DSDS

06. März 2011 12:26; Akt: 06.03.2011 17:14 Print

Das Grauen hat einen Namen ...

... und der heisst: Après-Ski-Hits. Über den gescheiterten Versuch, eine Berichterstattung über die zweite Mottoshow von DSDS frei von Polemik zu schreiben.

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Der sich als Schlager-Onkel vermarktende Kandidat Norman Lange wähnt sich in seinem Element und legt gleich mit einem Gassenhauer des Aprés-Ski-Genres los: «Ein Stern» von DJ Ötzi und Nik P. Als Zweite ist die Zürcherin Zazou Mall am Start. Souverän umschifft sie mit einer Performance von Lady Gagas «Born This Way» jegliche Ballermann-Anleihen und legt den weitaus kosmopolitischsten Auftritt des Abends aufs Parkett. Während Patrick Nuo Zazou mit Attributen wie «sexy», «bombastisch» oder «abgegangen wie eine Rakete» überhäuft, zeigt sich Juror Dieter Bohlen gewohnt kritischer: «Du singst nicht so gut wie du aussiehst.» Als nächstes folgt Nina Richel (17) – Grund genug für die Regiem nochmals den Divenkrieg zu thematisieren. Bohlen nervt sich vor allem darüber, dass sie und Zankkollegin Woitschak «99.99 Prozent der Zeit nur in Scheisse investiert» hätten. «In einer Woche einen einzigen Song zu lernen – das bring ich sogar einem Hamster bei!» Der Österreicher Marco Angelini ist angehender Arzt, scheut sich aber nicht, im wohl behämmertesten Aufzug des Abends auf die Bühne zu gehen. Im Wurzelsepp-Outfit versucht er Norman Lange in seinem eigenen Spiel zu schlagen. DSDS-Küken Sebastian Wurth singt den Udo-Jürgens-Oldie «Ich war noch niemals in New York» - allerdings in der Version von Sportfreunde Stiller. Nuo eröffnet ihm: «Nicht mein Geschmack heute Abend. Die Strophen waren schwach, Refrain war … gut.» Die eiserne Jungfrau Anna-Carina Woitschak, die so reuelos Bitchiness an den Tag legte, singt «I Will Survive» von Gloria Gaynor, allerdings in einer Sprache, die es noch zu entdecken gilt. Marvin Cybulski sieht weiterhin nach dem aus, was er in Wirklichkeit auch ist: Der Proll mit Soul; einer der am liebsten am Samstag zum Fussball geht und Wurst und Bier reinhaut. Auch die Songauswahl - «1001 Nacht (Zoom)» von Klaus Lage – passt zum Gesamtpaket, auch wenn er nicht der optimale Track ist, um sein gesangliches Potential zur Schau zu stellen. Ardian Bujupi will mit «Tonight (I'm Loving You)» von Enrique Iglesias auf Stimmenfang gehen. Nuo beschreibt ihn als «geiler Performer». Fernanda als «Disco-Kanone». Es folgt Trainingsanzug-Gott Pietro Lombardi mit «Freaky Like Me» von der Gruppe Madcon. Dieter moniert, der Song habe eigentlich zwei Strophen. Pietros Replik hat das Zeugs zum Zitat des Abends: «Ich hatte die zweite Strophe schon gelernt, doch die anderen haben … die meinten … ich habe, weisst du … äähh … Scheisse, egal!» Nun wird fast zwei Stunden lang gewählt. Nina Richel bekommt in der Zwischenzeit nochmals einen Ohnmachtsanfall. Bei der Rangverkündung darf sie sitzen. Zazou, Lichtblick des Abends, die so mir nichts dir nichts professionell ihren Job erledigte und auf Boulevardfutter verzichtete, ist weiter. Den Hut nehmen musste völlig überraschenderweise Marvin Cybulski.

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Après-Ski-Hits! So omnipräsent ist diese Halligalli-Beschallung in alpenländischen Ski-Zentren, dass sie längst zu einem eigenen Musikstil avanciert ist - ein Mix aus Volksmusik, Eurodance, Schlager und Disco – wobei von allen Gattungen scheinbar nur die schlechten Merkmale übernommen werden. Nun hat 20 Minuten Online mich, der deutschsprachige Schlager bestenfalls als exotisch, schlimmstenfalls als Eingeweide-erregend empfindet, dazu auserkoren, die zweite Mottoshow von «Deutschland sucht den Superstar» zu schauen. Das Motto? Oh je.

