In Memoriam

02. März 2011 19:03; Akt: 02.03.2011 21:34 Print

Serge Gainsbourg - ein Leben für den «scandale»

Er stöhnte ins Mikrofon, er deutete Inzest an und niemand wusste, ob der Sex nicht vielleicht live aufgenommen wurde: Ein Rückblick auf die Skandale des grossen Künstlers Serge Gainsbourg.

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Am 2. März jährt sich der Todestag von Serge Gainsbourg, dem bedeutendsten Songwriter des französischen Popsongs, zum 20. Mal. Überall in den einschlägigen Publikationen des Musikjournalismus wird des «Gitanes» rauchenden, charismatischen Songwriters gedacht. Viele, etwa der britische «Guardian», glauben aber, dass seine Skandale noch grösser waren als seine Songs. Hier deshalb für Sie: Gainsbourg, die grössten Skandale.

1. Zweideutige Songs für knapp volljährige Eurovisions-Gewinnerinnen

Die zuckersüsse France Gall hatte bereits als 16-Jährige ihren ersten Hit mit einem Gainsbourg-Song «Laisse Tomber Les Filles». Ein Jahr danach – 1965 - konnte sie mit seinem «Poupée de Cire, Poupée de Son» gar einen Eurovisions-Gewinn verbuchen. Ein Gainsbourg-Song vom Darling der Grande Nation gesungen schien ein sicheres Erfolgsrezept. Dementsprechend gross war das Vertrauen der jungen Sängerin in ihren Librettisten – ein Vertrauen, das in der Folge mit dem Release von «Les Sucettes» (=Lollipops) anno 1966 jäh zerstört wurde.

Nichtsahnend sang France Gall die Story des Mädchens, das sich «im Paradies» fühlt, wenn sie «den kleinen Stengel auf ihrer Zunge spürt». Selbst beim berüchtigten TV-Auftritt, bei dem die Dekoration mit allerlei Phallus-Symbolen gespickt war, war sich die knapp 18-Jährige der Doppeldeutigkeit nicht bewusst. Als ihr Letzteres schliesslich offenbart wurde, weigerte sich Gall fortan den Song zu performen und jemals wieder mit Gainsbourg zusammenzuarbeiten.

2. Die Affäre Bardot

Anno 1967 war es um Gainsbourg geschehen: Er hatte sich in das grösste Sexsymbol der Welt, Filmstar Brigitte Bardot, verliebt. Bardot, die in ihrer Ehe mit dem deutschen Jetsetter Günther Sachs gerade eine schwierige Zeit durchmachte, willigte ein, den Songwriter privat zu treffen. Angeblich war Gainsbourg so überwältigt von Bardots Schönheit, dass er seinen legendären Charme und sein Charisma an jenem Abend gänzlich verlor. Als er nach dem enttäuschenden Date nach Hause zurückgekehrtgekehrt war, klingelte bei Gainsbourg das Telefon. Bardot war am Draht und verlangte von ihm als Wiedergutmachung für seine lausige Performance am Abend, er solle ihr den schönsten Lovesong aller Zeiten schreiben. Am nächsten Morgen hatte er zwei geschrieben: «Bonnie et Clyde» und «Je T'aime … Moi non Plus».

3. Heavy Petting im Studio

Bardot eilte schnurstracks zum Studio, um die für sie geschriebene Ode im Duett mit ihrem neuen Beau aufzunehmen. Während der zweistündigen Aufnahmesession behauptet der Toningenieur William Flageollet, vor dem Aufnahmemikro «Heavy Petting» mitbekommen zu haben, während die Stöhnlaute und Seufzer aufs Band kamen. Der fertig gemixte Song war für die Veröffentlichung parat, als Bardot in den Sinn kam, dass sie noch verheiratet war. Auf ihre eindringlichen Bitten hin willigte Gainsbourg ein, die ganze Chose zu stornieren. Bardot liess sich später von Sachs scheiden und veröffentlichte ihre Version des Songs schliesslich 1986.

