Tom Odell am Blue Balls

26. Juli 2018 21:48; Akt: 27.07.2018 01:03 Print

«Ich bin halt auch nur ein narzisstischer Popstar»

von Neil Werndli - Kurz vor dem Release seines neuen Albums trat Tom Odell am Blue Balls auf. Nebst einer Vorschau auf die neuen Songs lieferte der britische Singer-Songwriter auch ein Geständnis ab.

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Wer hört eigentlich Tom Odell? Verkommt der 27-jährige Brite zu einem One-Hit-Wonder, das seinen Zenit bereits mit seiner ersten Single «Another Love» überschritten hat, oder schafft er es auch sechs Jahre später noch, die Fans abzuholen?

Die Antwort ist ein klares Jein, wie der Gig am Blue Balls Festival im Luzerner KKL zeigte.

Zu talentiert für unsere Zeit

Eins vorweg: Tom Odell ist ein Pianist, der sein Handwerk versteht und mindestens so gut singt, dass er bei «The Voice» in den Top drei landen würde. In einem Zeitalter, in dem auch talentfreie Schmierfinken zu Popstars hochstilisiert werden können, brilliert er mit technischem Können und elegantem Songwriting. Das macht ihn schon fast zu einem Exoten inmitten von Autotune-Helden, nuschelnden Rappern und DJs, die kein einziges Instrument beherrschen.

Seine Virtuosität stellt Odell auf der KKL-Bühne bereits im überraschend bluesigen Opener «Still Getting Used to Being On My Own» zur Schau. Mit seinem schwarzen Blazer wirkt er genauso stilvoll wie die Blue-Balls-Klientel, die heute zu einem grossen Teil aus Hemdträgern besteht, die anscheinend direkt aus dem Büro ans Festival gepilgert sind.

Shazam im Konzertsaal

«I guess I'll always be hanging around with the wrong crowd», singt Odell auf seinem aktuellen Album, und so falsch liegt er damit nicht. Doch der Blondschopf hat seine Hausaufgaben erledigt, versucht das Publikum mit allen Kniffs des Festival-Handbuchs aus der Reserve zu locken – und scheitert stets. Der Applaus bewegt sich ungefähr auf dem anständigen Niveau einer trockenen Generalversammlung.

Eine Anekdote: Sobald ein Gassenhauer, etwa das frühe Highlight «Concrete», die Menge immerhin ein bisschen zum Tanzen bringt, konsultiert ein Zuschauer in unserem Blickfeld Shazam, um herauszufinden, was hier überhaupt gerade passiert.

«Frauen sind das bessere Geschlecht»

Vom mangelnden Publikumsengagement lässt sich Odell die Bühnenlaune nicht ruinieren. Seine Songs lässt er auf verspielte Art und Weise eskalieren, baut hie und da ein keckes Solo ein – an einem Punkt spielt er «Für Elise» an –, geht im Fotograben auf Kuschelkurs mit den Fans und tanzt enthusiastisch auf seinem Piano herum.

Ausserdem gewährt er eine Sneak Peek in sein für den Herbst angekündigtes Album «Jubilee Road» und lässt sich vom Namen des renommierten Luzerner Festivals sogar zu einem Lacher hinreissen. «Der nächste Song passt zu ‹Blue Balls›», sagt Odell vor «Jealousy».

«Er handelt von einer Frau ... ich war jung und naiv und sie hing mit einem anderen Typen rum.» Das habe letzten Endes zum Streit geführt. «Wir Männer sind furchtbar – Frauen sind einfach das bessere Geschlecht», findet er. «Und ich bin halt auch nur ein dummer, narzisstischer Popstar.»

Der Hit ist durch – ab nach Hause

Nach gut einer Stunde belohnt Odell die Besucher dann mit seinem Durchbruch-Hit «Another Love».

Im Anschluss hängt der Star des Abends noch eine Zugabe an. Unter anderem performt er «Magnetised», das vor seiner Show bereits von den Berner Newcomern Another Me auf der KKL Plaza gecovert wurde. In diesem Moment hat ungefähr ein Drittel des Publikums die Halle aber bereits verlassen.