Tanita Tikaram - «Sentimental»

14. April 2005 04:53; Akt: 13.04.2005 19:47 Print

Stimme der Stille

Mit achtzehn landete sie einen Welthit. Seither musiziert Tanita Tikaram (35) abseits der Öffentlichkeit — und kann sich nichts Schöneres vorstellen.

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Da sitzt sie nun: Die geheimnisvolle Exotin, die einst in wallende Mäntel gehüllt «Twist in My Sobriety» hauchte und mit sprödem Charme die Welt in ihren Bann zog. Fast zwanzig Jahre später ist Tanita Tikaram mager geworden. Schwach ist ihr Händedruck, schlecht die Haut. Eine unscheinbare Person, die ihre Unsicherheit mit stetem Gelächter zu überspielen versucht. Aber «ich führe ein sehr glückliches Leben», versichert sie. «Viel glücklicher, als meine Musik klingt.»

Kein Wunder: «Sentimental», das fünfte Album der Frau mit Wurzeln in Indien, Borneo und Grossbritannien, ist eine Ode an die Wehmut. Zehn Songs mit Titeln wie «Play Me Again», «Don’t Let the Cold» oder «Got to Give You Up» sind darauf versammelt. Intime, berührende Stücke, die von akustischen Gitarren- und Pianoklängen sowie Tanitas sonorer Stimme getragen werden. «Je reifer ich werde, desto reduzierter klingt meine Musik», erklärt sie. «Wenn man jung ist, will man sich beweisen. Nun mag ich keine überflüssigen Worte und Töne mehr verlieren.» Ganz im Gegensatz zum letzten Album «The Cappuccino Songs», auf dem sich Tanita mit einem sexy Image versuchte und aus unerfindlichen Gründen einen Abba-Song interpretierte. «Das war nicht ich», gesteht sie heute ein. «Aber: So etwas wird es nicht mehr geben.»

An dunklen, stillen und einsamen Orten findet Tanita zu sich selbst – nicht im grellen Scheinwerferlicht. In den letzten Jahren hat sie sich ins italienische Bologna zurückgezogen, studiert und einen leisen Dokumentarfilm über das Schicksal albanischer Einwanderer gedreht. Je unspektakulärer ihr Leben, findet sie, desto besser. Als Star hat sich die Sängerin ohnehin nie betrachtet. «In dieser Beziehung war ich sehr naiv», erzählt sie. «Ich hatte nie das Gefühl, ich sei berühmt. Auch wenn mich die Leute auf der Strasse noch immer erkennen.» Dass sie es einmal an die Spitze geschafft hat, betrachtet Tanita Tikaram als Glück. Dass sich der grosse Erfolg nie mehr wiederholt hat, ebenfalls. Tourneen liegen der zurückhaltenden Person nämlich ebenso wenig wie Fotoshootings. «Ich habe kein sehr grosses Ego», sagt sie. «Und wer auftreten will, muss das wohl haben.» Gut möglich also, dass auch ihr aktuelles Album unbemerkt von der Öffentlichkeit verklingen wird. Denn das kommt Tanita Tikaram sehr gelegen.


Claudia Schlup


Tanita Tikaram «Sentimental» (MV).