Eine Nation vor dem TV

02. November 2010 17:43; Akt: 23.03.2011 23:17 Print

Fernsehphänomen «Schwarzwaldklinik»

von Philipp Dahm - Halb Deutschland sass früher vor der Flimmerkiste, wenn Professor Brinkmann Visite hatte. Obwohl die Besuchszeit im Spital lange vorüber ist, bleibt die Serie unvergessen.

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Nicht nur in Deutschland, auch in Ungarn weiss man dank «A Klinika» über Professor Klaus Brinkmann, seinen Filmsohn Udo (ganz links) und Schwester Christa Mehnert Bescheid. TV-Professor Brinkmann alias Klaujürgen Wussow starb am 19. Juni 2007 in Berlin an Demenz. Gaby Dohm, die Schwester Christa spielt und die später in der Serie Professor Brinkmann heiratet, lebt in München und dreht nach wie vor. Chefsohn Alexander Josef Alberto «Sascha» Hehn blieb eine zeitlang auf die Arztrolle abonniert («Frauenarzt Dr. Markus Merthin»), konnte sich aber dank «Traumschiff» und Synchronjobs freischwimmen. Als TV-Arzt doktort Hehn an Schwester Elke rum, bis sie ihn heiratet: Klausjürgen Wussows Tochter Barbara hatte diese Rolle übernommen, die heute in Wien lebt. Alexander Wussow (ganz links), das zweite Kind von Klausjürgen, wurde als zweites, inzwischen erwachsenes Kind («Benjamin») von TV-Professor Brinkmann anno 2005 eingeführt. Pfleger Michael «Mischa» Burgmann wurde von Jochen Schroeder gespielt. Heute leitet er ein Tourneetheater. Eva Maria Bauer alias «Oberschwester Hildegard» (in pink vorne links) starb am 17. Mai 2006 in Hamburg an Brustkrebs. Alf Marholm alias Verwaltungsdirektor Alfred Mühlmann starb nach mehreren Schlaganfällen am 24. Februar 2006. Gerd Fröbe bei seinem letzten Dreh als Patient der TV-Klinik. Fröbe als Theodor Katz beschwert sich bei Schwester Ina (Gaby Fischer) und dem Professor über das Essen. Schwester Ina hat das Darstellen aufgegeben und lebt heute als Hausfrau in England. Dr. Benjamin Brinkmann heiratet in «Die Schwarzwaldklinik - die nächste Generation» Dr. Sophie Schwarz, die von Eva Habermann gespielt wird, die dem Schauspielberuf treu beglieben ist. Anja Kruse, die «Claudia Schubert» spielt, ist immer noch aktiv im Filmgeschäft und spielt ausserdem Theater. Rechts neben dem Brautpaar stehen Carola und Prof. Vollmers. Erstere wird gespielt von Olivia Pascal («Verliebt in Berlin»), den Doktor mimt der Basler Christian Kohlund. Evelyn Hamann, die «Christa Michaelis», starb am 28. Oktober 2007 in Hamburg. Auf diesen Tag haben Elke und Udo lange gewartet: Ihre Familie und ihre Freunde finden sich zu einem Foto mit dem glücklichen Brautpaar zusammen (Angelika Reissner, Christian Kohlund, Gaby Dohm, Barbara Wussow, Sascha Hehn, Klausjürgen Wussow, Olivia Pascal und Andreas Winterhalder). Prof. Brinkmann ist sehr stolz auf seine beiden Söhne. (von links Alexander Wussow, Klausjürgen Wussow, Sascha Hehn). Eva Habermann als Sophie Schwarz in «Die Schwarzwaldklinik - die nächste Generation».

Fehler gesehen?

«Die Schwarzwaldklinik» darf ohne Übertreibung ein deutsches Fernsehphänomen genannt werden: Während sich der Feuilleton über die Banalität der Serie ereiferte, schalteten in Spitzen bis zu knapp 28 Millionen Zuschauer ein. Angesichts der Tatsache, dass in der Drehzeit zwischen 1984 und 1988 in Westdeutschland gut 62 Millionen Bürger lebten, bleibt diese Quote im Nachbarland bisher unerreicht – von Sportübertragungen einmal abgesehen. Der Marktanteil erreichte bis zu 64 Prozent. Besonders anschaulich zeigen das die Top Ten der TV-Strassenfeger im Jahr 1986, in dem die Fussball-Weltmeisterschaft in Mexiko stattfand.