Bei etlichen Besuchen in den alpenländischen Ferienparadiesen sah ich schon meine musikethnologische These bestätigt: Je höher über dem Meeresspiegel man sich befindet, desto schlechter wird die Musik. Schmerzlich daran erinnert werde ich am Abend des 5. März 2011. Moderator Marco Schreyl verspricht nämlich «Après-Ski-Hits bis zum Umfallen» und stellt die Kandidaten als die «neun Skihasen» vor.

«Deutschland sucht die Superputzfrau»

Zu Beginn wird aber das Haupt-Verkaufsargument des Abends thematisiert: Der Zickenkrieg zwischen Nina Richel und Anna-Carina Woitschak. Im Detail wirde der Streit um herumliegende Bananenschalen nochmals durchgekaut. «Deutschland sucht ja nicht die Superputzfrau», dürfte Anna-Carina kaum Sympathiepunkte einbringen. Nina Richels merkwürdiger Zusammenbruch aber auch nicht. Trotz erster Anzeichen von Dschungelcamp-Ekel gönn ich mir erst mal ein Glas Wein.

Der sich als Schlager-Onkel vermarktende Kandidat Norman Lange wähnt sich in seinem Element und legt gleich mit einem Gassenhauer des Après-Ski-Genres los: «Ein Stern» von DJ Ötzi und Nik P. Näselnder Gesang, stechender Schritt – der metrosexuelle Schlager-Boy hat wohl mit Unsicherheiten aufgrund der Jury-Kritik in der vorigen Show zu kämpfen. Trotzdem: Juror Patrick Nuo findet den Auftritt «grandios».

Dieter und die Schweizer Neutralität

Als Zweite ist die Zürcherin Zazou Mall am Start. Souverän umschifft sie mit einer Performance von Lady Gagas «Born this Way» jegliche Ballermann-Anleihen und legt den weitaus kosmopolitischsten Auftritt des Abends aufs Parkett. «Die ist Welten entfernt vom vorigen Schlageraffen», entfährt es meiner Begleiterin. Während Patrick Nuo Zazou mit Attributen wie «sexy», «bombastisch» oder «abgegangen wie eine Rakete» überhäuft, zeigt sich Juror Dieter Bohlen gewohnt kritischer: «Du singst nicht so gut wie du aussiehst.» Immer wieder verblüffend, wie er sich nicht scheut, sich als alter Macker zu outen. Es sei aber ihr «visuell stärkster Auftritt» und «ein Schritt in die richtige Richtung» gewesen. Mit Blick auf vorhin genannten Diven-Zickenkrieg sinniert er darüber, dass die «Schweizer einfach clever» seien, «die haben sich immer aus allem rausgehalten». Danke, Dieter, für diese kleine Geschichtslektion.

Als nächstes folgt Nina Richel (17) – Grund genug für die Regie, nochmals den Zickenkrieg zu thematisieren. Wenn man darüber hinwegsieht, dass ihr Song «Everytime We Touch» Eurodance aus der untersten Schublade darstellt, darf man festellen: Stimmlich hat sie was. Doch Patrick Nuo behält letztendlich Recht, in dem er ihr attestiert, sie habe nur 50 Prozent von dem gezeigt, was sie könne. Bohlen nervt sich vor allem darüber, dass sie und Zankkollegin Woitschak «99.99 Prozent der Zeit nur in Scheisse investiert» hätten. «In einer Woche einen einzigen Song zu lernen – das bring ich sogar einem Hamster bei!» Dieter hatte mal so einen Hamster. Der hiess Thomas Anders.

Doktor Dirndljäger und die Zillertaler Gartenzwerge

Der Österreicher Marco Angelini ist angehender Arzt, scheut sich aber nicht, im wohl behämmertsten Aufzug des Abends auf die Bühne zu gehen. Im Wurzelsepp-Outfit versucht er Norman Lange in seinem eigenen Spiel zu schlagen: «Fliegerlied» heisst das Teil, das angeblich von jemand namens die Zillertaler Dirndljäger stammt. Die Jury findet seinen Auftritt grossartig und lobt vor allem, dass er sich Woche für Woche vollumfänglich in das Motto des Abends einleben kann. Ein gesichtsloser Auftrags-Performer soll also der nächste «Superstar» Deutschlands werden? Na dann, prost! Zum Glück hat es noch eine weitere Flasche Rotwein - die Sendung ist nämlich noch lange nicht zu Ende.