4. Alk und Engländerin bodigen Barden

Um sich von dieser verlorenen Liebe abzulenken, nahm Gainsbourg eine Rolle im Spielfilm «Slogan» an. Seine Filmpartnerin war eine charmante junge Engländerin namens Jane Birkin, die das Gefühl nicht los wurde, dass ihr französisches Gegenüber nichts als Verachtung für sie übrig hatte. Flugs lud sie ihm zu Friedensgesprächen und einem Abendessen ein, bei dem sich Gainsbourg in der Folge hoffnungslos in sie verliebte. Leider bestand die erste Liebesnacht wegen erhöhten Alkoholkonsums bloss darin, dass Gainsbourg auf Birkins Bett in einen tiefen Schlummer fiel. Bis 1980 blieben sie ein Paar – und danach bis zu seinem Tod weiterhin unzertrennliche Freunde.

5. Das Mikro beim Liebesakt

Nachdem die Bardot-Version von «Je t'aime» in der Versenkung verschwunden war, suchte man nach geeigneten Lieferantinnen weiblicher Klänge für die Stöhn-Ballade. Unter anderen wurde die damalige Mick-Jagger-Freundin Marianne Faithful angefragt. Doch mit der neusten Liebschaft Gainsbourgs wurde auch eine willige Duettpartnerin gefunden. Bis heute jagen sich Gerüchte, wonach der Grossteil der Vocal-Tracks von einem Mikrofon aufgenommen wurde, das neben dem Birkin-Gainsbourgschen Ehebett stand. In Wirklichkeit wurden Birkins Stöhnlaute in Studios in Paris und London aufgenommen, wo sie von Gainsbourg akribisch inszeniert wurden. Birkin dementiert die Geschichte mit dem Mikro neben dem Bett bis heute - jedenfalls bei diesem Song.

6. Mega-Skandal und Mega-Hit

Der endgültige Release von «Je t'aime … Moi Non Plus» anno 1969 brachte Gainsbourg grossen Erfolg, einen schlechten Ruf, fette Verkaufserträge und weltweite Empörung ein. Der Song war Nummer eins in allen europäischen Hitparaden und in Grossbritannien der erste nicht-englischsprachige Track, der den Top-Spot eroberte. Bis heute ist der Song «mit der Orgel und den Orgasmen» der weitaus erfolgreichste Gainsbourg-Track und lieferte ihm quasi die Blaupause für alle späteren Erfolge: Gutes Songwriting kombiniert mit einem handfesten Skandal.

7. Le Zensur

Der Skandal war, dass Birkins Liebeslaute den Radio-Zensoren der meisten Länder zu viel des Guten waren. Obwohl die Single millionenfach verkauft wurde, scheuten sich etliche Programmleiter den Song über den Äther zu schicken. Im britischen Radio wurde er verboten; ebenso in Spanien, Schweden, Italien und vor 23 Uhr sogar auf französischen Radiosendern. Gerüchten zufolge wurde der italienische Radioverantwortliche, der den Song zunächst zuliess, vom Vatikan exkommuniziert. Aufgrund der noch radikaleren Zensur in den USA erreichte «Je T'aime … Moi Non Plus» nicht den Hitparaden-Topspot, sondern den – gar nicht so unpassenden – Platz 69.

8. Ein Konzeptalbum über die Liebe zu einer Minderjährigen, die in der Folge bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt

«Histoire de Melody Nelson» (1971) war Gainsbourgs erstes Konzeptalbum – die Story eines Mannes, der eine junge Rothaarige umfährt und sich danach in sie verliebt. War damals die Lolita-Liebesstory einen weiteren Skandal wert, wird heute das Album als ein Meilenstein der Popmusik anerkannt – und bietet so ein weiteres Beispiel dafür, wie Gainsbourg einen Skandal inszenieren und überstehen konnte, nur um daraus als gefeierter Held hervorzugehen.

9. Der erste Herzinfarkt mit 45

1973, im vergleichsweisen jungen Alter von 45 Jahren, zollte Gainsbourg den so geliebten Zigaretten und Alkoholika seinen Tribut: Er erlitt einen Herzinfarkt. Vor der Überführung ins Spital wies er aber die Notpfleger an, seine überaus teure, hochgradig modische Hermes-Bettdecke einzupacken, da die Spitalbettdecken «zu hässlich» seien. Typisch Gainsbourg – ein Abgang mit Stil.

