Branchen-Check

25. September 2018 05:41; Akt: 25.09.2018 13:08 Print

Was sind Influencer ohne Likes noch wert?

Kanye West will, dass Social Media auch ohne öffentliche Likes und Followerzahlen genutzt werden können. Eine Massnahme, die Influencer die Job-Grundlage kosten würde.

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Kanye West findet, dass man auf Social-Media-Plattformen die Möglichkeit haben sollte, Likes und Followerzahlen zu verbergen. Michèle Krüsi findet, die Idee greife zu kurz. Der Druck, den Social Media auf die Nutzer ausüben, komme nicht von den Zahlen allein – sondern vor allem vom gezeigten Inhalt. «All die Fotos, die einem als Betrachter vermitteln können, diese Person hätte den besseren Körper, die bessere Beziehung, die abenteuerlicheren Ferien. Man darf nie vergessen, dass Social Media nur Ausschnitte aus dem Leben zeigt», so die Zürcher Influencerin. Insta-Star Zeki aka Swissmeme findet: «Für den privaten Gebrauch kann ich getrost auf Likes verzichten. Wenn man aber beispielsweise als Unternehmer seine Seite promoten will, dann sind eben jene Social-Media-Likes schon ein Indiz dafür, ob man alles richtig macht.» Die Luzerner Influencerin Anja Zeidler findet Kanyes Idee genial und jagt ohnehin nicht mehr blind den Likes nach. «Ich poste immer wieder mal ein Bild nur mit Text oder ein lustiges Foto meiner Katze. Diese geben zwar nicht so viele Likes, wie ein perfekt inszeniertes und aufwendig bearbeitetes Bild, aber sie sind echt.» «Früher habe ich sehr darauf geachtet, dass ich Fotos poste, die garantiert Likes geben. Likes wurden im Verlauf der letzten Jahre krankhaft wichtig, nicht nur bei Influencern, ich beobachte es auch bei meinen echten Freunden und das ist echt tragisch. Der Druck macht uns alle krank», sagt Anja. Sie würde die Option, Bilder ohne Like-Anzeige zu posten, sofort nutzen, so Anja. «Heute bin ich selbstbewusst genug und poste, was ich fühle. Bei mir steht die Message im Vordergrund. Ich will zu Selbstliebe inspirieren!» Daniel Koss ist Gründer der Influencer-Agentur Yxterix, bei der Xherdan Shaqiri, Noelia oder Gabirano unter Vertrag sind. Aus geschäftlicher Sicht sind für ihn die Likes und Followerzahlen massgebend. «Wir als Yxterix brauchen Likes überhaupt nicht. Wir verkaufen Aufmerksamkeit im Internet – die ist genau gleich hoch mit oder ohne Likes. Likes und Follower helfen aber das Ganze greifbar zu machen. Wir brauchen messbare Zahlen, die als Richtlinie für die Preise verwendet werden können.» Dieser Ansicht ist auch Fabian Plüss, Co-Gründer der Agentur Kingfluencers. Wir könnten auch mit internen, nicht öffentlichen, Indikatoren arbeiten. Ich glaube jedoch, dass dann die Plattformen stark an Attraktivität verlieren würden. Instagram ist eine Performance-Plattform, wer am besten performt ist am meisten angesagt – das macht die Plattform für User und Brands attraktiv.» Kanye West denkt laut über das Unmögliche nach: Er fordert, dass auf den wichtigsten Social-Media-Plattformen die Likes- und Follower-Zahlen nicht mehr angezeigt werden – oder dass zumindest die Option eingeführt wird, die Anzeige der Zahlen auszuschalten. Über das Wochenende hat West auf Instagram und Twitter mehrere Posts zum Thema abgesetzt. «Viele Menschen denken, dass Likes Liebe bedeuten», schreibt er zu diesem Bild. Der Druck, auf Social Media möglichst viele Likes und Follower zu generieren, habe «immense, negative Auswirkungen». Kayne Wests Ehefrau, Social-Media-Überfigur Kim Kardashian (37), stimmt mit dessen Ansichten überein und teilt ihren Support in den Kommentaren zu Kanyes Posts. Kanye postet erst seit 12 Tagen nach einer längeren Pause wieder auf Instagram. Neben seiner wichtigen Mission fand er auch Zeit, dieses Foto mit seinem Sohn Saint zu posten. Es sei keine Werbung, schreibt Ye. Dafür gibts bisher knapp eine halbe Million Likes.

