Grönemeyer -Interview

22. März 2011 14:13; Akt: 24.03.2011 13:46 Print

«In der Platte steckt Spass an der Musik»

von Philipp Dahm - Die Freude ist zurück: Herbert Grönemeyer spricht über seine neue LP «Schiffsverkehr», seine Lust an der Seefahrt und gezielte Irritationen.

Herbert Grönemeyers englische Fassung seines Hits «Mensch». Quelle: YouTube
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Herbert Grönemyer sitzt entspannt vor einer Tasse Tee im Sessel des Zürcher «Dolder Grand»-Hotels. Sein Anblick verrät nicht, dass er einer der erfolgreichsten deutschen Musiker ist: Die Hose hat einige Farbflecken und ist augenscheinlich beim Malen benutzt worden. Fest steht: Der Mensch Grönemeyer ist auf dem Teppich geblieben. Gut gelaunt stellt er sich unseren Fragen.

«Schiffsverkehr» heisst ihr neuer Angriff auf die Chartspitze. Was erwartet ihre Anhänger?
Herbert Grönemeyer: Wir haben eine stabile treue Fangemeinde, aber ob es ein Nummer-eins-Album wird… Die grösste Neuerung sind jedenfalls die gitarrenlastigen Stücke am Anfang der Platte. Wir fanden wichtig, dass man denkt: Wo geht denn jetzt die Reise hin? Ich wollte eine gewisse Irritation herstellen.

Das gleichnamige Stück eröffnet die LP: Worum geht es?
Bei «Schiffsverkehr» wollte ich ein Lied über Aufbruch und Lebensfreunde schreiben. Ein bisschen augenzwinkernd schliesse ich mit der Vergangenheit ab. Die Dämonen sind versenkt, es geht jetzt wirklich nach vorne. Seit ich zwei Jahre alt bin, sind wir vom Ruhrgebiet nach Holland in die Ferien gefahren. Später ging es in die Bretagne. See steht für Lebenslust und Schiffe hatten für mich schon immer eine Faszination. Ich habe selbst einen Hochseeschein.

Wo haben Sie «Schiffsverkehr» eingespielt?
Ich war im letzten Sommer in Schweden. Wir waren im Tonstudio von Benny Andersson von Abba. Da schien die Sonne und es hatte was von Bullerbü [«Wir Kinder von Bullerbü» ist ein Kinderbuch von Astrid Lindgren, d. Red.]. In der Platte steckt für mich Spass an der Musik, und genau das wollten wir einfangen.

Sie haben aber auch in Berlin und London an der LP gearbeitet?

Am Anfang stand «Erzähl mir von morgen», das ich für den George-Clooney-Film «The American» gemacht habe. Dieses Lied und «Keiner liebt mich so wie ich» sind in Berlin entstanden. Die beiden Stücke waren schon da. Aber der grösste Einfluss ist Schweden gewesen. Und vielleicht New York.

Dort kam der Toningenieur ins Spiel.
Ich will natürlich nicht erzählen: `Toll, da war ich überall schon.´ Michael Brauer gilt als Koryphäe. Es gibt sogar den Ausdruck «to brauer an album». Er hat gerade einen Emmy gekriegt. Michael hat alle Coldplay-Alben gemischt, die Stones, Dylan, James Morrison: Er gehört zu den besten Mixern. Er ist kein Feintüftler, aber es passte uns perfekt. Sein Pult ist sein Instrument: Er sitzt dann da wie ein Berserker und verschiebt die Regler. Der hat das ganze Album am Schluss wild aufgemischt. Das war klasse. In diesem Electric-Lady-Studio hat Jimmy Hendrix seine berühmte Platte «Electric Lady Land» aufgenommen.

Es gibt auch eine Sonder-CD mit englischsprachigen Versionen, etwa von «Mensch»: Sind noch mehr Stücke von Ihnen in Englisch oder Französisch zu erwarten?
Wir hatten 1989 eine Platte namens «What’s all this», die in Kanada in den Charts war. Jetzt lebe ich ja seit elf Jahren in England und wir haben schon immer ein bisschen rumgespielt. Wir spielen dort, und auch in Frankreich und Holland. Es ist zwar eine Spielerei, aber meine Kinder mögen die englischsprachigen Lieder lieber. Beide sind ja auch in England gross geworden … Mal sehen, ob wir noch mehr in die Richtung machen werden.

Das Stück «Auf dem Feld» dreht sich um den Afghanistan-Krieg: Wie stehen Sie zu dem Einsatz?
Ich halte den Einsatz für völlig absurd. Ich habe mich schon beim Irak-Krieg gefragt: Was ist das? Der Westen versucht - unter dem Vorwand, Terroristen den Boden zu entziehen - einen Fuss in die Tür zu bekommen. Das ist Augenwischerei. Wenn ich mir dann vorstelle, ich bin da als Soldat und weiss nicht, warum ich da bin und merke, in meiner Heimat interessiert das niemanden … Man sollte diese Soldaten zurückziehen.