Rentner-Rock

18. Dezember 2008 12:59; Akt: 18.12.2008 13:38 Print

Breaking News: Keith Richards lebt!

Man glaubt es kaum: Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards hat das Rentenalter erreicht. Heute feiert er seinen 65. Geburtstag.

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Etwas hat sich verändert, und es hat Spuren bei Keith Richards hinterlassen. Er ist und bleibt die Seele der Rolling Stones, aber die urwüchsige Kraft, die noch vor fünf Jahren aus seinem zerfurchten Gesicht strahlte, scheint nicht mehr so intensiv. Ist es einfach der Tribut an ein Leben mit Sex, Drugs and Rock'n'Roll, der merkwürdige Unfall auf einer Südseeinsel 2006 mit anschliessender Operation und Krankenhausaufenthalt? Zu seinem 60. vor fünf Jahren wurde Richards so alt, wie er schon lange aussah. Zu seinem 65. am 18. Dezember wirkt er von seiner Erscheinung her so, wie es ein alter Stones-Song beschreibt: «Torn And Frayed» - abgerissen und zerfranst.

Aber solange seine Gitarre spielt, wird sie die Herzen entführen wie schon vor 36 Jahren im Lied aus dem legendären Album «Exile On Main Street» beschrieben. Richards hält mit seiner Piraten-Aura das Unternehmen Rolling Stones im Innersten zusammen: Seit mehr als 45 Jahren ist er der rebellische Geist einer inzwischen eben nicht mehr ganz so rebellischen, voll etablierten und geradezu mythisch überhöhten Band, die aus erdigem Blues destillierten Rock spielt. Er selbst hat alle gesundheits- und lebensgefährlichen Klippen in seinem wilden Leben umschifft und ganz passend als alter Pirat in Johnny Depps «Pirates of the Caribbean» sein Schauspielerdebüt gegeben.

Zusammen mit Mick Jagger trat er 1962 in die von Brian Jones gegründete Band Rolling Stones ein. Mit Charlie Watts und Bill Wyman an Schlagzeug und Bass war 1963 die Besetzung komplett, die in den 60er Jahren zur Antithese der Beatles wurde: Während die Fab Four neben ihren Geniestreichen nebenbei auch das Image-Fundament für alle künftigen Boy-Groups legten, wurden die Stones zum Fixpunkt dunklerer Strömungen: Aufruhr und Rebellion, hemmungslos ausgelebte Sexualität - «Satisfaction», «Let's Spend The Night Together» - treibende Rhythmen von «Brown Sugar» bis «Sympathy For The Devil». Vieles von dem, was an den Stones unangepasst war und ist, kommt von Richards.

Von Chuck Berry geprägt

Während Mick Jagger schon lange den superreichen «Man of Wealth and Taste» gibt, wirkt Richards immer noch wie der Underdog, der eher im Park nächtigt. Der keine Chance zu haben scheint, einen Fuss in das piekfeine Hotel der exklusivsten Kategorie zu setzen, das für die Stones bei ihren Welttourneen selbstverständlich ist. Und der voller Hohn und Verachtung Jaggers Ritterschlag durch Queen Elizabeth II. zum «Sir Mick» kommentierte: «Als ob man nichts ausschlagen könnte. Als ob es nicht wichtig wäre, was man darüber denkt.»

Richards Gitarrenspiel wurde vor allem von Chuck Berry geprägt. Berrys Barré-Riffs übte er in den frühen Jahren bis zur Erschöpfung ein. Er entwickelte diesen Rock'n'Roll-Stil zu einem urwüchsigen Rhythmus-Spiel weiter, dessen Dynamik sich nie zur Fahrstuhlmusik domestizieren liesse. Irgendwo an der Schnittstelle von Jaggers Extrovertiertheit und Richards' Tiefgründigkeit liegt wohl das Geheimnis der Rolling Stones, deren Musik längst nicht mehr so innovativ klingt wie in den ersten zwei Jahrzehnten. Aber deswegen hat sich ihr Sound nicht überlebt: Die Rock-Dinos pflegen bis heute in den grössten Hallen und Stadien der Welt zu spielen, während andere Stars aus ihrer grossen Zeit als Oldie-Band über die Dörfer tingeln.

Noch im Rollstuhl auf die Bühne

Jagger und Richards haben ihr oft schwieriges Verhältnis in dem Song «Sweethearts Together» 1994 auf den Punkt gebracht: Ihre Solo-Experimente hatten die Erkenntnis befördert, dass jeder für sich zwar musikalischen Respekt ernten, aber nie den Erfolg eines Stones-Albums haben kann.

Zwei Jahre zuvor hatte Richards die Devise ausgegeben, das Stones-Schiff bis zum Ende kreuzen zu lassen. «Das Unternehmen Rolling Stones hat einen gewissen Christoph-Kolumbus-Effekt», sagte er 1992 dem «Spiegel». «Wir wollen wissen, wie weit man dieses Spiel noch treiben kann und ob wir eines Tages über den Rand der Welt stürzen werden. Alles andere wäre feige: Aufhören, weil es vielleicht einmal gefährlich wird. Die Rolling Stones sind sogar für die Rolling Stones ein Magnet, der einen immer stärker anzieht.»

Diese merkwürdige Kraft hat auch alle Spannungen im Verhältnis mit Mick Jagger ausgehalten. Zusammen sind sie das erfolgreichste Songschreiber-Duo nach Lennon/McCartney. «Der Welt» sagte Richards im März dieses Jahres: «Wissen Sie, nach all diesen Jahren: Was sollte ich jetzt ohne ihn machen? Ich glaube, es gibt eine ganz einfache Antwort auf Ihre Frage: Wir lieben, was wir tun. Wir werden ja immer wieder gefragt, wie lange wir noch spielen wollen. Und ich kann Ihnen garantieren, ich würde mich im Rollstuhl auf die Bühne fahren lassen!»

In dem alten Stones-Song über einen sich «unkaputtbar» wähnenden Gitarristen ist das viel schöner ausgedrückt: «Just as long as the guitar plays: Let it steal your heart away.»

(ap)