INTERVIEW

03.02.2011 Print


Titel als GrafikSeven: «Ich musste mir den Schweizer Soul selber zimmern»

von Thierry Kuhn - Anlässlich der kommenden Unplugged-Tour von Seven ist uns der Soulsänger Rede und Antwort gestanden.





Deine «Unplugged»-Kampagne die ja etwas anders daherkommt, ist am Laufen. Wie ist die Idee entstanden?
Seven: Ich hatte nach fast zehn Jahren auf grossen Bühnen Lust, zurück in die Stube zu gehen, wo die Musik ja herkommt. Wir waren vor einem Jahr auf Theatertour und mir ist aufgefallen, dass die Songs im Unplugged-Kleid anders funktionieren und einen ganz anderen Glanz erhalten. Es hat mir dann so viel Spass gemacht, dass ich eine ganze Unplugged-Scheibe machen wollte. Und zwar ganz rudimentär, ohne Effekte und Zutaten. Weniger ist mehr.

War das bereits während dem Produzieren von «Like A Rocket» ein Thema, sodass auch Unplugged-taugliche Songs entstehen?
Nein, ich hatte einfach den Vorteil, dass ich auf meiner Kleintheatertour herausspüren konnte, welche Songs sich am besten eignen. Zur Auswahl standen alle Songs aus den letzten zehn Jahren, sprich sechs Seven-Alben. Nach kleinen Unplugged-Shows hatte ich dann das Bedürfnis, die Songs im Studio umzusetzen, was meiner Meinung nach gut funktionierte. Die besten zwölf Songs landeten schlussendlich aufs Unplugged-Album. Vielleicht haben wir den Nerv der Zeit getroffen, denn uns haben die Leute die Bude eingerannt.

Geht es auch darum, nicht zu stagnieren? Oder bleibt dir noch genügend Spielraum, dich neu zu erfinden?
Ich glaube natürlich, dass ich mit meiner Art von Musik einen grossen Vorteil habe. Ich kann mit meinem Gitarristen eine halbe Stunde in der Ecke spielen, gleichzeitig kann ich aber mit einem 50-köpfigen Orchester im KKL vor 1800 Personen einen zweistündigen Abend füllen. Meine Art von Musik ist also sehr wandelbar. Natürlich habe ich sehr gute Musiker, die mir das auch ermöglichen. Ich kann auf dem Gurten auf der Hauptbühne oder einfach in einem Kleintheater spielen. Das ist ein grosser Vorteil.

Entwickeln heisst auch expandieren. Wie sehr reizt es dich, international durchzustarten? Den Nachteil der Sprachbarriere gibts bei dir nicht.
Das wäre ganz klar ein logischer Schritt, der sein muss. Ich finde, dass mir die Schweiz auch die nötige Unterstützung bietet, denn ich mache ja keine Musik mit schweizerischem Hintergrund. Ich musste mir die Schublade «Schweizer Soul» selber zimmern. Aber die Schweiz hat sich darauf eingelassen, die Leute kaufen meine CDs und kommen an meine Konzerte. Ich darf mich über meine Homebase wirklich nicht beklagen.

Ich konnte nach meinem Wechsel zu Sony Music einen Deal für Deutschland, Österreich und der Schweiz unterschreiben und darf dieses Jahr in Deutschland mein Debüt veröffentlichen. Die erste Single ist im Anmarsch und das Album ist ein Sammelsurium, bestehend aus Songs, die der Schweizer bereits kennt. Es werden alle dasselbe zu hören kriegen, aber in Deutschland kennt man mich nicht und ich muss dort natürlich bei null anfangen.

