«Top Gear»

11. März 2015 23:39; Akt: 12.03.2015 11:06 Print

«Ja, ich habe geweint»

von Sandro Compagno - Jeremy Clarkson ist der lustigste und bestbezahlte Moderator der BBC. Am Mittwoch hat der britische TV-Sender seinen Star vor die Tür gesetzt. Eine Laudatio.

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Es ist eine beliebte Fragebogen-Frage: Wann haben Sie das letzte Mal geweint? Meist werden dann Todesfälle von nahestehenden Menschen oder Hunden ins Feld geführt. Oder Hochzeiten, Geburten, manchmal auch Sportereignisse – beispielsweise die letzte Meisterschaft der Berner Young Boys (gut, damals waren wir ja alle noch ziemlich klein).

Ich gebe zu, ich habe zum letzten Mal vor rund einem Jahr geweint. Auslöser war die BBC-Autosendung «Top Gear», genauer die fünfte Episode der 18. Staffel. In einem längeren Beitrag thematisiert «Top Gear» das Ende der schwedischen Traditionsmarke Saab. Am Ende des Beitrages – ich muss vorausschicken, dass ich seit Jahren Saab fahre, aktuell einen Saab 9-5, den letzten, vielleicht schönsten, sicher komfortabelsten aller jemals gebauten Saab – sitzen Moderator Jeremy Clarkson (auf dem Beifahrersitz) und sein Partner James May in einem solchen Saab 9-5 und fahren im feinen Morgennebel durch eine ländliche Gegend. «Das ist es also, das finale Kapitel», sagt Clarkson. Und: «Es ist ein trauriger Tag. Ich mochte Saab, ich mochte die Art, wie sie Dinge taten.» Die Szene wird unterlegt von den traurigen Streichern aus dem Stück «Trans-Siberian Diary» des kanadischen Komponisten Howard Shore. Herzzerreissend.

Ja, liebe Leserinnen, die Sie jetzt den Kopf schütteln mögen, auch 45-jährige, heterosexuelle Sportjournalisten haben Gefühle!

Comedy-Format getarnt als Auto-Sendung

Tränen in den Augen hatte ich auch, als Jeremy Clarkson mit einem Reliant Robin durch Sheffield kurvte, purzelte und schlitterte – ich habe Tränen gelacht. Oder als er sich über den BMW X6, dieses prolligste aller Angeber-Autos, lustig machte und nebenbei über seinen Arbeitgeber BBC, der eine nette, kostengünstige Produktion wünschte (der Test führte nach Spanien, Australien, Hongkong, Frankreich und Barbados …).

Und darum geht oder ging es bei «Top Gear». Die Sendung ist ein Comedy-Format, das sich als Auto-Sendung tarnt. Weit weg von den biederen Auto-Magazinen, wie wir sie kennen, in denen humorbefreite Fachleute Bremswege und Kofferraum-Volumina von Mittelklasse-Kombis vergleichen.

Die Briten nehmen für sich in Anspruch, Fussball und Cricket erfunden zu haben. In beidem sind sie, um es in ihrer Sprache auszudrücken, «rubbish». Die Briten haben auch absonderliche Gerichte wie «Black Pudding», «Yorkshire Pudding» oder «Bubble and Squeak» erfunden und vermutlich als direkte Folge davon den Humor. Dort sind sie immer noch Weltklasse. Auch dank Formaten wie «Top Gear» und dank dem losen Mundwerk von Jeremy Clarkson. Weltweit schauen rund 350 Millionen Menschen die Sendung, auch in der Schweiz lief sie im Vorabend-Programm von SRF. (Nicht zu verwechseln mit «Top Gear USA» – die drei Deppen sind nicht einmal ein müder Abklatsch!)

Letzte Pointe

Am Mittwoch setzte die BBC den Starmoderator vor die Tür, weil er einen Mitarbeiter geschlagen haben soll. Dass der 54-Jährige neben seinem unbestrittenen komischen Talent ein ziemlich grosser Kotzbrocken ist, das wurde in den letzten Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Seine Sprüche trafen häufig unter die Gürtellinie, hatten oft einen sexistischen und rassistischen Unterton.

Dass ihm die BBC all das durchgehen liess, ihn jetzt aber suspendierte, auch das ist eine Pointe. Clarkson soll zugeschlagen haben, weil nach einem Drehtag kein Essen da war (englisches Essen!), darüber kann man dann schon fast wieder Tränen lachen.