Akt: 27.10.2006 14:36 Print

Swiss Punx zum Dreissigsten

Eine Jugendbewegung feiert ihren 30. Geburtstag: Punk. Hierzulande war die Szene Ende der Siebzigerjahre tief verwurzelt. Ein Rückblick.

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Bildstrecke: Swiss Punx

Die Ideologie
Die Punk-Ideologie war, dass es keine gab. Alles war möglich, und der Spass an der Sache stand im Vordergrund. Alles war erlaubt: Sei es freie Liebe oder Homosexualität. Es ging darum, die bürgerlichen Zwänge und die Langeweile niederzureissen. Der erste Punk-Disco-Abend fand im Dezember 1976 im damaligen Schwulen-Club Hey beim Zürcher Bellevue statt.

Die Mode
In Zürich eröffnete im Oktober 1976 der Booster als erster Kleiderladen mit Punkklamotten seine Tore – noch bevor die Sex Pistols ihre legendäre Single «Anarchy in the UK» veröffentlichen konnten. In Bern war das Olmo der Mittelpunkt der Szene. Die heutige Modezarin Vivienne Westwood war die «Queen of Punk», ihr Lebensgefährte «Punk-Erfinder» Malcolm McLaren. Das Schweizer Pendant Stefi Talman entwarf 1979 den legendären Zip-Schuh. Catherine Deneuve liess sich von Ursula Roders Label Thema Selection einkleiden. Dieter Meier und Yello spielten an einem Thema-Selection-Event ihr erstes Konzert.

Die Frauen
Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern war in der Punkszene so selbstverständlich wie die Sicherheitsnadel, die selber gemachten Buttons und der Nietengurt. Deshalb spielten auch so viele Frauen in Punk-Bands. Die Frauenband Kleenex wurde so berühmt, dass sie auf Druck des gleichnamigen Taschentuchherstellers ihren Namen ändern musste. Weitere einflussreiche Frauen waren Iggie Wiederkehr und Sara Schär, die schon mit 13 Jahren ins Mikro schrie.

Die Kunst
Das Cover der ersten Kleenex-CD entwarf kein Geringerer als Peter Fischli vom mittlerweile weltberühmten Künstlerduo Fischli&Weiss. Dabei hätte dies Kleenex-Gründerin Klaudia Schifferle wohl auch selbst erledigen können. Mittlerweile ist sie Dozentin an der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Zürich und eine vielfach preisgekrönte Künstlerin. Darüber kann man heute wohl nur schmunzeln. Über Beat Schlatter auch: Seine Band hiess Sperma.

Die Medien
Fischli entwarf nicht nur Plattencovers, sondern war auch am grössten Schweizer Punk-Fanzine dieser Zeit – «No Fun» – beteiligt. Daneben war François «FM» Mürners Radiosendung «Musik aus London» auf Radio DRS 1 eine der wenigen Informationsquellen für Punk. Der heutige Technopapst Arnold Meyer veröffentlichte mit «Shit» das kleinste Punk-Fanzine der Welt (Format A6). Als 13-jähriger Knirps ergatterte er sich ein Interview mit Debbie Harry von Blondie.

Die Musik
Das Schweizer Musikschaffen bestünde ohne Punk «nur» aus «Grüezi wohl, Frau Stirnima» und Berner Mundartrock. Die weltberühmte Band Yello, Vorreiter der Techno- und Electro-Szene, entstand im Umfeld der Punkbewegung Ende der Siebzigerjahre. Auch Grauzone, die erste Band von Stephan Eicher, hatte ihren Ursprung in der Punkszene. Ihr Song «Eisbär» gilt weltweit als Klassiker.

DAS BUCH
Mit dem Buch «Hot Love: Swiss Punk & Wave 1976– 1980» wird am 4. November die Schweizer Punk-Bibel veröffentlicht. Auf mehr als 300 Seiten ist die Schweizer Punk-Szene der ausgehenden Siebzigerjahre dokumentiert und zeigt dabei vor allem eines: Die Punker und ihre Ideale von damals sind in der Schweiz von heute tonangebend und tief verankert.
Lurker Grand, «Hot Love: Swiss Punk & Wave 1976-1980», Edition Patrick Frey, 324 Seiten, 68 Franken.

Matthias Menzl