Oprah Winfrey

08. Mai 2012 21:47; Akt: 08.05.2012 21:47 Print

Der Thron der TV-Königin wackelt

Sie war die mächtigste Frau im Showgeschäft - doch seit Oprah Winfrey ihren eigenen Sender lanciert hat, hagelt es eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Die jüngste: Der Sender setzte bereits 330 Millionen Dollar in den Sand.

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Als Oprah Winfrey 30 Jahre alt war, wurde sie für ein Morgenmagazin bei einem kleinen TV-Sender in Chicago engagiert. Die Moderatorin war so erfolgreich, dass sie zwei Jahre später ihre eigenen Talkshow bekam: Am 8. September 1986 lief die «The Oprah Winfrey Show» erstmals landesweit auf CBS. Es folgten knapp 4600 Episoden, von der die letzte am 25. Mai 2011 in den USA ausgestrahlt wurde. Wir zeigen Ihnen hier die wichtigsten Momente aus den 25 Staffeln. 1987 brachte Truddi Chase das Buch «When Rabbit Howls» heraus, in dem die im März 2010 verstorbene Autorin den sexuellen Missbrauch aufarbeitet, den sie ab dem Alter von zwei Jahren ertragen musste. Als die Gastgeberin Informationen über die Autobiographie vom Teleprompter abliest, bricht sie in Tränen aus und fordert die Kameras zum Abschalten auf. Sie begründet den Gefühllausbruch später mit ihren eigenen Erfahrungen: Ein Cousin, ein Onkel und ein Familienfreund hätten sie ab dem Alter von neun Jahren belästigt, so Oprah, die sich ganz dem Kampf gegen Kindesmissbrauch verschrieb. Oprah bekämpft auch Rassismus: Für grosses Aufsehen sorgte die Talkerin, als sie 1987 das Städtchen Forsyth County im US-Bundesstaat Georgia besuchte, wo seit 75 Jahren kein Schwarzer mehr gelebt hat. In einer Gemeindesitzung stellte sie die Einwohner zur Rede und zeigte den latenten Rassismus der Leute auf. 1988 erregt Oprah Aufsehen, als sie in fünf Monaten 33,5 Kilogramm abnimmt. In ihrer Show zeigt sie eine Wagenladung voll tierischem Fett, um den Gewichtsverlust zu dokumentieren, den sie mit Jogging und die Beschränkung auf Getränke erreicht hat. Nachdem sie wieder feste Nahrung zu sich nahm, war sie zwei Jahre später wieder beim alten Gewicht. Doch die Episode «Diet Dreams Come True» war eine der erfolgreichsten Shows Winfreys. 1993 führte Oprah Winfrey ein Live-Interview mit Michael Jackson. 36,5 Millionen Haushalte waren in den USA laut «Variety» dabei und machten die Sendung zur viertstärksten Unterhaltungsshow überhaupt. 62 Millionen Zuschauer sahen, wie «Jacko» erstmals über die Anschuldigungen von Evan Chandler sprach, der behauptet hatte, der Sänger hätte dessen Sohn Jordan missbraucht. In Spitzen verfolgten sogar 90 Millionen das Interview. 1995 ist Oprah Winfrey mit 340 Millionen Dollar Vermögen die erst zweite farbige Person, die in die Forbes «400»-Liste der reichsten Amerikaner aufgenommen wird. Zuvor war dort bloss Komödiant Bill Cosby vertreten. 2009 wird das Vermögen der Frau, die in ärmlichsten Verhältnissen gross wurde, auf 2,9 Milliarden Dollar geschätzt. Laut Forbes ist Winfrey immer noch die einzige farbige Milliardärin weltweit. 1996 startet «Oprah's Book Club»: Winfreys Buchbesprechungen sorgten regelmässig dafür, dass die diskutierten Werke in die Bestseller-Listen schossen. Dieser Umstand prägte den Begriff vom «Oprah Effect». «Seit ich ein kleines Mädchen war, wusste ich, dass ich anders bin»: 1997 outete sich TV-Frau Ellen DeGeneres bei Oprah als Liebhaberin der Frauenwelt. Winfrey machte sich regelmässig für die Rechte von Schwulen und Lesben stark. Anno 2000 traf Winfrey Schauspieler Sydney Poitier, der gerade seine Autobiographie «The Measure of a Man» geschrieben hatte. «Es war ein Interview, das du einmal im Leben führst», schreibt die Talk-Queen auf ihrer Webseite «www.oprah.com». «Nach unserem Interview ging ich in den Regieraum und weinte.» 2003 gestand Backstreet-Boys-Bube A.J. McLean seine Drogensucht - natürlich bei Oprah. Die sorgte für ein Überraschungswiedersehen mit den anderen Bandmitgliedern, die A. J. zwei Jahre lang nicht gesehen hatte. Am 29. Januar 2004 überraschten Stars wie John Travolta, Halle Berry, Jennifer Aniston, Tom Cruise, Kim Cattrall, Kristin Davis, Jim Carrey, Michael Douglas, Nicole Kidman, Tom Hanks, Catherine Zeta-Jones, Jay Leno, Sarah Jessica Parker, Steve Wonder, Maria Shriver oder Nelson Mandela das Geburtstagskind bei einer Sondersendung. Sie wird hier von ihrem langjährigen Partner Stedman Graham umarmt. Am 14. September 2004 sorgte Oprah dafür, dass ihr Publikum durchdrehte. Sie bat den Saal, unter die Stühle zu schauen und die Geschenkbox hervorzuholen. «In jeder dieser Boxen ist ein Schlüssel», eröffnete sie den 276 Zuschauern. Es waren die Schlüssel zu einem 30 000 Dollar teuren «Pontiac G6 Sedan» im Gesamtwert von rund sieben Millionen Dollar. Das Problem dabei: Während die Autos von «General Motors» gespendet wurden, mussten die Beschenkten Steuern in Höhe von 7000 Dollar berappen. Am 23. Mai 2005 wurden die Annalen der US-Popgeschichte um eine heitere Episode reicher. Tom Cruise besuchte die Show und lieferte einen unvergesslichen Auftritt, als er aufgeregt wie ein Teenager auf der Couch der Gastgeberin herumhüpfte und beteuerte, dass er über beide Ohren in Katie Holmes verknallt sei. Komödien wie «Scary Movie 4» und Serien wie «The Simpsons» oder «Family Guy» parodierten die Cruise’sche Offenbarung natürlich mit Wonne. Im Mai 2007 nutzt Winfrey den «Oprah Effect» für das Politische: Sie unterstützt die Präsidentschaftskandidat von Barack Obama. Die Universität Maryland hat ausgerechnet, dass diese Wahlhilfe dem jetzigen ersten Staatsmann der USA eine Millionen Stimmen eingebracht hat. Die «New York Times» glaubt, Obamas Sieg sei «zu einem guten Teil» ihr Verdienst. Im Februar 2011 besuchte Céline Dion TV-Frau Oprah – und das zum 27. Mal seit 1996. Kein Gast war häufiger in der Show. Knapp dahinter liegt mit 26 Besuchen der Schauspieler Chris Rock. Am dritthäufigsten kam Halle Berry zu Oprah. Sie trat 22 Mal in der Show auf. Am 17. Mai wurde die Finalsendung in Chicago aufgezeichnet. Bei «Surprise Oprah! A Farewell Spectacular» waren wieder jede Menge Promis am Start.

