Schweizer Radios

07. März 2019 05:46; Akt: 07.03.2019 09:05 Print

Darf man Jacksons Musik jetzt noch spielen?

von Martin Fischer - Nach der kontroversen Dokumentation «Leaving Neverland» stellt sich Fans und Radios die Frage: Ist es noch okay, Michael Jacksons Musik zu spielen und zu hören?

Bildstrecke im Grossformat »
Michael Jackson ist eine Ikone der Popmusik und hat zahlreiche zeitlose Hits geschrieben. Die Songs sind bei Musikhörern wie Radiostationen auch zehn Jahre nach dessen Tod beliebt. In Anbetracht der Schwere der Anschuldigungen gegen den King of Pop haben sich mehrere spielen seine Musik weiterhin. US-Musiker ist derzeit wegen sexuellem Missbrauch angeklagt. Im Fernsehen beteuerte er unter Tränen seine Unschuld. Seine Musik wird auf Radiosendern zurzeit kaum gespielt. umgeht das Problem mit den umstrittenen Künstlern, indem der Streaminganbieter die Entscheidungsfreiheit beim Hörer selbst lässt: Wer das Profil eines Künstlers auf der Plattform aufruft, kann die Option «Diesen Künstler nicht spielen» auswählen. Die Dokumentation von Regissuer Dan Reed (54, Mitte) sorgt gerade für schockierte Gesichter. Der vierstündige Film «Leaving Neverland», der im Januar am Sundance Festival Premiere feierte, handelt von Michael Jacksons mutmasslichen Missbrauchsopfern Wade Robson (36, links) und James Safechuck (40). In zwei Teilen wurde der Film Anfang März auf HBO gezeigt. Die beiden ... ... Männer behaupten, sie seien vom Popstar Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre sexuell missbraucht worden. «Ich verstehe, dass es schwer zu glauben ist, was passiert ist. Auch wir waren Jackson-Fans», soll Safechuck während der Filmvorführung laut «Bild» gesagt haben. Vor der Premiere im Egyptian Theatre in Park City im US-Bundesstaat Utah, wo die Dokumentation gezeigt wurde, streiften Polizisten mit Hunden durch die wartenden Zuschauer. Vor dem Kino ... ... platzierten sich nämlich vereinzelt Demonstranten mit grossen Schildern. Darauf zu sehen: Ein Foto von Michael Jackson und die Aufschrift «Suche nach der Wahrheit» oder «Lügen laufen Sprints, aber die Wahrheit läuft Marathons» – ein Zitat des King of Pop. Einige Jacko-Fans verteilten sogar Flyer, um für ihren bereits verstorbenen Star einzustehen. «Beschützt Michael. Er ist nicht hier, um sich zu wehren», war auf der Vorderseite zu lesen. Wie viel Wahrheit hinter den Aussagen von Robson und Safechuck im Film wirklich steckt, ist unklar. Fest steht: Die beiden sagten 2005 im Missbrauchsprozess gegen Jackson zugunsten des Sängers aus. Erst nach dessen Tod im Jahr 2009 zogen sie ihre Aussagen zurück und forderten umgerechnet 1,6 Milliarden Franken Schmerzensgeld. Sie scheiterten aber vor Gericht.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Ausgangslage

In «Leaving Neverland», einer vierstündigen Dokumentation über zwei Männer, die mutmasslich als Kinder von Michael Jackson missbraucht worden sind, bringen die beiden Protagonisten happige Vorwürfe gegen die Popikone vor. Der US-Sender HBO hat die Doku diese Woche in zwei Teilen ausgestrahlt. Wie viel daran wahr ist, wird sich wohl nie abschliessend klären lassen.

Umfrage
Hörst du Michael Jacksons Musik?

Die ersten Reaktionen

Im Zuge der aktuellen Anschuldigungen stellt sich die Frage, ob Jacksons Musik noch unbefangen gehört und ohne Vorbehalte gespielt werden kann.

Norwegens Rundfunk spielt zwei Wochen lang keine Musik von Jackson mehr. In Kanada streichen ebenfalls mehrere grosse Sender die Songs des King of Pop «bis auf Weiteres» aus dem Programm.


«Leaving Neverland» beherrscht zurzeit die Schlagzeilen. (Video: Vizzr/Tamedia)

Was macht Radio SRF?

Wie gehen Schweizer Radios mit dem musikalischen Erbe des zweifelsohne grossen, aber umstrittenen Künstlers um? Bei SRF verfolge man die aktuelle Diskussion, sagt Musikchef Michael Schuler – und wartet vorerst ab. «Wir entscheiden zu einem späteren Zeitpunkt, ob wir Songs von Michael Jackson weiterhin im Programm spielen werden.»

Wie sehen es die privaten Radiosender?

Diese Herangehensweise teilen die grossen Schweizer Privatsender. Die Doku ist Thema in den Redaktionen. Aber: «Ein Verzicht auf die Songs von Michael Jackson kommt für uns nicht in Frage. Wir wissen, dass unserer Hörerinnen und Hörer das musikalische Werk von Michael Jackson sehr mögen und schätzen», erklärt Christian Jäckli im Namen der Radiosender von CH Media, zu denen unter anderem Radio 24, Radio Argovia und Radio Pilatus gehören.