DSDS-Küken Sebastian Wurth singt den Udo-Jürgens-Oldie «Ich war noch niemals in New York» - allerdings in der Version von Sportfreunde Stiller. Der Auftritt ist – normal für einen leicht gehemmten 16-Jährigen – etwas staksig und unbeholfen, der Gesang aber ganz okay. Insgesamt stellt er ein besserer Karaoke-Auftritt dar. Nuo eröffnet ihm: «Nicht mein Geschmack heute Abend. Die Strophen waren schwach, Refrain war ... gut.» Fernanda erfüllt ihr Soll, die pubertären Hormone in Wallung zu bringen, und flirtet und lobt, was das Zeug hält. Grossartig, dass er sich getraut habe, «neue Sachen zu machen» (welche denn?). Bohlen sieht wie üblich nur Geldscheine vor sich und lässt das Musikalische links liegen. Korrekt hat er bereits analysiert, dass in einem 16-jährigen Justin-Bieber-Klon als DSDS-Gewinner die lukrativsten Vermarktungsmöglichkeiten stecken.

Anna-Carina will überleben

Und da ist sie, die eiserne Jungfrau Anna-Carina Woitschak, die so reuelos Bitchiness an den Tag legt und auch auf dem Kandidatensofa gefühlskalt und miesepetrig in die Landschaft guckt. Sie singt «I Will Survive» von Gloria Gaynor, allerdings in einer Sprache, die es noch zu entdecken gilt (Fernanda: «Textlich warst du kreativ»). Die schmerzlichen Vierteltöne von der Vorwoche blitzen nur vereinzelt auf – leider beim lang ausgehaltenen Schlusston. «Die hat ein Timbre wie eine dicke deutsche Bratensauce», so der Kommentar meiner Begleiterin, die in der Folge ankündigt, demnächst das Weite zu suchen.

Es folgt Marvin Cybulski, für den ich weitaus am meisten Sympathie aufbringen kann, da er am authentischsten von allen rüberkommt. Der 30-Jährige sieht auch in der Finalsendung nach dem aus, was er in Wirklichkeit auch ist: Der Proll mit Soul, einer der am liebsten am Samstag zum Fussball geht und Wurst und Bier reinhaut, nebenher aber über die beste Gesangsstimme aller Kandidaten verfügt. Auch die Songauswahl - «1001 Nacht (Zoom)» von Klaus Lage – passt zum Gesamtpaket, auch wenn er nicht der optimale Track ist, um sein gesangliches Potenzial zur Schau zu stellen. Trotzdem: Als einer der wenigen des Abends besitzt er einen Hauch von Charisma. «Grosses Kino», befindet Juror Nuo.

Waffenstarrende Kandidaten

Ardian Bujupi will mit «Tonight (I'm Loving You)» von Enrique Iglesias auf Stimmenfang gehen. Ich kann nur staunen, wie vollumfänglich belanglos ein Auftritt sein kann: Vom Song her, vom Auftritt, bis hin zu den konzeptlosen Tanzeinlagen. Offensichtlich muss er von Angesicht zu Angesicht anders rüberkommen, denn Nuo beschreibt ihn als «geiler Performer». Fernanda als «Disco-Kanone». Schon wieder einer dieser kriegerischen Metaphern! «Gesamtgranate» Fernanda, «Disco-Kanone» Ardian, «Rakete» Zazou.

Es folgt Trainingsanzug-Gott Pietro Lombardi mit «Freaky Like Me» von der Gruppe Madcon, ein Song wie der Heckspoiler eines Mitsubishi Evo – doof und hässlich. Und der Fahrer ist gleich noch der Sänger. Aus kaum nachvollziehbaren Gründen, finden Nuo und Fernanda den Auftritt gut. Selbst Dieter mag ihn, moniert aber, der Song habe eigentlich zwei Strophen. Pietros Replik hat das Zeug zum Zitat des Abends: «Ich hatte die zweite Strophe schon gelernt, doch die anderen haben … die meinten … ich habe, weisst du … äähh … Scheisse, egal!»

Zazou kommt weiter

Geschafft? Nicht ganz. Nun wird fast zwei Stunden lang gewählt. Nina Richel bekommt in der Zwischenzeit nochmals einen Ohnmachtsanfall. Bei der Rangverkündung darf sie sitzen. Weshalb sie dabei eine Südstaatenflagge als Poncho trägt, ist mir rätselhaft. Das Erfreuliche: Zazou, Lichtblick des Abends, die so mir nichts dir nichts professionell ihren Job erledigte und auf Boulevardfutter verzichtete, ist weiter. Gut so. Schade ist, dass Marvin den Hut nehmen muss.

