«Wetten, dass...?»

05. Dezember 2010 09:11; Akt: 05.12.2010 11:55 Print

Alles geht schief - ein Drama in drei Akten

von Philipp Dahm - Wenn Justin Bieber und Take That auftreten, sitzen bei «Wetten, dass...?» nicht nur drei Nationen, sondern Kinder, deren Eltern und die treue Garde vor dem TV - und sehen live ein Desaster.

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Was als freundlicher Familienabend beginnt, endet in einer Fernseh-Katastrophe. Das Wort Drama fällt gerade in den Medien zu oft und zu schnell, doch wer den verstörenden Unfall bei «Wetten, dass...?» in seiner bösen Anbahnung betrachtet, dem kann ob der zynischen Zufälle an diesem TV-Samstag unheimlich zumute sein. Denn alles, was schiefgehen kann, geht schief.

Umfrage
In den ersten Reaktionen nach dem «Wetten dass..?»-Unfall gibt es Kritiker, die der Show Effekthascherei unterstellen. Was glauben Sie: Sind die Wetten zu gefährlich?
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Insgesamt 6771 Teilnehmer

1. Akt - Ein junger Sympath mit Familie, Fans und Freunden

«Diese erste Wette ist wirklich gefährlich. Wirklich! Also, unser erster Kandidat heisst Samuel Koch», erklärt Moderatorin Michelle Hunziker die erste Wette, nachdem Comedian Otto und «Topmodel» Sara Nuru das Sofa besetzt haben. Wer später beim Stunt sieht, wie aufgeregt die Schweizerin die Arme vor der Brust kreuzt, weiss, dass sie es so gemeint hat. «Ich hoffe nur, dass er rüberkommt», schliesst Kollege Thomas Gottschalk sich an. «Ich habe vieles gesehen in meiner beruflichen Laufbahn. So gefürchtet habe ich micht noch nie, dass dem jungen Mann was passiert, und ich kann nur sagen: Ich hoffe, alles geht gut!» Für einmal machen diese Moderatoren keinen TV-Tamtam - sie wirken wirklich besorgt.

Der tragische Held betritt die Bühne: der 23 Jahre junge Samuel Koch, der eine Schule für «Musik, Theater, Medien und Schauspiel» besucht. Ein Kunstturner und Leiter eines Kindergottesdienstes. Ausgerechnet sein Vater sitzt in einem der fünf Autos, die er auf Sprungfedern und per Salto überwinden will. «Mama sitzt da hinten», sagt Samuel. Hunziker entfährt es: «Ich weiss nicht, wie sie das macht als Mutter!» Kann der Kandidat die fünf Wagen überspringen, die von Mal zu Mal grösser werden, will Gottschalk wissen. «Ich hoffe es», die bescheidene Antwort. Reicht die Kraft? «Mal sehen.» Gottschalk will locker konversieren: «Wäre ärgerlich, wenn du die vier schaffst - und beim fünften...» Herumdrucksend schaut Samuel zu Boden.

2. Akt - An seinem Geburtstag fährt der Vater vor den Augen der Mutter den Sohn an

Sieht man das alles ein zweites Mal, wirkt dieser Auftakt zugegeben zynisch, dann wird es auch noch böse. Das Drama bekommt mit (s)einer rotblonden Freundin, dem Fanclub und der Mutter Gesichter. Und als der Sohn den ersten, kleinsten Wagen überspringt, muss diese Frau heftig atmen, mit roten Flecken der Anspannung im Gesicht. Die zweite Hürde verweigert Samuel beim Anlauf, die dritte nimmt der junge Held in dieser ganz realen TV-Tragödie flott. Gottschalk sagt bei Auto vier: «So, jetzt kommt Vati, oder?»

«Was für ein Gefühl muss das für diesen Vater sein, wenn ihm sein eigener Sohn vors Auto läuft?», fragt Gottschalk. Was er eigentlich harmlos daherplaudert, wird nämlich ungewollt und unsäglich Realität - als der Zuschauer aus der Perspektive des fahrenden Vaters sieht, wie dessen Sohn beim Stunt verunglückt. Und das ausgerechnet am Geburtstag des Seniors. Samuel schlägt mit dem Gesicht hart in den Boden ein, regungslos bleibt er liegen. «Weh getan?», fragt Gottschalk erschrocken, bevor Bestürzung einsetzt. Die Kamera wechselt in der Not zu Wettpatin Sara Nuru, die entsetzt die Hände vor das Gesicht schlägt. Hunziker ruft eindringlich nach einem Arzt.

Vor den Bildschirmen sitzt in diesem Moment nicht bloss das Stammpublikum, sondern dank der angekündigten Auftritte von Justin Bieber, Take That und Phil Collins auch mehr Familien mit Kindern. Ausgerechnet. Als die Kamera vom Unglück weg und auf das Publikum im Saal schwenkt, sieht das Publikum zu Hause zwar nicht den gefallenen Helden, doch dafür seinesgleichen. In den Gesichtern der Zuschauer in Düsseldorf spiegelte sich das Drama wider: Es herrscht Fassungslosigkeit. Gottschalk ächzt und stammelt mehrmals: «Wir haben es ein paar Mal geprobt.» Die Linse fährt über ungläubige Zuschauer - darunter einige Rollstuhlfahrer in der ersten Reihe. Die Regie will offensichtlich nicht die Notmassnahmen der Sanitäter zeigen. Dabei fängt die Kamera aber ein, wie die geschockte Mutter vom Unfall-Ort wegirrt, wo ein Rettungsteam seine Arbeit aufgenommen hat.

