Wir sind Helden - «Von hier an blind»

07. April 2005 04:34; Akt: 06.04.2005 21:00 Print

«Eine Lüge!»

Die Masse und die Medien lieben sie, doch die Band lässt sich nicht vereinnahmen: Judith Holofernes von Wir sind Helden zum neuen Album «Von hier an blind».

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Judith, Berliner Bands mit Frontfrau sind das Ding der Stunde. Auch dank euch.

Wir kommen nur zum Teil aus Berlin und fühlen uns keiner Welle zugehörig. Aber sich über Schubladen zu ärgern, bringt etwa so viel, wie sich übers Wetter zu nerven. In unserem Beruf ist das müssig.

Trotzdem werden Bands wie Silbermond und Juli nicht mehr an Nena gemessen. Nun seid ihr und Mia das Mass.

So läuft das. Aber wir sind nicht wie das blöde Schulhof-Kind, das seinen Spielplatz gegen neue Kinder verteidigt. Wir fühlen uns ja selbst noch als Newcomer. Doch in diesem Business mutierst du innert Monaten von der interessanten neuen Band zum heissen Scheiss, kassierst Newcomer-Echos – und schon heisst es: Jetzt seid ihr etabliert.

Und dann gilt es, mit dem zweiten Album den Ansprüchen zu genügen. Habt Ihr den Erwartungsdruck gespürt?

Anfangs hatten wir schon weiche Knie, weil Leute, die dich gerade noch beglückwünschten, plötzlich meinten: Das wird ja jetzt ganz schwierig für euch. Herzliches Beileid. Doch mit der Arbeit sind die Ängste verflogen.

Wobei dann Kampfansage wie «Gekommen um zu bleiben» entstehen …

Genau, ein kleiner Befreiungsschlag, um den Erwartungsdruck wegzupöbeln. Und den platziert man am besten gleich am Fernsehen und im Radio.

Medien, die du gerne kritisierst.

Stimmt. Wir treffen da oft auf Inszenierungsabsichten, die uns nicht passen.

Fokussiert auf dich und «Sex Sells»?

Ja, da reagiere ich zickig. Ich beobachte oft talentierte Künstlerinnen, die mit Körpereinsatz noch das allerletzte Marktsegment ausreizen wollen. Wie viele junge Frauen behaupten sie, das sei Teil ihrer Individualität. Eine Lüge. Die sehen doch alle gleich aus. Ich bin nicht das keusche Amish-Mädchen, das den Gegenentwurf liefert. Ich ziehe mich gerne elegant an und flirte auch gerne. Aber ich werde mich nie eingeölt wie eine Sardine auf Autodächern wälzen.


Olivier Joliat


Wir sind Helden «Von hier an blind» (emi).