Dok über Suizid

17. Februar 2011 14:45; Akt: 17.02.2011 15:40 Print

Geht das SF zu weit?

von A. Hirschberg/A. Mustedanagic - Das Schweizer Fernsehen berichtet heute Abend über den Suizid eines körperlich gesunden Mannes. Die Dok-Filmer begeben sich damit auf heikles Terrain - wegen der Nachahmungsgefahr.

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Programmhinweis des SF auf den umstrittenen Dokfilm. (Bild: Printscreen, 20 Minuten Online)

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Details sind das Salz in journalistischen Texten: Sie erzeugen Spannung, machen den Artikel lesenswert und entführen den Leser in eine andere Welt. In der Berichterstattung über Suizide können Details allerdings tödlich sein: Je mehr man über die Selbsttötung erfährt, desto grösser die Gefahr der Nachahmung. Seit den Siebzigerjahren gibt es den wissenschaftlichen Beweis für diesen Nachahmungseffekt medial vermittelter Selbsttötungen – den sogenannten Werther-Effekt. In den Medienhäusern dieser Welt wird seither äusserst zurückhaltend über Suizide berichtet.

Das Schweizer Fernsehen wagt sich nun an das heikle Thema. Die Dok-Redaktion hat einen körperlich gesunden, aber manisch depressiven Arzt in den Suizid begleitet. Der Beitrag erscheint unter dem Titel: «Tod nach Plan». So spannend und emotional der Dokfilm klingt, so gefährlich ist er. Nach dem Suizid des deutschen Torhüters Robert Enke berichteten die Medien beispielsweise ausführlich über den Fall. Obwohl die Medien teilweise in aufklärerischer Art die Geschichte von Enke aufrollten, sein Leiden, seinen Kampf gegen die Depressionen und letztlich aber auch über seinen Suizid berichteten, schnellte die Zahl der Selbsttötungen in der Folge alleine in Deutschland «drastisch» in die Höhe, sagte der Leipziger Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl im Juli 2010. Die Rede war von viermal mehr Toten gewesen. Genaue Zahlen wollten die Behörden nicht herausgeben, um nicht noch weitere Berichte zu ermöglichen.

Presserat empfiehlt äusserste Zurückhaltung

Stellt sich die Frage: Geht das SF mit seinem Dokfilm zu weit? Nimmt es ein zu grosses Risiko in Kauf, wenn es einen manisch-depressiven Mann in den Tod begleitet? «Grundsätzlich ist die Berichterstattung über Suizide kein Tabuthema oder Fehler», sagt Frank Zimmerhackl, Leiter der Station für Akutpsychiatrie und Psychotherapie der Klinik Wil. «Wichtig ist dabei, dass die Medien kritisch mit dem Thema umgehen, zuvor Expertenmeinungen einholen und sich an einige wesentliche Massgaben über die Art der Berichterstattung halten», so Zimmerhackl. Der Schweizer Presserat empfiehlt im Umgang mit Suiziden grösste Zurückhaltung und schreibt in einer Stellungnahme, «wegen der Gefahr der Nachahmung sind detaillierte Berichte über Suizide und Suizidversuche zu vermeiden».

Das Spannungsfeld zwischen Zurückhaltung und kritischer Thematisierung sowie Aufklärung ist allerdings gross und sorgt immer wieder für Diskussionen. Die Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz, Ipsilon, hat einen Leitfaden für eine «richtige Berichterstattung» der Medien erstellt. Wie schwierig es allerdings ist, die Richtlinien einzuhalten, zeigt dass schon dieser Artikel über Suizidberichterstattung gegen den Leitfaden verstösst. Obwohl er die Selbsttötung weder heroisiert, akzeptabel oder bewundernswert darstellt, noch spezielle Details oder den Ablauf schildert, wie es der Leitfaden verlangt, hält er die Richtlinien nicht ein, weil der Artikel auf der Titelseite erschienen ist und das Wort «Suizid» in Titel oder Bild vorkommt. Gibt es also gar keinen praktikablen Weg, über das Thema zu berichten?


Ein Witz als Antwort

Der renommierteste Suizidexperte im deutschsprachigen Raum, Karl-Heinz Ladwig, beantwortete diese Frage gegenüber dem «Magazin der Süddeutschen Zeitung» einst mit einem Witz: «Steht ein Suizident auf einer Brücke. Stoppt ein Polizeiwegen neben ihm. Die Polizisten steigen aus, ziehen ihre Pistole und rufen ‚Hände hoch’. Der Suizident hebt die Hände und klettert vom Geländer.» Was der Psychiater damit sagen wollte, ist dass man «Menschen leicht vom Suizid abhalten kann». Der richtige Weg in der Berichterstattung ist deshalb das Aufzeigen einer Alternative und die Experten sind sich einig: Es gibt immer einen Ausweg für suizidgefährdete Personen. «Die meisten Suizide werden im Rahmen zugrundeliegender psychischer Störungen begangen und stellen krisenhafte Situationen dar», sagt Zimmerhackl. Unter professioneller Behandlung komme es in der Regel wieder rasch zu einer Besserung des Krankheitsbildes und damit auch zu einer Entschärfung der suizidalen Krisen.