3. und letzter Akt eines grotesken Abends

«Liegen lassen», hört der Zuschauer eine Ärztin wegen möglicher Rückenverletzungen rufen und sieht dabei jene Freundin Samuels, die mit sich ringt, dazuzueilen. Junge Leute wenden sich ab, umarmen einander, zücken unter Tränen Taschentücher. Immer wieder führen Menschen ihre Hände vor den entsetzt geöffneten Mund oder vergraben ihr Gesicht darin. Und als die Kamera endlich den Fokus von diesem Elend abwendet, zieht sie ausgerechnet auf die Fotografentribüne auf, wo der Objektiv-Mob auf die Szene hält. Wenigstens ruft Hunziker umsichtig nach einem Tuch, um Sensationsgier zu unterbinden.

Dass dieses Verhalten das Studio-Publikum anekelt, bekommt ein Kameramann zu spüren, der nach dem Sturz auf die arbeitenden Ärzte hält. Die empörten Rufe hören erst auf, als Gottschalk erklärt, dass sein Arbeitsgerät den Sanitätern Licht spendet. Als die Regie aus dem Off den Abbruch der Show verkündet, bekunden die erleichterten Augenzeugen Beifall. Ein Ersatzprogramm werde eingespielt, heisst es weiter.

«Meine Damen und Herren, sehen Sie: Das ist Live-Fernsehen», sagt Gottschalk unbeholfen. Ratlos, aber zumindest anständig verabschiedet er sich. Noch einige Sekunden bleibt der verstörende Kamerablick auf dem Düsseldorfer Saal, bis ein Testbild erscheint, unter dem noch immer Ton liegt. Das gesenkte Geflüster wird jäh vom angekündigten Einspielband mit früheren «Wetten, dass...?»-Auftritten unterbrochen: «We Can Win the Race» von Modern Talking reisst den Zuschauer brutalstmöglich aus dem beklemmenden Schluss-Akt. Nach Modern Talking. Im Anschluss stimmen die Black Eyed Pees ausgerechnet ihren Hit «I Gotta Feeling an», der mit den Worten beginnt: «Tonight's gonna be a good night». Was schiefgehen kann, läuft schief.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Maria Bernasconi am 05.12.2010 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Erstaunlich...

    ... wie viele Kommentatoren hier Bescheid über alles wissen... wo doch dies gemäss der Presse (inkl. 20Minuten) keine S.. mehr zuschaut? Vergessen wir nicht... die meisten Unfälle passieren in den eigenen 4 Wänden :-o Und wenn da in der Samstagspresse unser Kurtli Felix-Paola-National noch über die Sendung herziehen muss... na dann kann ich nur sagen, die Cervelat-Prominenz der Kategorie C muss wieder mal was von sich geben, wenn auch nur warme Luft. "Seine" Sendung 'Verstehen sie Spass' hat ja die gleiche Zielgruppe wie Wetten dass, die Quoten sind auch die selben.

  • Dani am 07.12.2010 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    GENAU

    bin auch dieser meinung. zum ersten mal überhaupt durften meine kinder aufbleiben und wetten, dass schauen (wegen justin bieber). und dann beginnt die sendung mit so einer wette.. spätestens nachdem der kandidat keinen helm anziehen wollte (ich kann mir nicht vorstellen, dass das stimmt), hätte man den kandidaten in frage stellen sollen.

  • Oliver Thoenen am 05.12.2010 12:56 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst schuld

    Er hat sich doch absolut in einem kalkulierbaren Rahmen bewegt. Er hat ja ganz genau gewusst was für ein Risiko er eingeht und es ist doch auch nicht überraschend, dass ein solcher Unfall passiert. Dumm nur, dass es im Wetten dass...? und nicht auf irgend einem Internet -Filmchen passiert ist, denn wäre dies der Fall gewesen würde es entweder heisen "ha ha der ist so blöd" oder "selbst Schuld" und dergleichen. In diesem Fall ist er offensichtlich selbst Schuld. Lucie hat absolut Recht, wen interessieren schon hungernde Kinder in Afrika wenn einer sich mit Springschuhen aufs Gesicht legt

Die neusten Leser-Kommentare

  • Phil Binder am 01.01.2012 01:05 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch reagiert!

    Die Retter haben falsch reagiert. Man legt keinen Verletzten mit Verdacht auf Halswirbelverletzungen auf die Seite!!!!

  • Joschi am 08.12.2010 15:28 Report Diesen Beitrag melden

    viel kraft

    ich wünsche samuel und seiner familie viel kraft für die kommende zeit und vielleicht auch ein wunder.....

  • Eveline S. am 08.12.2010 13:52 Report Diesen Beitrag melden

    Schockierend!

    Ich habe die Sendung selbst an diesem Tag mitverfolgt und somit habe ich auch gesehen wie er stürzte. Ich war völlig schockiert und hab natürlich für ihn gehofft dass es nicht allzu schlimme Schäden hinterlassen würde. Ehrlich gesagt habe ich auch nicht gedacht dass es etwas ernstes sein wird, doch nun bin ich wirklich sehr schockiert !!! Es ist wirklich bedauernswert dass ein so junger und Energiegeladener Mann solches Erleiden muss. Aber man muss auch bedenken wie es dem Vater wohl jetzt ergeht... Immerhin sass er am Steuer. Ich wünsche dem Samuel schnelle und gute Erholung!!!

  • Jigsaw am 08.12.2010 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Spiel spielen

    Er wollte ein Spiel spielen...

  • BItte Titel anpassen am 08.12.2010 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Bitte Titel anpassen

    Wieso immer so negativ gesprochen wird verstehe ich bei bestem Willen nicht. Was er jetzt braucht ist glauben und Kraft. Man erntet was man säht. Ich für mich bin davon überzeugt das er im Sommer der alte sein wird.