14. April 2005 04:55; Akt: 20.04.2005 11:16 Print

Zürichs Punx

Punk ist nicht tot, er riecht nur etwas streng. Dass die Punks in Zürich doch überlebt haben, ist für Polizei und Bevölkerung Provokation genug. Warum eigentlich?

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Am Bahnhof Stadelhofen sammeln sich die Überreste einer Bewegung, vor der die Stadt Zürich einmal grosse Angst hatte. Als Züri brannte, wusste niemand, wohin die Krawalle führen würden. Heute wissen wir: Das anarchistische Chaos ist nicht das Universum, sondern nurmehr ein kleiner Mikrokosmos, der sich beim «Stadi» installiert hat, Bier trinkt und ab und zu einen Krawattenträger nach einem Stutz fragt. Sonst nichts. Aber das alleine genügt, dass die Menschen die Punks «Zecken» oder «Schmarotzer» nennen.

Gnom kämpft gegen diese Vorurteile, seit er 15 Jahre alt ist und in Brugg zur Punkszene stiess. Dort wurde er mit der Einstiegsdroge, der Musik der Ärzte und Toten Hosen, infiziert. Gnom hat sanfte Augen und eine derart beruhigende Stimme, dass man ihm gerne ein Neugeborenes anvertrauen würde. «Ich bin für die Anarchie, aber in einem solidarischen Sinne», sagt Gnom und streichelt zärtlich seinen Hund Golum, der sich brav neben ihm auf dem Boden ausruht.

Denn der Lebensentwurf Punk ist kein komfortabler, auch wenn dies auf den ersten Blick so aussehen mag. Von der Gesellschaft geächtet zu sein, ist ein Fulltime-Job. Punks werden ständig gehetzt. Von den Skinheads, von den Homies, von den Jugos und immer wieder von der Polizei. Weg von der Blatterwiese, dem HB und dem Stauffacher.

Wie jetzt, wo gerade ein Polizeiauto auf dem Stadelhofen-Platz einfährt. Aus dem VW Sharan steigen zwei Cops. Breitbeinig gehen sie auf die Punks zu. «Ihr habt uns doch schon vor zehn Minuten kontrolliert», ruft einer der Punks ihnen mit heiserer Stimme entgegen. Ein anderer versteckt sein Blättchen Zigarettenpapier und das Krümelchen Gras unter einer alten Zeitung, um den Gesetzeshütern nicht ins Netz zu gehen.

Die Polizisten N. und W. haben einen rüden, despektierlichen Tonfall. «Ruhe. Alle Ausweise», fordert Polizist N. und sammelt alle Ausweise ein. «Und du bist der Philosoph hier», sagt er zu mir. Wahrscheinlich, weil ich mir Notizen in mein schwarzes Büchlein mache. Erst, als sich herausstellt, dass ich kein Punk bin, wechselt er vom Du zum Sie und vom Befehlston auf Zimmerlautstärke. Die Punks werden härter rangenommen, und es wird an den Hunden rumgenörgelt, die kein Halsband tragen. Pure Schikane?

«Kapitalismus hat was mit Egoismus zu tun», sagt Döner, während er ein Bier knackt und seinen Ausweis den Polizisten reicht. Döner hiess früher einmal Dani, dann Dänä und später Arschloch. Aber das gefiel ihm nicht, also liess er sich von einem Deutschtürken umtaufen. Das Taufen ist ein Ritual, bei dem ein Punk dem anderen Bier über den Schädel giesst. Ein Punk kann sich bis zu dreimal umtaufen lassen, wenn ihm der Name nicht mehr passt.

Die Polizisten nehmen es genauer und kontrollieren jeden Ausweis. Auch diejenigen der beiden Kitty Punks. Kitty Punk ist der Ausdruck für jene Punks, die weder Lederjacke noch zerrissene Jeans tragen, aber den Lifestyle lässig finden. Wie Eva und Lilli, die sich mit den Polizisten ein Wortgefecht liefern und sich über den Überwachungsstaat ärgern, weil N. alle Namen in einem schwarzen Büchlein notiert. Auch er ist kein Philosoph.