Im Spital beschloss Gainsbourg die Zeit damit totzuschlagen, einen weiteren Publicity-Stunt zu inszenieren. Bei einer Pressekonferenz, die vor seinem Spitalbett abgehalten wurde, verkündete er, die Leiden bei einem zukünftigen Herzinfarkt zu mindern, indem er seinen Zigaretten- und Alkoholkonsum von nun an erhöhe. Nach seiner Entlassung aus dem Spital wurden an allen Ecken und Enden seines Krankenzimmers Pillengläschen mit Zigarettenstummeln gefunden. Von wegen Rauchverbot!

10. Das Nazi-Album

Paris, 1975, dreissig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein guter Moment, so Gainsbourg, der sich als jüdischer Teenager im besetzten Frankreich vor den Nazis verstecken musste, um «Rock Around the Bunker» zu veröffentlichen. Der Eröffnungssong des Albums, «Nazi Rock», erzählt von SS-Soldaten als Drag-Queens. Einmal mehr verursachte Gainsbourgs komödiantische Interpretation eines heiklen Themas eine Kontroverse.

11. La Marsellaise auf Jamaikanisch

Doch nichts enervierte Patrioten der Grande Nation mehr als Gainsbourgs Jamaica-Reise mit dem Produzententeam Sly and Robbie, mit denen er eine Reggae-Version der französischen Nationalhymne aufnahm. Die darauffolgende Frankreichtournee wurde von Bombendrohungen, Absagen und Protesten beleidigter Armeeveteranen überschattet. Doch einmal mehr – nach klassischem Gainsbourg-Muster – wurde die Kontroverse zu seinem eigenen Vorteil gedreht. Das Album verkaufte sich mehr als 600 000-mal und gilt heute als eines der Werke, die Reggae beim Pop-Mainstream populär machten.

12. Das Verbrennen einer 500-Franc-Banknote live am TV

Das war anno 1984 illegal – selbst für einen Serge Gainsbourg. Obwohl sein Protest gegen zu hohe Steuern nie geahndet wurde, gab es Vergeltung von unerwarteter Seite. Als Reaktion auf das extravagante Verhalten ihres Vaters wurden Charlotte Gainsbourgs Hausaufgaben von ihren Klassenkameraden verbrannt.

13. Das Inzest-Duett mit seiner Teenager-Tochter

1984 war ein ereignisreiches Jahr für Gainsbourg. Die grösste Kontroverse blieb aber die Veröffentlichung des Lieds «Lemon Incest», ein Duett mit seiner damals zwölfjährigen Tochter Charlotte. Der Text ist voller Doppeldeutigkeiten und Anspielungen auf pädophilen Inzest. Das Video zeigt Charlotte im Nachthemd und Höschen auf einem Bett liegend, während Vater Serge, oben ohne und in Jeans bekleidet, über «die Liebe, die wir niemals zusammen machen werden» singt. Die Welt war entsetzt. Die Plattenverkäufe stattlich.

Ach ja, «Lemon Incest» war die erste Single des Albums «Love On the Beat», wobei «Beat» ein Wortspiel auf «bite» war, was im französischen Slang so viel wie «Schwanz» bedeutete.

14. Houston, we have a problem

Nach einem Auftritt in der TV-Show des renommierten französischen Talkmasters Michael Drucker im Jahr 1986 fand sich die junge Whitney Houston neben dem Altmeister des frankophonen Popsongs sitzend, bereit für ein gemütliches Gespräch. Als brave Amerikanerin erwartete sie kaum, dass das Lob, das Gainsbourg für sie auf Lager hatte, in seinem Wunsch gipfeln würde, sie «zu f***en».

15. Der stilvolle Abgang

Serge Gainsbourg wurde am 2. März 1991 in seiner Wohnung im Rue de Verneuille in Paris aufgefunden. Die Diagnose: Tod durch Herzinfarkt. Sein Ansinnen, durch vermehrtes Rauchen und Trinken weiteren Schlaganfälle vorzubeugen, erwies sich als erfolglos. Der damalige französische Staatspräsident Francois Mitterrand bezeichnete ihn als «Baudelaire, unser Apollinaire … Er hob das Lied auf die Stufe der Kunst empor». Obwohl er ein Vermächtnis voller Skandale, Dramen und Kontroversen hinterliess, wird er heute für sein künstlerisches Flair, seine Musik und sein Charisma verehrt. Schliesslich hat er es geschafft, dass wir uns auch 20 Jahre nach seinem Tod an ihn erinnern.

(obi)