Zum Thema
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Kanye West will die Welt verändern. Am Wochenende hat er den Chefs der wichtigsten Social-Media-Marken vorgeschlagen, dass sie ihre Plattformen umbauen und die Möglichkeit anbieten sollen, sie ohne Anzeige von Likes und Followerzahlen nutzen zu können. West sieht im konstanten Streben nach möglichst vielen Likes einen ungesunden Druck: «Menschen begehen Selbstmord, weil sie nicht genug Likes erhalten.»

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Ob Kanyes Vision bei Instagram, Snapchat, Facebook und Twitter tatsächlich ernst genommen und angegangen wird, ist fraglich. Interessant ist das Gedankenexperiment allemal. Auch für all die Influencer, die in den letzten Jahren aus Likes und Follower-Masse ein sehr lukratives Geschäft gemacht haben und zu Stars mit immensen Reichweiten und Einfluss geworden sind.

Zeidler würde sofort mitmachen

Wie finden sie Kanyes Vorschlag? Anja Zeidler (25) ist die Schweizer Proto-Influencerin und schon früh auf den Zug aufgesprungen. Mittlerweile hat sie 321'000 Follower auf ihrem Haupt-Account. Sie gibt Kanye recht. «Das ist eine geniale Aussage von ihm. Ich würde die Option sofort nutzen und fände es gesund, wenn so viele wie möglich mitziehen.»

Zeidler findet, das der Zwang, Likes zu sammeln, krankhafte Züge angenommen hat. «Nicht nur bei Influencern, ich beobachte es auch bei meinen echten Freunden und das ist echt tragisch.» Sie poste deshalb auch immer wieder mal Bilder von ihrer Katze oder einem Inspo-Quote. «Die geben zwar weniger Likes. Aber sie sind im Moment entstanden und echt.»

Nicht die Zahlen, sondern die Inhalte machen Druck

Michèle Krüsi (27) aka The Fashion Fraction erreicht mit ihren Posts 362'000 Follower. Auch sie mag Kanyes Idee. Denkt aber, dass der Druck, den Social Media auf die Nutzer ausüben, nicht von den Zahlen allein kommt – sondern vor allem vom gezeigten Inhalt.

«All die Fotos, die einem als Betrachter vermitteln können, diese Person hätte den besseren Körper, die bessere Beziehung, die abenteuerlicheren Ferien. Man darf nie vergessen, dass Social Media nur Ausschnitte aus dem Leben zeigen.»

Das Ausblenden der Likes und Follower würde gemäss Krüsi wohl nur bedingt einen Einfluss auf das Befinden der Nutzer haben. «Die Möglichkeit zu geben, dass jeder Nutzer selbst entscheiden kann, ob er die Zahlen angezeigt haben möchte oder eben nicht, ist aus meiner Sicht auf jeden Fall sinnvoll», so Krüsi.

Agenturen brauchen Zahlen

Agenturen sorgen im Hintergrund dafür, dass Influencer wie Zeidler und Krüsi aus ihren Posts Geld machen können. Daniel Koss (21) ist Geschäftsführer von Yxterix und kümmert sich um die Social-Media-Vermarktung der Fussballstars Xherdan Shaqiri und Breel Embolo oder der Comedians Noelia und Gabirano. Er findet Kanyes Vorstoss spannend, doch nicht zu Ende gedacht. «Wir als Agentur brauchen Likes überhaupt nicht. Wir verkaufen Aufmerksamkeit im Internet – die ist genau gleich hoch mit oder ohne Likes.»

Jedoch würden Likes helfen, Reichweite und Einfluss greifbar und damit auch klarer vermarktbar zu machen. «Wir brauchen messbare Zahlen, die als Richtlinie für die Preise verwendet werden können.» Die Kennzahlen, die Kanye kritisiert, helfen den Influencern und ihren Managern, was sie den Kunden überhaupt verkaufen können. Fürs Geschäft sind sie eine Erleichterung.

Koss zieht einen Vergleich zum Lohn: «Zu Beginn ist er tief und wird erst im Verlauf der Karriere langsam höher – aber würden diejenigen, die sich über den zu tiefen Lohn beklagen, deswegen alle Löhne abschaffen wollen?»