Was hat man für Erwartungen, wenn man ausserhalb der Homebase bei null anfangen muss?
Auf der einten Seite muss du natürlich Leuten vertrauen, die den deutschen Markt besser kennen als ich. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass wir mit super Werkzeugen ins Rennen gehen können. Das heisst, wir haben zehn Jahre Erfahrung. Ich weiss was ich sage und was ich mache, was mehr oder weniger funktioniert und wie Emotionen umgesetzt werden müssen. Mit diesem Vorteil fange ich nicht beim gleichen null an, wie ich es hier vor zehn Jahren musste. Mit Sony habe ich zudem ein Werkzeug, das meinen Bedürfnissen entspricht. Es kann alles passieren, aber mir ist natürlich bewusst, das gar nichts passieren kann.

Neben den CDs und Live-Shows sollte ein Künstler - vor allem international - eine möglichst breite Palette mitbringen. Wie siehst du das?
Ich finde es extrem wichtig, dass langfristig das ganze Paket stimmen muss. Naütrlich gibt es manchmal Künstler, bei denen es für ein Kurzfeuer funktioniert. Weil mir die Musik heilig ist und ich am liebsten nur das machen möchte, muss dieser Gedanke aus einem Guss kommen. Ob Foto, Video, Interview oder Twitter, es muss alles komplett meine Handschrift tragen. Früher konnte ein Künstler CDs verkaufen, ohne dass man wusste, wie er überhaupt aussah. Heute wäre das undenkbar.

Was würdest du sagen, wenn dein Sprössling mal zu dir käme und sagen würde, er wolle unbedingt bei einem Casting wie «Deutschland sucht den Superstar» mitmachen?
Ich verurteile es nicht und ich würde es ihm sicher nicht verbieten, weil es schlussendlich jeder selber wissen muss. Aber ich würde meinem Sprössling sicher erklären, warum diese Shows existieren und über die Gefahren informieren. Verbieten ist nie gut, denn das macht es ja nur spannender.

Bei den Castings gehts ja darum, dass ich mir innert kürzester Zeit ein Bild über irgendjemanden auf der Strasse machen darf. Also diese Sensationsgeilheit, dass jemand, der nicht aussieht, als ob er singen könnte, plötzlich singen kann. Oder jemand, der unglaublich passend wirkt, überhaupt nicht singen kann und man ihn dann auslachen kann. Was man sagen muss: das Casting ist ja nach dem Finale vorbei. Ursprünglich wollte man eine Casting-Show machen, um nachher Geld zu verdienen. Und jetzt wird das Geld während dem Casting verdient. Das Album von Edita ist beispielsweise immer noch nicht da, aber die nächste Staffel von X-Factor hat bereits begonnen.

Du bist – besonders im Zeitraum deiner Releases – in den Medien omnipräsent. Gibt es Zeiten, in denen du es nicht mehr sehen kannst? Vielleicht auch, weil die Gefahr eines Overkills besteht?
Klar, ich versuche schon aufzupassen, dass es zu keinem Overkill kommt. Ich finde es legitim, wenn man etwas Neues hat, – obwohl man erst vor drei Monaten etwas gemacht hat – das spannend ist und sich vom Bisherigen völlig abhebt. Aber grundsätzlich braucht es immer Zeiten, in denen man ein halbes Jahr gar nichts hört. Nach meiner Tour werde ich mich um Deutschland kümmern und mich hierzulande etwas zurückhalten. Aber eine öffentliche Person ist schlussendlich auf die Öffentlichkeit angewiesen.

Inwiefern spielt heutzutage dieser Overkill mit der eher kurzen Aufmerksamkeit der Zuhörer zusammen?
Heute geht man auf iTunes und entscheidet nach vier Sekunden, ob man den Song kaufen will oder nicht. Es sagt viel aus, wie lange sich ein Mensch für etwas, worüber er sich noch nicht sicher ist, Zeit gibt. Der Künstler hat nicht viel Zeit, einen Zuhörer zu überzeugen. Das Tempo ist extrem. Auch in der Schweiz gibt es Beispiele von Künstlern, bei denen das Projekt selber gut genug wäre, aber die stetige Präsenz den Eindruck verwässert hat.