«Unser Song für Deutschland»

01. Februar 2011 14:47; Akt: 01.02.2011 14:48 Print

Die sechsfache Lena

von David Cappellini - Lena total: Deutschlands ESC-Aushängeschild Lena Meyer-Landrut singt gegen sich selber – und Stefan Raab weiss dies zu inszenieren.

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Am Montagabend durfte Lena Meyer-Landrut auf ProSieben erstmals ihre eigene Show (natürlich gemeinsam mit Mentor Stefan Raab) zelebrieren. Sechs Lieder trällerte sie, drei davon wurden vom Publikum eine Runde weiter gevotet; nächstes Mal das Gleiche, und dann folgen das Finale und die Erkürung des Siegersongs, mit welchem die letztjährige Siegerin Lena Deutschland erneut am Eurovision Song Contest in Düsseldorf vertreten wird. So viel zum Konzept.

Das Problem dabei ist klar: Kein Wettkampf, keine Rivalen – Lena hier, Lena da. Dabei war es vor Jahresfrist doch exakt dieses unverblümte, unvoreingenommene, authentische Etwas, welches aus dem Nichts kam und Deutschland in Euphorie versetzte. Die 19-jährige Schülerin schuf damals ein ganz neues Bild unserer Nachbarn; gab sich drollig, bescheiden, selbstbewusst und sympathisch – auch weil alles andere als ein Profi.

Lena schafft Nähe zum Publikum – noch immer

Dass dem nicht mehr so ist, wurde am Montagabend schnell klar: Lena ist zur Frau gereift und zur Vollblut-Musikerin. Sie überlegt sich nun jeweils zweimal, was sie vor den Kameras sagen soll – und auch was nicht. Sie weiss, zu welchem Song sie sich in welchem Kleid wie zu bewegen hat und sie weiss genau, dass man beim Performen manchmal eben nicht direkt in die Linse lächeln sollte, um authentisch zu bleiben. Die Vorwürfe, Lena habe ihre Unbefangenheit verloren und spiele nur noch eine Rolle, welche der ARD-Beirat vor der Lancierung des Formates erhoben hatte, haben zwar was – doch so simpel ist es dann doch nicht.

Denn immer wieder wurde dem TV-Zuschauer am Montagabend bewusst, dass so eine Sendung wohl nur mit einer Person wie eben jener Lena funktionieren kann. Noch immer vermag die Hannoveranerin Lächeln auf die Gesichter zu zaubern, zum Beispiel, als sie die Augen verdreht, wenn Raab eine Werbepause anmoderiert. So schafft die Chartstürmerin denn auch noch immer jene Publikumsnähe, die man ihr abnimmt – und die nicht billig oder gespielt anmutet, was gerade im Zeitalter von Dschungelcamp und Co. eine Wohltat ist.

Raab steuerte zwei Songs selber bei

Abgesehen davon weiss Medien-Mogul Raab nach wie vor genau, wie er eine solche Show zu produzieren hat. Mit Lebensgeschichten der verschiedenen Songwriter schuf er emotionale Momente und sorgte für Abwechslung, er hatte eine Jury an seiner Seite, die in Deutschland Glaubwürdigkeit ausstrahlt und der es nicht bloss darum geht, zu polarisieren. Der Graf von Unheilig und Stefanie Kloss von Silbermond brachten es für die 2,56 Millionen TV-Zuschauer (13,2 Prozent Zielgruppen-Marktanteil) denn auch auf den Punkt: «Hier wird straight ein Künstler aufgebaut.»

Auch dass Raab zwei Lieder selber beigesteuert hatte, war ein geschickter Schachzug - sieht das Publikum den Fernseh-Mann doch auch bei «Schlag den Raab» gerne persönlich antreten. Und obwohl man am Bildschirm stets hofft, dass er gegen die Kandidaten verlieren wird, drücken dem einstigen Metzgerlehrling letztendlich doch alle heimlich die Daumen. So kam einer seiner Songs denn auch eine Runde weiter – bezeichnenderweise jener, den er gemeinsam mit Lena geschrieben hatte und die aufgezeichnete Story dazu ordentlich «menschelte».

Ironie des Schicksals

Übrig bleibt die Tatsache, dass Lena sich wohl einfach anpassen musste; in diesem Jahr voller Kritiken, Erfolge und falscher Freunde. Immer wieder wurden Boulevard-Geschichten lanciert. Doch auch wenn abgesehen von alten Nacktplansch-Bildern nicht wirklich viel dabei herausgekommen ist – Lena wurde in diesem Jahr schlichtweg vorsichtiger. Und kritischer: So merkte man denn auch, dass sich Lena am Montagabend hin und wieder gar live über das System lustig machte, allerdings nicht zu offensichtlich, sondern vielmehr auch symbolisch, zum Beispiel mit eben jenem Augenverdrehen. Oder dann, als sie den Moderatoren, Matthias Opdenhövel, nachäffte, als dieser gleich zweimal erwähnen musste, dass die Reihenfolge der vom Publikum gekürten Songs nicht mit den Votingsergebnissen zu tun habe. Lena hatte es längst verstanden. Auch das System.