CBS-Reporterin Logan

03. Juni 2011 13:37; Akt: 03.06.2011 14:55 Print

«Ich wurde mit den Händen vergewaltigt»

von Bettina Bendiner - Am 11. Februar befanden sich Millionen Ägypter im Freudentaumel. Zeitgleich ging US-Reporterin Lara Logan durch die Hölle. 200 Männer missbrauchten sie. Jetzt ist sie zurück – und beweist Mut.

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Eines der schönsten TV-Gesichter Amerikas verschwand im Februar von der Bildfläche, schottete sich von der Öffentlichkeit ab, versteckte sich zuhause im Familienheim bei Washington D.C.. Die Frau, die sich verkroch, gehört zu den mutigsten Journalistinnen der Welt.

Lara Logan verdient ihr Geld seit 18 Jahren als Kriegsreporterin in den Krisengebieten der Welt. Durch die Hölle ging sie aber erst am 11. Februar 2011 auf dem Tahir-Platz in Kairo, als 200 Männer sich auf sie stürzten, ihr die Kleider vom Leib rissen, sie an den intimsten Stellen ihres Körpers betatschten und mit Fahnen-Stangen malträtierten.

Die 39-Jährige tauchte ab. Millionen von TV-Zuschauern sorgten sich um die beliebte Reporterin, die mit der Erfolgssendung «60 Minutes» auf CBS sogar einen Emmy gewonnen hatte. Präsident Barack Obama rief bei Logan an und liess nachher via Pressesprecher ausrichten: «Gewalt gegen Journalisten ist inakzeptabel und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.»

Rückkehr ins Rampenlicht

Der Aufschrei kam zu spät für Sarah Logan. Aber möglicherweise früh genug für manche ihrer Kolleginnen. Denn Logan hat sich ein Herz gefasst, nach monatelanger Abgeschiedenheit den Schritt zurück ins Rampenlicht gewagt. Bei «60 Minutes» sprach sie Anfang Mai zum ersten Mal öffentlich über ihr grausames Erlebnis.

«Plötzlich, bevor ich überhaupt merkte, was passiert, fühlte ich Hände, die nach meinen Brüsten griffen, mir von hinten in den Schritt fassten», erinnert sich Logan an das schreckliche Erlebnis. «Mein Shirt hing um meinen Hals, ich fühlte, wie mein BH zerriss. Ich merkte, wie sie meine Hose zerrissen.» Die Schläge mit Fahnenstangen habe sie gar nicht wahrgenommen: «Ich habe nur an die sexuelle Nötigung gedacht, ich fühlte, wie sie mich immer und immer wieder mit ihren Händen vergewaltigten. Sie haben meinen Körper in alle Richtungen gerissen und versucht, mir die Haare auszureissen.» 25 Minuten lang war sie den 200 Männern ausgeliefert, bis sich ein paar Ägypterinnen und rund 20 Soldaten einmischten.

Ägypterinnen eilten ihr zu Hilfe

«Die Frau in traditionellen religiösen Gewändern nahm mich in den Arm, legte schützend ihre Arme um mich. Ich wusste, ich war nicht ausser Gefahr. Aber wenigstens nicht mehr allein», so Logan. «Ich dachte, ich würde sterben», ergänzte sie noch. Nur der Gedanke an ihre zwei Kinder habe sie am Leben gehalten. Dann kam das schlechte Gewissen. Der Überfall löste eine Urangst der Reporterin aus. In einem Interview sagte sie einmal: «Ich muss immer daran denken, dass meine Kinder ohne ihre Mutter aufwachsen könnten. Ich hasse es, darüber nachzudenken.» Fast wäre aus diffuser Angst bittere Realität geworden. Damit andere Reporterinnen nicht dasselbe Schicksal ereilt, will Logan nun gegen sexuellen Missbrauch von Journalistinnen mobil machen. Sie wolle die «Schweigeklausel» rund ums Thema brechen.

Dunkelziffer hoch

US-Medien glauben an eine hohe Dunkelziffer: Die meisten Reporterinnen oder Fotografinnen in Krisengebieten würden sich nicht trauen, ihre Erfahrungen publik zu machen aus Angst vor dem Vorwurf, sich nicht adäquat gekleidet und damit den Übergriff provoziert zu haben.

Für Lara Logan war klar: Sie möchte nicht mehr schweigen. Bewies sie mit ihren Reisen an Kriegsschauplätze bereits Mut, so wächst sie jetzt wohl über sich hinaus. Das amerikanische TV-Publikum zollte ihr mit einer satten Einschaltquote Respekt.