Klatten-Erpresser

01. Dezember 2011 17:07; Akt: 01.12.2011 17:07 Print

«Alexandre» sollte sie glücklich machen

Das Leben des Schweizer Gigolos Helg Sgarbi wurde für einen Schweizer Dok-Film neu ausgeleuchtet. Im Mittelpunkt steht seine Affäre mit einer 83-jährigen Comtesse.

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Helg Russak lernt den Italiener Ernano Barretta (Bild) kennen. Er führt als selbsternannter Heiler in Zürich unter dem Namen «Sensitivo» eine Sekte. Bald ist Barretta für den 26-Jährigen der «Maestro meines Lebens». Russak ist Offizier der Schweizer Armee und Kadermann bei der CS. Er spricht sechs Sprachen und hat gute Manieren. Trotzdem verlässt ihn seine erste Frau, weil sie nicht erträgt, dass er in Barrettas Sekte abgeglitten ist. Der 36-jährige Russak trifft die 83-jährige Comtesse Verena du Pasquier-Geubels im vornehmen «Hotel de Paris» in Monte Carlo. Er wird ihr Liebhaber. Nach einem Monat bestellt die Comtesse Trauringe beim Juwelier Graff. Der junge Liebhaber löst einen Fonds der Comtesse in Liechtenstein auf und überweist die 24 Millionen Franken auf zwei Schweizer Bankkonten, die auf seinen Namen laufen. Helg Russak heiratet die Schweizerin Gabriele Franziska Sgarbi in den Abruzzen. Um «Spuren zu vertuschen», nimmt er im Jahr 2002 im Standesamt Goldach SG offiziell den Namen seiner Frau an. Der Comtesse erzählt er, während seiner «Geschäftsreise» sei er in eine «scheussliche Situation» geraten: Ein «unbekannter Mann» fordere zwei Millionen Franken von ihm, sonst drohe «Unheil» von der Mafia. Eine Freundin der Comtesse, die Ärztin Christiane Weyer, warnt die Gräfin vor Russak. Sie habe gehört, er sei ein mieser Betrüger. Die 83-Jährige geht zur Polizei. Russak wird in Lausanne festgenommen und wegen Veruntreuung, Erpressung und Diebstahl angeklagt. Weil er der Comtesse 20 Millionen Franken zurückgibt, zieht sie die Klage zurück. Sgarbis neues Opfer ist Liliane Z.: Sie treffen sich in einem Apartmenthaus beim Flughafen Zürich. Doch Z. kommt ihm auf die Schliche. Er droht mit der Veröffentlichung von Sexszenen. Sie zeigt ihn an. Das Bezirksgericht Bülach ZH verurteilt Sgarbi wegen «Nötigung und Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte» zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung. Sgarbi zieht nach Uznach SG in eine kleine Zweizimmerwohnung und gründet das Übersetzungsbüro «Technology Business Development». Gleichzeitig arbeitet er im Call Center von Sunrise. : Helg Sgarbi lernt im Nobelhotel Quellenhof in Bad Ragaz die deutsche Millionärin Marie Luise H. kennen. Bald kommt es zu intimen Beziehungen. Sgarbi nimmt diese heimlich auf Video auf. Wenige Wochen später erzählt er seinem Opfer, dass er einen Unfall verursacht habe, bei dem ein Kind schwer verletzt worden sei. Jetzt sei er mit horrenden Schadenersatzforderungen konfrontiert. : Von Marie Luise H. erschwindelt sich Sgarbi 600 000 Euro. Er möchte ihre Häuser in Wien verwalten dürfen, doch sie lehnt ab. Sgarbi erzählt Luise H., sein Laptop sei in Rom gestohlen worden. Die Mafia drohe nun, Bilder von ihnen beim Sex