Urheberrechts-Prozesse

19. August 2011 11:52; Akt: 19.08.2011 14:12 Print

Der Musik-Industrie droht der Todesstoss

von Niklaus Riegg - Für etliche Labels könnte es bald lebensbedrohlich werden: Eine bisher unbeachtete Klausel im US-Urheberrechtsgesetz erlaubt es Künstlern, die Rechte an ihrer Musik zurückzufordern.

«Christmas Card From a Hooker in Minneapolis»: Tom Waits hat bereits ein Gesuch eingereicht, um die Rechte an seinen Songs von 1978 zurückzubekommen. (Quelle: YouTube)
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Der Musikindustrie brechen die Verkäufe ein. Die Labels haben die Verlagerung des Geschäfts ins Internet komplett verpasst. Mit der Arroganz aus fünf Jahrzehnten erfolgreichen Geschäftsgangs sah sich die Industrie nicht – respektive viel zu spät – genötigt, sich einem neuen Umfeld zu stellen. Das Resultat: Zwischen 1999 und 2009 ist in den USA der Verkauf um mehr als die Hälfte eingebrochen. Und weil die grossen Labels geschlafen haben, hat mittlerweile Apple mit iTunes den Markt übernommen – und diktiert die Bedingungen.

Geldquelle könnte wegbrechen

Um so wichtiger ist für die grossen Labels der «Backkatalog», die Klassiker, die alten Meisterwerke. Denn auch wenn viele kaum mehr Musik kaufen, Alben wie «Darkness on the Edge of Town» von Bruce Springsteen, «The Wall» von Pink Floyd oder «Back in Black» von AC/DC wollen viele noch zu Hause stehen haben – oder wenigsten regulär im Internet kaufen. Dies ist ein gutes Geschäft für die Plattenfirmen: Diese Titel sind längst refinanziert, es muss im Gegensatz zu neuen Veröffentlichugen kaum Geld für Werbung ausgegeben werden.

Doch genau diese Geldquelle könnte der Industrie jetzt wegbrechen: Eine bisher kaum beachtete Klausel im US-Urhebergesetz aus dem Jahr 1978 kommt demnächst zum Zug. Diese besagt, dass Künstler nach 35 Jahren die Rechte an ihrer Musik und ihren Kompositionen zurückfordern können. Dies gilt für alle Songs und Alben, die nach 1978 veröffentlicht wurden. Musiker, die ihre Rechte zurückwollen, müssen dies zwei Jahre zuvor anmelden. Das haben nach einem Bericht der «New York Times» auch schon einige gemacht: Bob Dylan, Tom Petty, Kris Krisofferson oder Tom Waits.

«Eine lebensbedrohliche Veränderung»

«Die Industrie hat eine Fantastilliarde Dollars mit dieser Musik gemacht. Viel mehr als die Künstler selber», so Don Henley von den Eagles. «Es geht um Gerechtigkeit». Laut Branchenkennern könnten die Urheberrechtsansprüche für die Musikindustrie von einschneidender Bedeutung sein: «Das ist eine lebensbedrohliche Veränderung für sie», sagt Künstleranwalt Kenneth J. Abdo, der unter anderen Kool and the Gang vertritt, zur «New York Times». Denn die Plattenfirmen müssten nicht nur auf die Einnahmen aus Verkäufen verzichten, ihnen würden auch die Lizenzeinnahmen für die Verwendung von Songs in Werbungen und Filmen wegbrechen.

Noch hoffen die Labels ein Schlupfloch zu finden. Doch einige Majors haben Angst vor allfälligen Prozessen, die bis vor die höchste Kammer weitergezogen werden könnten. Denn mit einem Gang vor Gericht dürften sie einige Künstler verärgern – und falls diese Recht bekommen, müssten die Plattenfirmen mit ihnen neu verhandeln, um deren Werke weiterhin verteiben zu können.

Die Labels haben noch einen anderen Grund, die Sache klein zu halten: Bis jetzt ist nicht klar, ob die Klausel auch für die US-Veröffentlichungen der britischen Bands gilt. Dabei geht es dann um Kaliber wie Led Zeppelin, The Rolling Stones, Pink Floyd, Sex Pistols oder Dire Straits. Alles Bands, die bis heute enorm viele Alben verkaufen.

Nicht nur in den USA, auch in der Schweiz ist der Tonträgermarkt eingebrochen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • O. Omlin am 19.08.2011 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Mist verdient man kein Geld

    Der Musikindustrie geht es schlecht, weil sie keine Qualität mehr bietet. Oder kam in den letzten Jahren irgend ein episches Album heraus von einer frischen aufstrebenden Band? Viel mehr wird heutzutage in sinnlose Castings investiert. Kurzfristige Umsatzsteigerung gibt das, aber wegen dem hohen Marketingaufwand kaum Gewinn.

