So stehen Rapper zur Debatte

18. April 2018 05:47; Akt: 18.04.2018 05:47 Print

«Kollegah ist technisch sehr stark»

von Martin Fischer - Alle Welt diskutiert mit, doch sie müssen es genau wissen: Wir haben bei Rappern nachgefragt, wie sie das Schaffen von Kollegah und Farid Bang einordnen.

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Der 23-jährige Luzerner Rapper LCone sagt, er sei mit der JBG-Trilogie von Kollegah und Farid Bang aufgewachsen. Er findet die Diskussion zurzeit übertrieben. «Viele Rapper provozieren gern und mit Absicht. Kollegah und Farid wollen, dass die Leute über sie reden, das ist letztlich nur gute Promo für sie.» Auch LCone mag Provokationen, bei Frauenfeindlichkeit oder Fremdenhass ist für ihn aber die Grenze erreicht. «Meine Eltern denken bei manchen Texten sicher: Das ist jetzt nicht so cool. So viel darf sein.» Die Berner Rapper 11Ä mag Deutschrap der derben Sorte, findet aber, dass Kollegah und Farid Bang einige Grenzen überschritten hätten. Sie sagt: «Die beiden missbrauchen Fremdenhass, Gewaltverherrlichung und Frauenfeindlichkeit, um sich abzuheben von anderen. Ich finde das klein von ihnen. Problematisch finde ich vor allem, wie viele diese Musik hören, und dass es denen keine Rolle spielt.» Pablo Vögtli moderiert auf SRF Virus das Rap-Magazin Bounce und organisiert den Hip-Hop-Cypher, d das ährliche Gipfeltreffen der Schweizer Rapper auf Virus. Vögtli versteht, wenn Hörer mit gewissen Zeilen Mühe haben – findet aber auch, dass der Kunst möglichst viele Freiheiten gewährleistet sein müssen. «Für mich ist die Musik von Kollegah ein gut gemachter Action-Film, mit Explosionen und Statistenverschleiss, und ich nehme die wenigstens Songs oder Zeilen auch nur ansatzweise ernst. Aber das liegt in der Betrachtungsweise eines jeden Konsumenten, wenn andere diese Texte ernst nehmen, dann sollen sie das dürfen, Kollegah und Farid können ja nicht neben jedem Hörer stehen und immer wieder betonen, dass nicht alles ernst gemeint ist.»

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Wie nehmen eigentlich Rapper selbst die umstrittenen Textzeilen von Kollegah und Farid Bang auf? Ist das provozierende Kunst oder stillose Provokation? Und wie gut sind die beiden eigentlich als Rapper? 20 Minuten hat mit drei Exponenten der Schweizer Hip-Hop-Szene gesprochen. Hier erklären sie, wie sie die Debatte einordnen.

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LCone, Rapper aus Luzern:
«Ich bin mit der Musik der beiden quasi aufgewachsen. Mich unterhält es, ihre Provokationen regen mich bestimmt weniger auf als jemanden, der sonst keinen Rap hört.

Die derben Zeilen sind Spielereien. Viele Rapper provozieren gern und mit Absicht. Kollegah und Farid wollen, dass die Leute über sie reden, das ist letztlich nur gute Promo für sie. Und nützt ihnen mehr, als es schadet. Die Lust zum Provozieren kommt vielleicht auch daher, dass Rap am Anfang lange nicht ernst genommen wurde als Genre. Und es macht halt einfach auch Spass. Man fühlt sich als Rebell.

Ich provoziere gern, aber habe Grenzen. Frauenfeindliche Texte würde ich nicht machen. Meine Eltern denken bei manchen Texten sicher: Das ist jetzt nicht so cool. So viel darf sein. Die Diskussion um die Auschwitz-Zeile finde ich gerechtfertigt, es ist ein sehr derber Vergleich, ich würde so eine Line nicht schreiben. Trotzdem finde ich die Diskussion übertrieben, das Ganze wird zu ernst genommen.

Es ist eine Humorfrage: Ich habe einen derben, schwarzen Humor, darum kann ich darüber lachen. Aber wenn 10-Jährige solche Musik hören, kann das problematisch sein, die verstehen kaum, wie das zu nehmen ist.

Kollegah ist technisch ein sehr starker Rapper – eigentlich mit keinem anderen deutschen Rapper vergleichbar.»

11Ä, Rapperin aus Bern:
«Ich mag deutschen Rap aus der Ecke und höre das gern. Aber das Freisein als Künstler hat Grenzen. Kollegah und Farid lehnen sich extrem aus dem Fenster. Sie missbrauchen Fremdenhass, Gewaltverherrlichung und Frauenfeindlichkeit, um sich abzuheben von anderen.