zu veröffentlichen, wenn er nicht 1,5 Millionen Euro zahle. H. nimmt einen Kredit auf und übergibt Sgarbi das Geld am Bahnhof Bad Ragaz. Er sei in einem Lieferwagen gekommen, erinnert sich die Frau, und habe «nicht mal Danke gesagt.» H. zahlt heute noch den Kredit ab. Sgarbi bezirzt drei Frauen gleichzeitig. Er gibt stets an, ein Sonderberater der Schweizer Regierung zu sein, der immer wieder zu schwierigen internationalen Verhandlungen in Krisengebiete reisen muss. Die deutsche Geschäftsfrau O. überlässt Sgarbi die Schlüssel zu ihrem Ferienhaus in Kitzbühel - nur zwei Tage, nachdem sie ihn im Tirol kennengelernt hat. Helg Sgarbi lernt die reichste Frau Deutschlands, Susanne Klatten, im österreichischen Wellness-Hotel Lanserhof kennen. Er ruft sie wochenlang an, doch die 46-Jährige will nichts von ihm wissen. Sgarbi taucht überraschend bei Susanne Klatten in Südfrankreich auf. Sie beginnen eine Liebesbeziehung. Nach der Rückkehr aus den Ferien treffen sie sich im Münchner Hotel Holiday Inn. Das Paar trifft sich im Zimmer 629 des Hotels. Aus dem Zimmer nebenan filmt Sgarbis Partner Ernano Barretta 38 Minuten lang. Der Gigolo erzählt Klatten, er müsse geschäftlich in die USA reisen. Tatsächlich trifft er sich aber mit O. in Kitzbühel und zieht die Mafia-Masche ab: Er brauche drei Millionen Euro, weil er ein Kind in Italien überfahren habe. O. gibt ihm 300 000 Euro in einer Schuhschachtel. Sgarbi meldet sich wieder bei Klatten. Er müsse sie sofort treffen, sagt er, er sei in «grosser Not». Wieder erzählt er von einem überfahrenen Mafia-Kind. Er müsse sich nun «freikaufen». Klatten holt sieben Millionen Euro aus dem Tresor ihrer Bank. Sie packt das Geld in einen Karton und beschriftet ihn mit «7up». Klatten übergibt Sgarbi die Schachtel voller 500-Euro-Scheine in der Tiefgarage des Hotels Holiday Inn in München. Er ruft sie am Abend an und sagt, er habe das Geld nun den Anwälten übergeben. Sgarbi fordert Klatten auf, sich von ihrem Mann zu trennen. Sie solle zur Finanzierung des gemeinsamen Lebens 290 Millionen Euro in eine Stiftung einbringen. Klatten lehnt ab. Susanne Klatten beichtet ihrem Mann die Affäre. Dieser war bereits wegen der hohen Handyrechnung und den vielen Anrufen in die Schweiz misstrauisch geworden. Sie ruft Sgarbi an und beendet am Telefon die Beziehung. Sgarbi gibt an der Rezeption des Tiroler Wellnesstempels Lanserhof einen Brief ab. Darin droht er Klatten, es sei «besser für sie, baldmöglichst» mit ihm zu reden. In einem von der Polizei mitgeschnittenen Telefonat erklärt Sgarbi Susanne Klatten, dass er alle intimen Treffen gefilmt habe und sie die Sache mit 49 Millionen Euro «in Ordnung bringen» könne. Um seine Drohung zu untermauern, schickt er Klatten eine DVD. Gleichzeitig reduziert er seine Forderung auf 14 Millionen Euro. Sie vereinbaren ein Treffen für die Geldübergabe in München am 15. Januar. Sgarbi und Barretta fahren zum Treffen. Als sie an der Autobahnraststätte Rosenberg in Vomp, Tirol, anhalten, werden sie von drei österreichischen Kriminalbeamten festgenommen.

Das bewegte Leben des Held Sgarbi.

