Band-Burnout?

08. Februar 2019 09:36; Akt: 08.02.2019 09:36 Print

Yokko löschen ihre gesamte Vergangenheit

Im Dezember löschte die Band all ihre Musik von allen Kanälen. Sänger Adrian Erni erklärt, warum der radikale Schritt für Yokkos Zukunft wichtig war.

Bildstrecke im Grossformat »
So sieht es aktuell auf Yokkos Spotify-Profil aus: Ein Song und gut 30'000 Plays. Es liest sich gut, die hohe Zahl kommt aber nicht von ungefähr. Blicken wir zurück... Das erste Promobild von Mai 2012 zeigts: Bei der Band ist viel passiert. Am Zürich Openair und auf dem Gurten spielten die Berner schon nach dem Release der ersten Single. Im Sommer 2014 standen sie dann auf der legendären St.Galler Festivalbühne. Ein paar Monate vorher holten sich Yokko den Swiss Music Award als «Best Talent» ab. Und noch im selben Jahr spielte die Band Konzerte im Ausland. Hier in Holland als Support für Kensington. Meist vor zum bersten vollen Sälen. Das zweite Album «To the Boxers. To the Fighters» hat die Band auf demselben Berliner Mischpult aufgenommen, auf dem Queen 1975 «Bohemian Rhapsody» aufnahmen. Mit Nada Surf waren die Jungs im Herbst 2016 in Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich und der Schweiz unterwegs. Im Februar 2017 dann mit The Temper Trap. Im Juni standen sie in Zürich mit dem offiziellen Pride-Song «Boxer» auf der Bühne. Gesellschaftliche Themen anzusprechen, ist der Band seit je ein persönliches Anliegen. Im Herbst folgte mit der Japan-Tour das nächste und bisher womöglich grösste Karriere-Highlight. Das Ausland brachte mehr Promo-Verpflichtungen, etwa einen Besuch beim japanischen Radiosender FM NACK5. Der Aufwand lohnte sich: Fans fanden sich in Japan viele. Die Finalshow in Shibuya, Tokyo war ausverkauft. Schlaf ist bei so einem Tour- und Promo-Pensum allerdings eher rar. Nach fünf Jahren und über 300 Shows ging der Band die Energie aus. Im Februar 2018 meldeten sie sich mit einem Danke an Fans und Freunde und einem vorübergehenden Abschied. Es sei Zeit die Welt zu bereisen, neue Kulturen und Sprachen zu entdecken, neue Songs zu schreiben. Neben Reise-Updates spickt die Band ihr Social-Media-Profil während der Pause mit Awareness-Botschaften. Vergangenen Dezember unterstützte Yokko etwa die Kooperation von Modedesigner Julian Zigerli mit dem WWF, «The Last Sweater», um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Im Januar folgte ein Hinweis auf neue Musik. Eine Berghütte in den Schweizer Alpen diente als Zufluchts-, aber auch als Inspirationsort für die neuen Songs. Der alte Katalog ist inzwischen gelöscht. «Zeit für einen Neustart», Yokko sind parat für ihr 2.0. Am 18. Januar ist mit «Thief» der erste Vorbote zur EP «Soliva» erschienen. Yokko klingen darauf roher, der Sound spiegelt die inhaltliche Neuausrichtung: «Thief» spricht von Depressionen. «Wir müssen mehr miteinander reden», schreibt die Band. «Haltet einander Sorge». Es scheint als beherzigten die vier Männer ihre eigenen Ratschläge.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Es lief gut für Yokko. Nach der ersten Single stand die Band direkt auf den grössten Openair-Bühnen der Schweiz. Gleich im Anschluss: Plattendeal, Album, Charts, der Swiss Music Award als Best Talent, ein zweites Album, Charts, Europa-Konzerte mit internationalen Acts und zuletzt die Headliner-Tour durch Japan.

Umfrage
Hörst du Schweizer Musik?

Im Dezember 2017 dann der Cut, die Band machte Pause. Ende 2018 löschte sie ihren gesamten Katalog von allen Plattformen. Seit dem 18. Januar spielt dort wieder Musik, ein einziger Song ist zum Streamen verfügbar.

Adi, was ist passiert? Warum die Löschaktion?
Für uns ging es fünf Jahre lang quasi durchwegs durch die Decke. Wir hatten nie richtig Zeit, alles zu verarbeiten oder auch mal zu hinterfragen, was wir tun. Nach der Pause war es klar, wo wir stehen und wo wir in Zukunft stehen wollen.