Bekanntermassen geht es bei Castingsendungen weniger um musikalisches Können als um Gefühle, die beim Publikum auszulösen sind. Bieber-Klon Sebastian Wurth und Knuddel-Macho Ardian Bujupi werden immer ungeachtet ihrer Leistungen begeisterte Bewunderer finden. Die Zickendiven Nina und Anna-Carina mögen polarisieren, doch letztlich ist ihr Streit viel unterhaltsamer als ihre jeweiligen Performances. Das Publikum weiss dies zu honorieren.

Bravheit wird bestraft

Opfer ist, wie so oft in solchen Situationen, der Teilnehmer, der seine Sache an sich wunderbar gemacht hat, dadurch aber leider auch am wenigsten auffiel: Marvin Cybulski. Nun muss Zazou darauf achten, sich nicht aus allem rauszuhalten, das Klatsch-und-Tratsch-Potential haben könnte. Sonst könnte ihr noch dasselbe Schicksal blühen.

(Oliver Baroni)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Steve am 06.03.2011 17:02 Report Diesen Beitrag melden

    Kompliment an den Schreiberling

    Ein ganz fettes Lob an den Schreiber! Unglaublich treffend und pointiert verfasst! Kompliment, Herr Baroni... vor allem dafür, dass Sie bis zum Schluss durchgehalten haben!

  • Christine am 06.03.2011 17:19 Report Diesen Beitrag melden

    Der Beste musste gestern gehen

    Ich kann den Beitrag von Herrn Baroni in allen Punkten voll unterschreiben.

  • c.W am 06.03.2011 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    super!

    super beitrag so stelle ich mir alle beiträge vor =) genau auf den punkt getroffen..

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kristnini am 07.03.2011 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    Oberflächlichkeit

    ganz interessant finde ich auch immer, dass nicht der Gesang/Stimme (worum es ja eigentlich bei einem Gesangswettbewerb gehen sollte!!!!)primär bewertet wird, sondern zuerst immer das Outfit erwähnt wird. "Mensch, heute siehst du aber gut aus, deine Haare, Make-up, alles supi-dupi,....ach ja, dein Gesang war ok." Ich bin ansich ein Fremdschämer und daher von Natur aus zart besaitet, was die Peinlichkeit anderer angeht. An diesem Samstag wurde ich schon regelrecht wütend, dass ein solcher Hickhack um Unordentlichkeit ein solches Augenmerk bekam.Gucken wills niemand, aber jeder weiß bescheid;-)

  • DSDS am 07.03.2011 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    DSDS - Schlecht, aber darum schaut man es doch :)

    Es gibt so viel Müll im TV, einiges davon unterhält dennoch gut und da kann man meiner Ansicht nach DSDS dazu zählen. Jeder weiss, dass die Leute, die da auf der Bühne stehen nie Erfolg haben werden, macht nichts, unterhalten muss die Show und das gelingt halt wirklich oft ganz gut. Der Zickenkrieg war natürlich wichtig, immerhin ist es im Interesse von RTL, dass die Teilnehmerinnen etwas in den Fokus gerückt werden, sonst sind bald alle draussen. So kann ich mir auch nur erklären, dass die Textfehler bei Anna Carina (Die rund 90% des Textes falsch gesungen hat) mehrheitlich ignoriert wurden.

  • DR. DSDS am 07.03.2011 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Volksverblödung

    Na ja, DSDS bewegt sich auf einem intelektuellen Tiefstand, trotzdem schaue ich es mir mit viel Spass an. Wieso?- Es ist für mich eine Genugtuung zu sehen,wie tief die Menschheit doch gesunken ist. Denn so kann man sich doch (mit gutem Gewissen) auf die Schulter klopfen mt der Einsicht, dass da draussen weit aus grössere "Idioten" herumlungern, als mit solchen, mit denen man täglich kämpfen muss.

  • Natalie am 07.03.2011 11:43 Report Diesen Beitrag melden

    Retter des Tages

    Lieber Baroni, du hast mir grad den Tag versüßt mit deiner, auf den Punkt getroffenen Kolumne! RTL bleibt halt RTL... echt amüsant! Alles nur Theater und Show. Am schlimmsten finde ich, dass sich jedes Jahr wieder tausende von Menschen für diese Castings anmelden um sich dann im Fernsehen bloßstellen zu lassen. Und das auf der ganzen Welt! Wo soll das hinführen? Als nächstes gibt es eine Casting Show für Schlafwandler oder Hausfrauen.

  • Heinz am 07.03.2011 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Weiter So!

    Very nice. Hätte nicht gedacht, dass man über solch geistigen Dünnpfiff eine so lustige Kolummne schreiben kann :) Weiter So!