Die Gefahr der Nachahmung ist gemäss Zimmerhackl dann am grössten, wenn sich beispielsweise ein schwer depressiver Patient mit der Ausweglosigkeit eines medial dargestellten Falls identifiziert und die gezeigte Lösung für sich übernimmt. «Ob beim Beitrag des SF diese Möglichkeit besteht», sagt Zimmerhackl, «kann ich nicht beurteilen, weil ich ihn noch nicht gesehen habe.» Allerdings sei der Titel «Tod nach Plan» bereits «sehr unglücklich» gewählt, so der Psychiater. In welche Richtung der Dokfilm geht, hat Autor Hanspeter Bäni in seinem Erlebnisbericht über die Dreharbeiten mit dem manisch-depressiven André vorweggenommen: «Die nüchterne Realität ist die, dass André nicht mehr an das Leben glaubte.»

Der «DOK»-Film «Tod nach Plan - André psychisch krank und lebensmüde», wird heute auf SF 1 um 20:05 Uhr gezeigt.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • luana am 17.02.2011 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    sehr interessant

    nein das Schweizer Fernsehn geht sicher nicht zu weit! werde die sendung sicher schauen... hört doch mal auf immer alles so schlecht zu machen!

  • P. Muster am 17.02.2011 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Frei nach Roger Schawinski..."Hu kärs!"

    Interessiert das jemanden? Wenn er gehen will, soll er gehen. Er machts ja so oder so. Frage an Links: SF verbieten? ;o)

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  • MatSo am 17.02.2011 21:46 Report Diesen Beitrag melden

    Tatort vs Selbstmord

    Schon komisch, den neuen Tatort will man nicht zeigen, aber wie sich einer selber das leben nimmt da muss man natürlich hautnah dabei sein - Schlaue Köpfe....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Margrit am 24.02.2011 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    Wär kann helfen, diese Last zu tragen?

    Es ist schön zu sehen, dass viele helfen wollen, Selbstmorde zu verhindern und den Betroffenen Unterstützung zu kommen lassen wollen. Schlussendlich müssen diese mit ihren Problemen jedoch selber klar kommen und niemand kann ihnen ihre Last abnehmen. Wenn sie dann keinen anderen Ausweg mehr sehen, als den Freitod, ist es dann nicht besser, sie wählen den Weg über Exit, als dass sie sich unter einen Zug legen und noch weitere Menschen (Zugführe u.a.) mit hinein ziehen?

  • Philippe Latscha am 24.02.2011 06:57 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst es!!!

    Ich war und bin immer der Meinung, dass die Schweiz kein Fernsehen produzieren kann. Macht Nachrichten und normale Reportagen und übernehmt den Rest aus dem Ausland wie Deutschland. Also Hände weg,kommt auch billiger.

  • Nella Müller am 22.02.2011 22:09 Report Diesen Beitrag melden

    Viele Fragezeichen

    Ich bin nach wie vor der Meinung "Helfen zu leben, nicht helfen zu sterben".

  • Ursina am 22.02.2011 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    Urteilsfähig

    Der Entschluss, den "Notausgang" zu nehmen, ist nachvollziehbar - zumindest für alle, die wissen, dass eine psychische Krankheit und die daraus folgende Perspektivlosigkeit abgrundtiefes Leiden bedeuten kann. Der Film ist darum berechtigt, weil er zeigt, dass a) psych. Krankheit nicht immer heilbar ist und b) eine solche nicht zwangsläufig eine Urteils-Unfähigkeit mit sich bringt. Und man sollte endlich aufhören, Depressionen zu verniedlichen!

    • Lia am 22.02.2011 21:12 Report Diesen Beitrag melden

      Anderes Problem

      Es geht nicht um die Urteilfähigkeit, sondern um die Nachahmungsgefahr!!!

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  • Andreas K am 22.02.2011 01:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wem es nicht passt kann ja gehen

    Wem es nicht passt kann ja gehen / kündigen / wegziehen. Das ist die verbreitete Antwort auf Kritik, aber wenn es ums Leben geht, dann wissen es immer alle besser! Das ist die wichtigste Entscheidungsfreiheit eines Menschen, das eigene Leben gestalten und bestimmen wann und wie es endet. Wer dagegen ist, hat nicht verstanden was "Leben" wirklich bedeutet (Viel mehr als nur funktionieren).

    • Christal am 23.02.2011 07:12 Report Diesen Beitrag melden

      Recht auf selbst Bestimmung

      ....da bin ich voll und ganz deiner Meinung, so vieles ist in unserer Gesellschaft fremdbestimmt, aber sein eigenes Leben zu bestimmen, ist immer noch eine Freiheit die uns nicht verwehrt werden darf.

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