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  • Thomas am 19.08.2011 15:01 Report Diesen Beitrag melden

    Tragische Entwicklung für junge Bands

    Mich verwundern die Kommentare hier extrem- so ein Blödsinn, auf welchem Planeten lebt ihr? Ich denke die Verfasser der Beiträge haben keine Ahnung wie enrom viel schwieriger es für unabhängige Künstler geworden ist, seit die Mittelschicht der Plattenfirmen weggebrochen ist. Ja Musik wird es immer geben und auch die Superstars wirds immer geben und in irgendeiner Art und Weise werden die Majors überleben. Die Frage ist nur auf wessen Kosten? Die Leidtragenden werden/sind die kleinen und jungen Künstler sein. Nicht viel anders wie in der Realwirtschaft- siehe Griechenland.

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  • Mike am 19.08.2011 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Mike

    Kein Wunder. Den Mainstream kann man nicht hören. Die etwas andere Musik kostet schnell mal sFfr. 30.- In DE dasselbe Album EUR 12.- Ich hab kein Problem, wenn bei uns eine CD 3-4 Franken teurer ist. Aber fast 100% ??? Da geh ich lieber beim nächsten Auslandaufenthalt ein paar CDs einkaufen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dank am 22.08.2011 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    Schön zu hören

    Die ganze moderne Musikindustrie ist ein schönes Beispiel, was beim heutigen Hardcore-Kapitalismus alles schiefläuft.

  • Christoph Schnell, Utd. Media Artists am 22.08.2011 09:22 Report Diesen Beitrag melden

    Immer auf die GROSSEN...!

    Interessant ist, dass es bei solchen Artikeln immer nur um die GROSSEN der Branche geht. Die KMUs bleiben - auch in der Diskussion - auf der Strecke. Für ein Schweizer KMU-Tonstudio ist es viel gravierender, wenn von einer x100er-Auflage nochmal dieselbe Menge illegal kopiert wird. Dies ist mittlerweile, mangels rechtsempfinden, viel häufiger der Fall, als man vermuten würde und für die Kleinen existenzgefährdend.

  • Robert/Meyer am 20.08.2011 13:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unklarheit

    Interessant zu sehen, dass keiner so richtig draus kommt. Auch im Artikel steht, dass die Urheberrechte von den Plattenfirmen verwaltet werden. Was natuerlich nicht stimmt, hoechstens ein Verlag hat das Recht die Urheberrechte zu verwalten, die Plattenfirmen die Vervielfaeltigungsrechte. Wenn schon im Artikel Unklarheit herrscht, ists kein Wunder wenn bei den Konsumenten noch mehr Unklarheit herrscht.

  • Patrick Götti am 20.08.2011 12:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Musiksammlung digital!

    Ich habe meine komplette CD-Sammlung digitalisiert und auf meinem I-Phone und somit überall verfügbar. Meine Wunschmusik hole ich mir aus dem Itunes-Store. Auch ich habe früher Musik gratis vom Internet gesaugt aber es ist den Künstlern gegenüber einfach nicht fair für die Songs nichts zu bezahlen!

    • Roland am 22.08.2011 10:03 Report Diesen Beitrag melden

      Falsch!

      An Apple gebunden... darfst nicht mehr das tun, was Du willst. Und wenn Du Dir einen neuen Rechner kaufst? Weg ist die Musik, dass ist sicher! Brennst Du Dir eine CD... brennst Du Dir gleich die Klickgeräusche mit. Und für das zahlst Du? Lieber eine CD im Laden kaufen.

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  • musicpro am 20.08.2011 09:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diebstahl bleibt Diebstahl

    Ich glaube ich spatziere heute Mal beim Applestore vorbei und nehme mir mal was mir gerade gefällt mit. Diebstahl bleibt Diebstahl. Beim Argument: 'Ich kaufe nur die GUTEN Sachen, den Rest lade ich runter...' frage ich mich, warum man es überhaupt haben muss? Mehr Persönlichkeit zeigen und nicht jeden Marketingmüll mitmachen. Mit dem Punkt, dass Labels dem Künstler zuviel Geld nehmen und ihre Machtposition ausspielen bin ich einverstanden. Was viele aber nicht bedenken: Den Artisten den du heute beklaust, der wird morgen in der Versenknis verschwinden. Das Gleiche in der Filmindustrie. Wenn keiner mehr zahlt, woher soll dann ein anderer guter Film kommen?