1.)Fussball-WM: Argentinien-BRD (2. Halbzeit - 28,22 Mio.)
2.) Schwarzwaldklinik (16) (27,19 Mio.)
3.) Schwarzwaldklinik (15) (26,71 Mio.)
4.) Schwarzwaldklinik (22) (26,55 Mio.)
5.) Schwarzwaldklinik (13) (26,46 Mio.)
6.) Fussball-WM: Argentinien-BRD (1. Halbzeit - 25,86 Mio.)
7.) Schwarzwaldklinik (18) (25,85 Mio.)
8.) Schwarzwaldklinik (14) (25,79 Mio.)
9.) Fussball-WM: BRD-Schottland (2. Halbzeit - 25,78 Mio.)
10.) Schwarzwaldklinik (20) (25,62 Mio.)
(Quelle: Aktuell '86)

Das Team um Klausjürgen Wussow alias Professor Klaus Brinkmann erlangte Kultstatus und dank der Popularität der TV-Ärzte liessen sich einige berühmte Gast-Patienten einweisen. Gerd Fröbe spielte dort das letzte Mal vor einer Kamera, der verstorbene Günter Strack gab den Mann mit Gewichtsproblemen und Harald Juhnke, der 2005 starb, mimte den schwerkranken Lottogewinner.

Heimatklischee und Exportschlager

Der Drehort, die «Klinik Glotterbad» im Glottertal nahe Freiburg wurde landesweit bekannt, doch das Sanatorium diente nur als Aussenkulisse, während die Zimmer und Krankenbetten in Hamburger Studios standen. Die Mischung aus Heimeligkeit, Herzschmerz und Hirnblutungen war trotz der Häme einiger Kritiker derart unwiderstehlich, dass das ZDF sein Produkt nach eigenen Angaben in 38 Länder verkaufen konnte. Während Abnehmer wie die Türkei oder Südafrika weniger erstaunen mögen, überraschen Grossbritannien und Polen als Käufer des Klischees einer heilen Welt dann doch.

Ein Wunder war es also nicht, dass das ZDF 2004 versuchte, seinen 1989 verstorbenen Quotenknüller noch einmal wiederzubeleben: Zum 20. Geburtstag kamen Ärzte, Pfleger und der Professor für zwei Fernsehfilme wieder zusammen, doch «Klaus Brinkmann», der Halbgott in Weiss, war nicht mehr der alte. Schauspieler Klausjürgen Wussow war zu jenem Zeitpunkt bereits an Demenz erkrankt. «Ich erinnere mich an einen tüdeligen, fast hilflosen Wussow, der seine Texte vergass», erinnert sich Gaby Dohm alias «Schwester Christa» an den letzten Drehtag anno 2005.

«Man hätte ihm die letzten Drehs nicht mehr antun sollen»

Die 67-Jährige äusserte sich in der «Bild»-Zeitung deshalb auch kritisch zum Comeback-Krampf der «Schwarzwaldklinik»: «Man hätte ihm die letzten Drehs nicht mehr antun sollen. Er war schon krank und hatte Probleme, am Set klarzukommen. Klausjürgen war ein grosser Schauspieler, der ein besseres TV-Ende verdient hätte. Mir war damals auch klar, dass es die Schwarzwaldklinik, wie Millionen Menschen sie liebten, nie mehr geben wird.» Von jenem Tag an hatte Dohm nie wieder von ihm gehört, am 19. Juni 2007 starb Wussow in einem Berliner Krankenhaus.

«Die Schwarzwaldklinik» ist heute noch derart bliebt, dass sie in einer aktuellen Umfrage mit neun Prozent auf dem dritten Platz der beliebtesten deutschen Serien landet – bei den Befragten über 40 Jahren. Was aber den Kultcharakter anzeigt, ist die Nachfrage bei der Jugend: Bei den 14- bis 39-Jährigen belegt sie sogar Rang zwei.


«Ein guter Arzt zweifelt immer ein bisschen - vor allem an sich selbst»: Schlussszene von «Die Schwarzwaldklinik». Quelle: YouTube


«Die Schwarzwaldklinik»: Die ersten fünf Minuten der Folge «Die fromme Lüge». Quelle: YouTube

Das ZDF wiederholt am Samstag, den 23. Oktober ab 14 Uhr «Die Schwarzwaldklinik – die nächste Generation».