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Als Oprah Winfreys eigener Kanal OWN am 1. Januar 2011 auf Sendung ging, galt seine Initiatorin als unumstössliche Königin des amerikanischen TV. Keine verdiente mehr Geld als sie, keine konnte die Massen derart bewegen. Empfahl sie in ihrer «Oprah Winfrey Show» ein Buch, verkaufte es sich danach millionenfach. Sprang ein freigelaufener Scientologe auf ihrer Couch herum, fand das Eingang in die Analen der Populärkultur. Kurzum: Was die 58-Jährige anfasste, wurde zu Gold. Bis jetzt.

Denn seit OWN (Oprah Winfrey Network) über das US-Kabelfernsehen ausgestrahlt wird, reissen die schlechten Nachrichten nicht ab: Die Quoten waren von Anfang an schwach, ihre Angestellten liefen der Medienunternehmerin in Scharen davon, und die «The Rosie Show» mit Komikerin Rosie O'Donnell, auf die Winfrey so grosse Hoffnungen gesetzt hatte, fiel beim Publikum komplett durch und wurde nach kürzester Zeit wieder eingestampft.

Doch für die Amerikanerin kommt es noch dicker: Wie die «Huffington Post» jetzt berichtet, hat OWN seit seinem Start 330 Millionen Dollar in den Sand gesetzt. Zwar steckt kein einziger Dollar aus ihrem Privatvermögen im Sender, aber das Image des erfolgsverwöhnten Medienwunders ist arg angekratzt. Winfrey selbst gestand im April in einem Interview mit «CBS News», welch schwierige Geburt ihr Sender war und immer noch ist: «Müsste ich ein Buch darüber schreiben, würde ich es ‹101 Fehler› nennen».

Immerhin, ein kleines Lichtlein am Ende des Tunnels ist sichtbar. Seit sie selbst wieder mit ihrer Show «Oprah's Next Chapter» auf OWN zu sehen ist, steigen die Zuschauerzahlen endlich. Und Winfrey hat stets betont, dass sie das Spiel auf lange Sicht spielt. Hundert und ein Fehler, daran lässt sich nichts mehr ändern - aber vielleicht erweist sich Massnahme 102 als goldrichtig.

(cat)