Ich finde das klein von ihnen. Problematisch finde ich vor allem, wie viele die Musik hören und dass es denen keine Rolle spielt. Das empört mich. Damit werden eben Fremdenhass, Frauenfeindlichkeit und Gewalt verharmlost und gelten als cool. Das finde ich gefährlich.»

Pablo Vögtli, Moderator «Bounce» auf SRF Virus und Cypher-Host:
«Für mich ist die Musik von Kollegah ein gut gemachter Action-Film, mit Explosionen und Statistenverschleiss, und ich nehme die wenigsten Songs oder Zeilen auch nur ansatzweise ernst. Aber das liegt in der Betrachtungsweise eines jeden Konsumenten, wenn andere diese Texte ernst nehmen, dann sollen sie das dürfen, Kollegah und Farid können ja nicht neben jedem Hörer stehen und immer wieder betonen, dass nicht alles ernst gemeint ist.

Grundsätzlich ist Rap Kunst, und Kunst kennt keine Grenzen. Im Battlerap ist eigentlich alles erlaubt. Trotzdem haben die, die sich von den Texten angegriffen fühlen, auch recht – es kann nicht von Hörern verlangt werden, dass sie Toleranz und künstlerisches Verständnis gegenüber einer Kunstform aufbringen, die meistens sehr ernst gemeint und oft sehr provokativ klingt.

Zur Machart: Kollegah ist einer der besten Texter im Deutschrap, seine Gabe, Intellekt-verbiegende Wortspiele, Vergleiche und Reimketten zu schreiben, ist in diesem Ausmass wahrscheinlich unerreicht. Bei Farid kann man das sicherlich weniger behaupten.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • EBAF am 18.04.2018 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grossartige..

    ..Rapper und "Experten" habt ihr dazu befragt! - Bravo!

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  • Hir Tensalat am 18.04.2018 06:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Langweilig

    Ja, Kollegah ist technisch stark, aber was nützt es, wenn er dafür inhaltlich völlig Talentfrei ist? Es geht immer nur darum, andere zu beleidigen und/oder mit seinen Muskeln/Fame/Kohle zu protzen. Das ist verschwendetes technisches Können, und vor allem: Langweilig.

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  • Tomco am 18.04.2018 06:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kunst?

    Auch Kunst sollte moralische Grenzen haben. Weil wenn Provokation das Ziel ist, mehr Geld zu produzieren, ist es keine Kunst sondern Kommerz. Und wenn dafür die Schwachen der Gesellschaft, in den Texten dafür hinhalten müssen, ist es auch nicht Kunst, sondern moralisch fragwürdig.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Flo am 18.04.2018 18:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Film

    Wenn man gegen diese Künstler ist und angst hat das die Leute wo das hören das in die Realität umsetzen. Dann sollte man auch gegen die Filmindustrie sein! Da sieht man auch alles mögliche und die leute können die auch als Vorbilder nehmen...

  • Möte Peter am 18.04.2018 17:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Diskussion

    Kollegah hat Jura studiert, ich bin der Meinung, dass er sich ganz genau bewusst ist, was er da macht. Die ganze Thematik finde ich völlig übertrieben und wird von den Leuten angeheizt, welche die Rapkultur nicht einmal im Ansatz verstehen. Es ist reine Provokation und nichts anderes man soll die texte nicht ernst nehmen es gilt einzig und allein der Faktor Entertainment!

  • RegnumBohemiae 1182 am 18.04.2018 17:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    neuer Titel

    Jung, schwach, bildungsfern...passt nämlich besser ;)

  • Prince Jr am 18.04.2018 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt oder nicht?

    Das ist in der Kategorie "Gangster Rap". Wenn du es nicht magst, OK, ist Geschmackssache, doch warum musst du hier dein Moral posten abgeben und darüber motzen das es unhöflich und weiss Gott was alles ist. Also bitte hört eure Liebesmusik und lasst doch die anderen ;) denn ich geh auch nicht auf irgendwelche andere Musiker los und schreibe überall es ist zu sanft oder langweilig.

  • RegnumBohemiae 1182 am 18.04.2018 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorschlag

    schickt die zwei Möchtegern-Schnelldenker mal zu einer Rundreise nach Lublin, Ravensbrück, Buchenwald, Auschwitz, Sachsenhausen jeweils mit einer Führung ihrem Intellekt entsprechend, dann wollen wir mal sehen, ob die Texte ihrer Verbalentgleisungen so bleiben, wie bis jetzt!