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Als Helg Sgarbi im Jahr 2001 die 83-jährige Gräfin Verena Du Pasquier-Geubels trifft, ist er knapp 36 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt heisst er allerdings nicht Sgarbi, sondern Russak. Das ist der Name seines Vaters, eines hohen Kadermitglieds bei Sulzer. Sgarbi und Du Pasquier sind am Dienstagabend auf SF1 die Protagonisten des Dokumentarfilms «Spaghetti, Sex und Videos», der die unglaubliche Affäre beleuchtet.

Die rüstige Dame ist reich – und einsam. Später wird die Comtesse der Polizei erzählen, dass sie sich damals sehnlichst «einen starken Beschützer» wünschte. Den findet sie Ende Mai in einer Hotelbar des «Hotel de Paris» im noblen Monte Carlo. Ein wenig Small-Talk, drei rote Rosen und ein gemeinsames Mittagessen später wird der junge Helg ihr Liebhaber.

Der Trick mit der Mafia

Bald ist von Hochzeit die Rede. Die 83-Jährige fühle sich wie ein «20-jähriges Mädchen», erzählt sie einer Freundin. Weil sie in letzter Zeit viel Geld an der Börse verliert, bietet sie ihrem Freund – den sie lieber «Alexandre» nennt – an, ihre Millionen zu verwalten. Der willigt ein und die alte Dame freut sich, «endlich einen jungen Mann» gefunden zu haben, «der ans Arbeiten denkt und nicht ans Ausnützen.» Sgarbi zeigt sich inzwischen sehr beschäftigt, reist «geschäftlich» nach Ägypten, dann nach Italien.

Wenige Wochen nach ihrem ersten Treffen hat der Lover eine schlechte Nachricht zu vermelden: Er habe das Kind einer italo-amerikanischen Mafiafamilie angefahren und werde nun bedroht. Sollte er nicht umgehend 650 000 Franken zahlen, lande er im Rollstuhl. Kurz darauf heisst es, die Mafia wisse von seiner Beziehung mit einer reichen Frau und wolle nun etwas mehr Geld: 2 Millionen. Die Comtesse gibt Sgarbi das Geld – und plant weiter auf die Traumhochzeit.

Freund und Millionen-Verwalter

Mittlerweile verwaltet der junge Freund mit freier Hand die Millionen seiner Zukünftigen. Er verkauft Aktien und Obligationen, lässt sich vier Millionen Franken auf sein Konto auszahlen – angeblich, um Kunst zu kaufen. Weitere 750 000 Franken «investiert» er in eine Glacé-Fabrik in Italien. Insgesamt verschwinden innert kürzester Zeit 24 Millionen Franken.

Mitte August erzählt eine Freundin der Comtesse, Sgarbi habe bereits andere Frauen betrogen, der Typ sei ein Betrüger. Verena Du Pasquier zeigt ihren Liebhaber an. Sgarbi wird in Genf verhaftet und landet für zwei Wochen im Gefängnis. Vor Gericht spielt er den Unschuldigen, gleichzeitig bedroht er die alte Dame massiv.

Das Erbe schwebt nun im Nirvana

Diese zieht kurz darauf die Anzeige zurück, unter der Bedingung, das sie ihre Millionen zurückerhält. Von den 24 Millionen tauchen 20 wieder auf. Anwaltskosten dazugerechnet, kostet die sechswöchige Affäre die Comtesse 7 Millionen Franken.

Sgarbi wird freigelassen. Ein Jahr später will Verena Du Pasquier den Fall neu aufrollen lassen, stellt aber den Antrag an die falsche Stelle. Da gibt sie endgültig auf. Zwei Jahre später stirbt sie unter mysteriösen Umständen in Monaco. Eine junge Italienerin ist ihre letzte Begleitung. Die diversen Testamente der Gräfin sind nicht eindeutig; bis heute konnte ihr Erbe nicht verteilt werden. Die einzigen Profiteure dieser Situation sind ihre Anwälte.

(kle)