Die harte Social-Media-Währung

Fabian Plüss (35), Gründer von Kingfluencers, will ebenfalls nicht auf Likes verzichten. «Für uns wäre es suboptimal, wenn wir nicht mehr mit Indikatoren wie Follower, Views, Likes, Shares und Comments arbeiten könnten.» Sie seien die «harte Social-Media-Währung», die es erlaubt, über Relevanz eines Influencers zu urteilen.

Für Plüss wäre es zwar denkbar, mit nicht-öffentlichen Messwerten zu arbeiten. «Ich glaube jedoch, dass die Social-Media-Plattformen für die User stark an Attraktivität verlieren würden.» Der Mensch brauche einen gewissen Wettbewerb, der ihn antreibt und Höchstleistungen erst ermöglicht. Wests Forderung findet Plüss übertrieben: «Ich könnte mir vorstellen, dass er selbst stark unter diesem Druck leidet und daher diese Forderung stellt.»

(fim)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Social Pressure am 24.09.2018 05:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstbestimmung

    Ich mag die Idee. Es kann daraufhin jeder selber entscheiden.

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  • Patricia am 24.09.2018 05:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Idee

    Find dich eine gute Idee. Dieses Ringen um Likes und die Identifikation darüber nimmt mittlerweile abnormale Ausmasse an. Evtl wird dann auch weniger Sinnloses eingestellt nur um Likes zu bekommen.

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  • Lucy F am 24.09.2018 06:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bist Du jemand oder definierst Du dich anhand Like

    Recht hat er. Die persönliche Ausblendung der Likes könnte ein guter Anfang sein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anna am 25.09.2018 15:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hää

    Wann kommt die Menschheit endlich in die Eigenverantwortung?

  • Peter Miller am 25.09.2018 15:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht süchtig - mag aber Fotos zu teilen

    Ich habe (noch) FB und Insta. Dennoch interessieren mich die Likes nicht. Wem ein Bild gefällt und dies mit einem Like oder einem Comment ausdrückt, danke. Aber es erfreut mich mehr - wenn meine Bilder online sind - ohne Likes oder Comments zu zählen. Wobei nicht heissen soll, das mich die Likes/Comments nicht erfreut. Auf der anderen Seite zeigt es mir doch - meine Fotos werden geschätzt oder für schön empfunden. :)) Schwierig zu erklären, aber ich denke, einige verstehen, was ich sagen will. Wer nicht, dann halt nicht.

    • Neumann am 26.09.2018 12:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Miller

      Wir verstehen was du meinst, Peter. Geht mir ja auch so. Ich teile auch gerne die Fotos meines Willies. Und freue mich dann auf den positiven Feedback all der Menschen da draussen.

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  • Dave74 am 25.09.2018 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Geltungssucht

    Genau. Die Likesüchtigen werden dann die Funktion deaktivieren und etwa noch auf gefühlte 20 Selfies pro Tag verzichten? Das ändert doch gar nichts, wenn man nicht wieder beginnt der Jugend flächendeckend und nachhaltig beizubringen, was echte, reale Werte sind. Da ist oft soviel Heuchelei und/oder Bosheit mit im Spiel, dass man eigentlich erkennen sollte, dass es nicht der Realität entspricht. Aber wenn man nie gelernt hat dies zu erkennen... Und übrigens: gerade einem, der dauernd in der Klatschpresse rumturnt, nehme ich die Ernshaftigkeit des Anliegens nicht ab.

  • Peter Hässig am 25.09.2018 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Alles ist Druck.

    Unsere ganzen Leben basieren auf (Leistungs)Druck - eine Veränderung bei Social Media hilft da wenig. Wir müssen lernen, wie wir ticken (Intro/Extrovertiert, und wie wir auftanken und ausgeglichen sein können & Vorteile, Risiken und Gefahren unserer Persönlichkeit) - das würde nicht nur Social Media verändern, sondern unser ganzes Leben verbessern

  • Marcus Severus am 25.09.2018 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Prognose

    Dann wird Instagram halt sterben und eine andere Plattform die ein ähnliches Feature bietet wird an ihre Stelle treten. Wieso sollten die Leute den ganzen Mist Online stellen wenn nicht um damit Likes abzusahnen ;-) Ich komme übrigens ganz gut ohne Instragram und Likes aus und habe noch nicht mal das Gefühl dass mir was fehlt.