28. April 2005 04:55; Akt: 27.04.2005 21:49 Print

Wargames

Die brutale Realität rückt in Griffweite: immer detailgetreuere Taktik-Shooter schicken den Gamer ins Gefecht.

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Terrorismus ist für die Game-Industrie ein Geschenk Gottes. Denn die Terroristen in Spielen eignen sich nicht nur als besonders gelungenes Feindbild, sondern es darf auch ohne Konsequenzen ein ganzes virtuelles Gewehrmagazin in sie hineingeballert werden. Seit den Anschlägen vom 11. September erleben Kriegsspiele deshalb eine Hochblüte – an vorderster Front die so genannten Taktik-Shooter. In diesen ausschliesslich militärischen Games zieht der Spieler jeweils mit einem Team in den Kampf gegen terroristische Organisationen. Das Vorgehen entspricht dabei weitgehend dem des realen Militärs: Von den Team-Kommandos mittels Zeichensprache über den strategisch richtigen Einsatz des Kriegsmaterials bis hin zum Kriechen im Schlamm wird das Verhalten von Elite-Einheiten möglichst genau zu kopieren versucht. Besonders viel Aufmerksamkeit widmen die Entwickler dabei dem detailgetreuen Design und Schussverhalten der Waffen – eine der Voraussetzungen, um die Spiele an die Fans des Genres zu verkaufen. «Ein Taktik-Shooter muss Folgendes beinhalten: eine realistische, glaubwürdige Umgebung, annähernd realistisches Waffenverhalten (über Kimme und Korn zielen, Waffe verzieht), wenige Treffer, um zu sterben», schreibt etwa der User Smithie im Online-Forum K-Foren.de.

Auch bei Kriegsszenarios wird auf die Wirklichkeit gesetzt – meistens auf eine amerikanische Version davon. Historische Taktik-Shooter wie Brothers in Arms versuchen in erster Linie jene Momente des zweiten Weltkriegs nachzuempfinden, die die Weltmacht USA in ein gutes Licht rücken. Modernere Konflikte werden hingegen entlang Bushs Achse des Bösen ausgetragen, also vorwiegend in arabischen Ländern, in Nordkorea oder in Indonesien. Das Game Tom Clancy's Ghost Recon 2 beispielsweise inszeniert einen möglichen Konflikt mit Nordkorea, der so nahe am Denkbaren liegt, dass das Game in Südkorea sofort verboten wurde.

Der in Taktik-Shootern zelebrierte Ruhm von Elite-Söldnern und die darin verpackte US-Propaganda stossen dabei nicht nur bei USA-allergischen Kriegsgegnern auf Ablehnung. Speziell das beschönigende Bild vom Kriegshandwerk gerät ins Visier von Kritikern. Oder wie der deutsche Journalist Hartmut Gieselmann im Buch «Der virtuelle Krieg» schreibt: «[Der Spieler] blendet die Opfer aus, um sich an der ‹spannenden Technik› reuelos erfreuen zu können.» Abgetrennte Körperteile, zerstörte Familien oder das Leiden von Flüchtlingen werden in einem Taktik-Shooter nicht thematisiert – die Spiele vermitteln eine ähnliche Teilnahmslosigkeit wie der Einsatz Laser-gesteuerter Bomben. Dies wiederum führt laut Gieselmann zu einer Bewusstseinsveränderung und zu einer makabren Rechtfertigung moderner Kriege.

Dieser Effekt ist auch der amerikanischen Army nicht entgangen, die das Werbepotential von Taktik-Shootern erkannt hat und deshalb massiv Geld in die Game-Industrie pumpt. Spiele-Entwickler wie Novalogic arbeiten handkehrum gerne mit dem Militär zusammen, um die Kriegsspiele so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. Für zehn Millionen Dollar hat die US-Armee sogar ein eigenes Game – America’s Army – entwickeln lassen, das den Spieler in der Haut eines US-Infanteristen in realistisch anmutenden Kriegsszenarios antreten lässt. Das Spiel wird im Internet notabene gratis zum Download angeboten.


Jan Graber