Daniel Wüthrich, Musik-Chef bei Radio 1, verweist auf den Umstand, dass Jackson nie verurteilt worden sei. «Michael Jackson ist im Jahr 2005 in sämtlichen zehn Anklagepunkten von den Geschworenen einstimmig freigesprochen worden. Und 1994 wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs eingestellt.»

Beschweren sich Zuhörer?

Die von 20 Minuten angefragten Sender SRF, Radio NRJ, Radio 1, Radio 24 und Radio Pilatus haben bisher keine Rückmeldungen von Hörern erhalten, die sich an Jackson-Songs im Programm stören.

Was sagen Opferstellen zur Situation?

Bei Castagna, der Zürcher Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche, schätzt man den Jackson-Boykott ausländischer Radios als «konsequent» und als «klares Statement gegen sexuelle Gewalt an Kindern». Lilian Schaad, Sozialarbeiterin bei Castagna, sagt: «Für uns und Betroffene von sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter ist es unverständlich, weshalb Schweizer Radiosender ‹diese Seite› von Michael Jackson ausblenden.»

Was macht Spotify?

Spotify ging das Problem mit der Musik umstrittener Künstler schon Anfang Jahr an. Der weltweit grösste Streaming-Anbieter bietet die Option, einzelne Künstler gezielt zu blockieren. Dazu muss man lediglich das Profil des Künstler aufrufen und gelangt mit einem Klick zur Auswahl «Diesen Künstler nicht spielen».

Und was ist mit R. Kelly?

Gemäss Airplay.ch spielen zurzeit nur vier Sender in der Schweiz Musik des US-Künstlers R. Kelly (52), dem ebenfalls sexueller Missbrauch von Minderjährigen vorgeworfen wird. Die Plays beschränken sich auf 20 innert eines Monats, mehr als die Hälfte geht auf das Konto von Radio Basilisk.

Im Gegensatz zu Michael Jacksons Musik sind Kellys Songs aber musikhistorisch weit weniger gewichtig. «R. Kelly läuft schon lange nicht mehr in unserem Programm, seine Songs erfreuen sich bei unseren Hörern keiner relevanten Beliebtheit», sagt Roger Spillmann, Radio-Chef bei NRJ.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pi am 07.03.2019 06:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    MJ

    Schon einfach, über einen verstorbenen Menschen schlecht zu reden. Welcher nicht mal die Möglichkeit hat, die Wahrheit zu beweisen od sich zu wehren!Schämt euch! die wollen doch nur Geld auf MJ Kosten verdienen!

    einklappen einklappen
  • Rosa Fri am 07.03.2019 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es ist vorbei

    Er ist Tot und seit längerem! Wenn Jackson im Leben sich unrecht verhalten hat nützt das alles was jetzt geschrieben und Urteile gefällt werden niemanden also hört auf über Tote geschichten zu schreiben !

    einklappen einklappen
  • Dalmi am 07.03.2019 06:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fragwürdig

    Lasst endlich die Toten in Ruhe. Er kann sich nicht mehr wehren. Ob das wirklich stimmt was die zwei angeblich missbrauchten sagen ist fragwürdig. Wieso kommen sie erst jetzt damit?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Leserin am 07.03.2019 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es sind immer mehrere .

    Ich denke man dürfte dann viele Musik nicht mehr spielen und ich denke kaum das ein Star die Musik nur alleine gemacht hat. Genau wie im Film es sind immer mehrere.

  • Aldo am 07.03.2019 18:26 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstentscheid

    Ich denke die Mehrheit wollen ihn hören, wer den Lügengeschichten glaubt, soll einfach den Sender wechseln

  • Nick Erchen am 07.03.2019 18:22 Report Diesen Beitrag melden

    Radiosender und ihr Handeln

    Gewisse Radiostationen senden Michael Jacksons aufgrund nicht bewiesener Vorwürfe nicht mehr. Was hat die Musik eines Künstlers mit seinem Privatleben zu tun?

  • lore am 07.03.2019 17:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mir wird

    übel!! schon nur der titel ist beschämend und für mich persönlich heuchlerisch. wow! mit dem finger auf einen toten zeigen ist wirklich obenaus und übrigens! wer kennt die wahrheit?

  • Doris K am 07.03.2019 17:47 Report Diesen Beitrag melden

    Nihil nisi bene

    Nihil nisi bene. Ueber Verstorbene spricht man nicht schlecht. Das wissen die Gebildeten, die Ungebildeten, die nun Radau machen, aber wohl eher nicht. Bewiesen ist nichts und ein Urteil wird es nie mehr geben. Und seine Musik dürfte man auch dann weiter hören und sich daran erfreuen, wenn er zu Lebzeiten wegen was auch immer verurteilt worden wäre. Ein Gestürm, wie viele, einmal mehr um nichts.