Kann man von einem Band-Burnout sprechen?
Wir waren einfach durch. Alle arbeiteten Vollzeit, die Wochenenden waren mit der Band verplant. Es gab kaum mehr Zeit zum Proben, keine Kapazität für neue Songs. Nach «Jeder Rappen zählt» haben wir uns drei Wochen lang gar nicht gesehen.

Das war im Dezember 2017. Danach kam der Cut.
Ja, wir sind aufgewacht. Davor waren wir wie benebelt vom ganzen Zirkus.

Habt ihr euch als Marionetten gefühlt?
Nein, es war einfach zu viel. Du kriegst Angebote und musst Ja und Nein sagen. Manchmal hat unser Bauchgefühl versagt. Manchmal haben wir uns leiten lassen und Dinge gemacht, die wir heute nicht mehr tun würden.

Zum Beispiel?
Songs spielen, mit denen wir uns nicht mehr identifizieren können. Diese Erfahrungen haben uns aber auch geschärft.

Inwiefern?
Wir haben unser Handwerk gelernt. Ich konnte vor fünf Jahren doch nicht Gitarre spielen, geschweige denn singen – schlimm! Heute gehts ein bisschen besser. Im Grunde genommen brauchten wir die zwei Alben, um auf verschiedenen Ebenen zu einer Band zu wachsen.

Umso mehr: Warum war es nötig, quasi die komplette musikalische Bandgeschichte zu löschen? Was tut beim Zurückschauen denn so weh?
Wir schämen uns für nichts, wir hatten einfach Bock auf Neues. Der Entscheid war rein emotionaler Natur. Wir haben ihn für uns und sonst niemanden getroffen.

Das erklärt die Dringlichkeit noch nicht.
Es ist wie wenn du dich irgendwann dazu entschliesst, kein Rot mehr zu tragen. Dann mistet du deinen Kleiderschrank aus und findest, tschüss, das wars, meine roten Boots gehören jetzt nicht mehr zu mir. Irgendwann muss mal der Ballast weg. Wie allgemein im Leben. Und da mussten für uns halt konsequenterweise zwei Alben weg.

Habt ihr keine Angst vor dem Scheitern?
Nein, wir machen Musik. Musik, die uns gefällt. Es gibt Leute, die damit etwas anfangen können, das ist doch allein schon ein Erfolg. Wenn du mal so richtig auf die Schnauze gefallen bist, mit Dingen wie Depressionen oder Tod konfrontiert wirst, dann wird dir klar, dass du dir, dem Leben, der Liebe und deiner Band Sorge tragen musst. Und Musikmachen hält uns gesund.

Was macht ihr heute anders als früher?
Wir haben alle unsere Jobs gekündigt oder zurückgestuft, ein eigenes Studio gebaut und fixe Musiktage eingeführt. Jetzt können wir gemütlich und konzentriert an unserer Musik arbeiten. Ohne Druck oder den jugendlichen Gedanken, die Welt an einem Tag erobern zu wollen.

Was ist musikalisch neu bei Yokko?
Wir machen nicht plötzlich Cloud-Rap, es ist immer noch die Art Musik, die uns gefällt. Aber wir sind nicht mehr 22, die Gespräche gehen tiefer und die Musik geht tiefer. Es gibt mehr Ecken und Kanten. Das klingt vielleicht auch mal schief, aber so sind wir. Die Leute werden merken, dass da jetzt andere Jungs dahinter sind als noch vor einem Jahr.

Wollt ihr Vorbilder sein?
Nein, aber es geht uns schon auch darum, Haltung zu zeigen. Früher dachten wir, unsere Musik soll nicht politisch sein und für sich sprechen. Aber wir sind Menschen mit Meinungen, warum sollen die nicht in unsere Musik fliessen? Heute können wir mehr sein als das, was wir waren, und vielleicht auch ein paar andere Menschen dazu ermuntern, mehr zu sein.

Neben der ersten neuen Single «Thief» veröffentlichten Yokko drei Videos zu den Hintergründen der Neuausrichtung auf Youtube.

Der erste neue Song klingt roher und widerspiegelt die inhaltliche Neuausrichtung: «Thief» spricht von Depressionen. (Video: Youtube / we are Yokko)



Die dreiteilige Video-Serie steht unter dem Titel «The echo of the night is the rising sun». Oben seht ihr Teil eins (Video: Youtube / we are Yokko). Hier gehts zu Teil zwei und drei.

(mel)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.