Eurovision Song Contest

21. Mai 2010 11:03; Akt: 21.05.2010 12:30 Print

Einheitsbrei, Folklore und Schlumpfmusik

von Irene Widmer - Der Eurovision Song Contest (ESC) bietet heuer wenig Aufregendes: Weder Tunten noch Transen noch Ticketmafias erregen die Gemüter.

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Balladen dominieren und ähneln sich oft zum Verwechseln. Rosinen gibt es, aber die Schweiz ist nicht das Land, das eine liefert.

Ganz ohne ist Michael von der Heides Auftritt nicht. Erstmals seit langem konnten sich die Schweizer Verantwortlichen zu so etwas wie einer Show durchringen - bescheiden, aber stimmig, wie Aufnahmen von den Proben zeigen.

Von der Heide singt «Il pleut de l'or» im goldenen Anzug, umtanzt von mit Stoffbändern ausgerüsteten Background-Sängerinnen. In ihren vom Lebenspartner des Sängers, Willi Spiess, entworfenen Gewändern sehen sie wie griechische Göttinnen aus. Das passt gut: Wenn's heute irgendwo noch Gold regnet, dann nur in der Mythologie.

Songs wie Zwillinge

Die britischen Buchmacher geben unserem Goldjungen nicht viele Chancen. Erstaunlicherweise favorisiert aber der norwegische Fanclub den St. Galler. Und nachdem dieser auf Promo-Tour durch Lettland, Rumänien und Holland war, könnte es auch von dort ein paar Punkte nieseln.

Dass die Norweger den Schweizer Beitrag so mögen, erstaunt, zumal sie selber erneut einen gewinnträchtigen Song ins Rennen schicken. Allerdings tönt dieser - «My Heart is Yours» von Didrik Solli-Tangen - verblüffend ähnlich wie «It's for You» der Irin Niamh Kavanagh.

Verkrampftes Schwofen

Ganz unverwechselbar dagegen «Satellite» der Deutschen Lena Meyer-Landrut, von dem sich unsere nördlichen Nachbarn einiges versprechen. Sowohl der Sprechgesang der frischgebackenen Abiturientin wie ihre Art, sich zu bewegen - ein verkrampftes Schwofen - faszinieren.

Der selbstgewählte Startplatz 22 ist heuer kein Vorteil, denn neu kann von Beginn an und nicht erst am Schluss gevotet werden. Die Stefan-Raab-Protégée muss es also selber schaffen, unter anderem gegen Fan-Connections im Osten. Safura aus Aserbaidschan etwa haben die meisten Buchmacher sogar noch vor der Hannoveranerin.

Hehre Beweggründe

Auch auf Eva Rivas aus Armenien - Vize-Miss Kaukasus 2005 - wird viel gewettet. Die Frau mit dem kniekehlenlangen Haar präsentiert ihr «Apricot Stone» - ein Nationalsymbol des Landes - in einer prätentiösen Schau samt künstlichem Wasserfall.

Auffällig viele Länder betreiben wie Rivas Tourismuswerbung. Kristina etwa macht mit «Horehronie» - ebenfalls mit einer üppigen Natur-Show - für die gleichnamige Urlaubsregion in der Slowakei Reklame.

Grad für den gesamten Balkan wirbt der androgyne Milan Stankovic (»Ovo je Balkan»), während der Grieche Giorgos Alkaios & Friends mit «Opa!» das Griechenland-Klischee bedient. Alyosha aus der Ukraine steht für den Umweltschutz ein (»Sweet People») und Vukasin Brajic aus Bosnien-Herzegowina plädiert für friedliche Koexistenz.

Wenig Zeitgemässes

Zeitgemässe Musik ist dünn gesät. Hier überzeugt insbesondere der türkische Beitrag von maNga, ein Mix aus alternativem Metal, Hip-Hop und anatolischem Folk. Polka und Rock mischen Ansambel Zlindra & Kalamari aus Slowenien, allerdings mit weniger Erfolg.

Ein Highlight unter den Zeitgemässen ist Jessy Matadors WM-Song «Alllez Olla Olé» für Frankreich. Am anderen Ende der Qualitätsskala steht der Beitrag der Niederlande: Sienekes «Ik Ben Verliefd (Sha-la- lie)». Komponiert hat den Schlager Pierre Kantner alias Vader Abraham - und genauso schlumpfig tönt's auch.