Lilli ist die Freundin von Stauffi, der ständig an einer M-Budget-Flasche mit Eistee nuckelt, seit er aus Liebe zu Lilli das Saufen lässt. Stauffis Zähne sind so weiss, als käme er gerade vom Bleaching. Er legt auch sonst grossen Wert aufs Äussere. Vor allem auf seine Lederjacke ist er stolz. «Kein Mensch auf der Welt hat eine solche Lederjacke wie ich.» «Punk lebt. Jesus klebt», steht drauf. «Nur schon, dass ich anhabe, was ich anhabe, ärgert die Leute.» Und er erreicht damit sein Ziel, sanft zu provozieren. Stauffi will sich vom System abheben, weil das System versagt hat, und zählt dabei als Beispiele den 1. und 2. Weltkrieg auf. «Ich bin für Gleichberechtigung, Freiheit und Individualität», sagt er und umarmt Lilli. Nichts unterscheidet sie von einem anderen Liebespaar. Bis auf die Kammfrisur. Und vielleicht auch die Wohnsituation. Einige Punks leben in besetzten Häusern, in WGs oder wo es ihnen gerade passt.
Die Polizisten diskutieren nun schon seit über einer Stunde mit den Punks. Auch wenn die Fronten gar nicht so verschieden sind (beide Seiten sind uniformiert und provozieren): Freunde werden sie wohl nie.


Jürg Zentner


Stauffi, 25, Mechaniker

Was machst du als Punk den ganzen Tag?

Leute treffen und quatschen. Der Bahnhofplatz hier ist unser Wohnzimmer.

Gegen was bist du?

Gegen den Staat, Kapitalismus, Fa-schismus, Nationalismus und Blocher!

Für was bist du?

Jeder soll so sein können, wie er sein will. Man ist kein besserer Mensch, wenn man mehr verdient als andere, eine Arbeit oder eine bestimmte Hautfarbe hat.

Wenn du die Welt verändern könntest, was würdest du als Erstes tun?

Die Politik abschaffen.

Was machst du in zehn Jahren?

Mein Traum wäre, für mich und meine Freunde ein Haus in Portugal zu kaufen.


Gnom, 23, Abgebrochene Gärtnerlehre

Was machst du als Punk den ganzen Tag?

Ich habe keinen Job, also hänge ich hier mit meinen Freunden ab und trinke Bier.

Gegen was bist du?

Gegen Faschismus, Menschenfeindlichkeit, Ausschaffung von Ausländern, die kapitalistische Ausbeutung der dritten Welt, die G-8 und natürlich das Wef.

Für was bist du?

Ich bin für eine solidarische Anarchie. Die Menschen sollten lernen, ohne Gesetze miteinander auszukommen.

Wenn du die Welt verändern könntest, was würdest du als Erstes tun?

Ich würde den Krieg abschaffen.

Was machst du in zehn Jahren?

Keine Ahnung, aber ich habe die Möglichkeit, in Südfrankreich eine Ausbildung als Imker zu machen.


Bomber, 23, kein Beruf

Was machst du als Punk den ganzen Tag?

Hier am Stadelhofen rumhängen, mit meinen Kollegen labern und warten, bis die Bullen mal wieder aufkreuzen.

Gegen was bist du?

Gegen Nazis und den Staat.

Für was bist du?

Die Welt sollte freier sein.

Wenn du die Welt verändern könntest, was würdest du als Erstes tun?

Zuerst würde ich die gesellschaftliche und politische Situation hierzulande entschärfen und die amerikanische Kriegshetze unterbinden.

Was machst du in zehn Jahren?

Mein Leben leben!


Güsel, 21, Detailhandelsangestellter

Was machst du als Punk den ganzen Tag?

Mit meinen Freunden am Stadelhofen abfeiern. Es ist täglich was anderes los.

Gegen was bist du?

Gegen das System, Faschismus, Bullen, Tierversuche und Ausbeutung der Arbeiterschaft.

Für was bist du?

Für Anarchie, Menschenrechte, Tier- und Umweltschutz.

Wenn du die Welt verändern könntest, was würdest du als Erstes tun?

Ich würde alle Regierungen abschaffen und alle auf das gleiche Level bringen.

Was machst du in zehn Jahren?

No Future.


Gaudenz Raiber