Talentshows

03. Februar 2011 14:53; Akt: 04.02.2011 11:19 Print

Einmal falsche Susan Boyle, bitte

von Bettina Bendiner - Das Schweizer Fernsehen wollte mit Bus-Chauffeuse Maya Wirz sein perfektes Aschenputtel-Märchen inszenieren. Dabei ist das Konzept ein alter Hut.

Margherita Di Santangelo alias Ornella Lapadula bei ihrem Auftritt für «Züri hät Talent».
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Susan Boyle und Paul Potts – Gewinner der Talentshow «Britain's Got Talent» – feiern Welterfolge. Ihr Geheimrezept: die Überraschung. Wer hätte schon gedacht, dass sich hinter Susan Boyles Hausmütterchen-Visage eine goldene Stimme versteckt? Oder dass Handy-Verkäufer Paul Potts ein zu Tränen rührendes «Nessun Dorma» zwischen den schiefen Zähnen hervor presst? Niemand. Genauso wenig hätte mancher Zuschauer von Bus-Chauffeuse Maya Wirz bei «Die grössten Schweizer Talente» eine Engelsstimme erwartet.

Alle drei haben zwei Dinge gemeinsam: Sie haben eine klassisch geschulte Stimme. Und liefern die perfekte Vorlage für ein fast perfektes Aschenputtel-Märchen. Ein Konzept, das drei Sänger bei einer Casting-Show auf «TeleZueri» perfektionierten. Der Lokal-Sender lancierte als Reaktion auf den grossen Erfolg von «Britain's Got Talent» 2009 eine eigene Talentsuche. Die Kandidaten mussten bei «Züri hät Talent» Videos ihrer Darbietung einreichen. Hilfsköchin Margerita di Santangelo brachte – wie Maya Wirz – die Zuschauerherzen mit ihrer Darbietung von «O Mio Babbino Caro» zum Schmelzen. Erst hantierte sie ungelenk mit Töpfen und Pfannen, dann schmetterte sie mit Gummihandschuhen und Trockentuch in der Hand die berühmte Lauretta-Arie von Puccini. Doch dann kam raus: Die Frau heisst eigentlich Ornella Lapadula, ist professionelle Sängerin – und hat TeleZüri kräftig angeschmiert.

Zwei Sender, eine Masche

Zwei Berufskollegen taten es ihr gleich: In bester Borat-meets-Gangster-Manier sangen sie sich beim Döner um die Ecke die Seele aus dem Leib. Der Pseudo-Borat, Michael Raschle, erinnert sich: «Für uns Künstler war es klar, dass wir, wenn es denn nur noch so gehen sollte, als Normalos ein grösseres Publikum erreichen würden. Also steckten wir uns in Normalo-Masken», schreibt der Bariton in einer Mail an 20 Minuten Online. Das Duo gewann den Contest dank «Granada» aus der Feder des mexikanischen Komponisten Augustin Lara. Blöd war: TeleZüri deckte den Schwindel auf – und nahm dem findigen Duo seinen Titel weg. «Was ja auch richtig war», so Raschle.

Das Schweizer Fernsehen fährt eine andere Strategie. Dort dürfen ausgebildete Sänger wie Maya Wirz weitermachen. Singen kann sie. Wirz geriet nur wegen widersprüchlicher Angaben zu ihrer Gesangsausbildung ins Kreuzfeuer der Kritik. Maya Wirz hat längst Symbolcharakter: Sie steht für alle Sänger, die die Realität eiskalt erwischt hat. Zum Überleben braucht der Mensch mehr als eine gute Opern-Stimme. Verständlich, dass da eine Casting-Show gelegen kommt, um endlich mal zu glänzen. Egal, wer was inszeniert: Zugucken tun wir gerne. Auch wenn sich der Auftritt hinterher als Inszenierung – vom Künstler oder einer Produktionsfirma – entlarvt. Denn eines haben die meisten sowieso schon als Kinder gelernt: Aschenputtel findet Prinz? Das klappt eh nur im Märchen. Im echten Leben beisst die böse Hexe kräftig zu.