«Tatort»

09. Mai 2011 13:08; Akt: 09.05.2011 16:20 Print

So macht man Krimis!

von Philipp Dahm - Ein schrulliger Bulle und seine sexy Kollegin lösen einen Kriminalfall. Was anscheinend beim Luzerner «Tatort» nicht gut gelang, haben die Frankfurter Kollegen bravourös gemeistert.

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Conny Mey ist der Typ Kriminalhauptkommissarin, die von (minderbemittelten) Männern schnell unterschätzt wird. Mit engen Jeans und noch engerem BH ist die Frau ein Hingucker, doch die Polizistin ... ... weiss darum und macht sich die Oberflächlichkeit ihrer Gegenüber geschickt zunutze. Ihr Kollege Frank Steier zählt nicht dazu. Er ist der ernste Bulle vom Typ Einzelgänger - und kein Sexist. Sie müssen den Unfall von Stefan Döring (rechts, gespielt von Frederick Lau aus «Neue Vahr Süd») neu aufrollen, der den Jungen ins Hospital gebracht hat. Sein Vater Sven Döring (Justus von Dohnányi) glaubt, dass die Frau, die den Krankenwagen gerufen hat, etwas mit dem Unfall zu tun hat. Er verfolgt Mariam Sert (Vicky Krieps), um sie dazu zu bewegen, «die Wahrheit» zu sagen. Das Stalking-Opfer wendet sich an die Behörden, die ihr aber kaum helfen können, solange der Verfolger nicht wirklich eine Straftat begangen hat. Obwohl Steier glaubt, seine Kollegin sei emotional übermotiviert, willigt er ein, das Stalking-Opfer zu schützen. Mey hat eine heimliche Affäre mit Polizei-Psychologe Daniel Behnken (herrlich arrogrant gespielt von Arnd Klawitter), der sich als Karrierist entpuppt ... ... und wenig Gutes zum Fall beiträgt. Steier hat ihn von Anfang an im Verdacht, ein Egoist zu sein. Die Ermittler finden schliesslich heraus, ... ... dass ihr Kollege am Unfallort Mist gebaut hat. Polizist Seidel (Peter Kurth, links) hatte bei der Augenzeugin eine Alkoholfahne gerochen. Weil er dem Mädchen, das er wegen des Unfalls angehalten hatte, nicht den Führerausweis nehmen wollte, ... ... liess er sie laufen - nachdem er mit ihr geschlafen hatte. Steier stellt ihn zur Rede und kündigt an, das Ganze melden zu wollen. Seidels Ehefrau hat die Konversation belauscht. Und Mey entdeckt, dass ihr Psychologe in Sachen Damenwahl nicht nur auf einer Hochzeit tanzt. Der Stalker stellt schliesslich Zeugin Miriam ein Ultimatum, «die Wahrheit» zu sagen. Er weiss vom Sex mit dem Polizisten und glaubt, das Mädchen sei Schuld an dem Unfall. Doch die war es nicht: Sie war angetrunken weitergefahren, nach zehn Minuten Fahrt aber umgedreht und zum Unfallort zurückgefahren, um Hilfe zu holen. Miriams Freund knüpft sich den Stalker vor, doch das stoppt den Irren nicht. Nach dem Tod seines Sohnes rastet er aus und sticht Miriams Freund nieder. Kommissarin Mey fährt Golf GTI und isst in der Kantine mit den Jungs vom Sondereinsatz-Kommando. Sie ist ein Kumpeltyp.

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Dem Schweizer Zuschauer könnte der neueste «Tatort» aus Frankfurt am Main ein wenig weh getan haben. Denn das dortige Ermittler-Duo hat an seinem ersten Arbeitstag das gezeigt, was die Luzerner Kollegen bei der Amtseinführung scheinbar haben vermissen lassen: Authentizität, Charakter, Witz und Glaubwürdigkeit.

Die Neuen sind Kriminalhauptkommissare, heissen Conny Mey und Frank Steier - und sind jetzt schon ein Quotengarant. 8,71 Millionen sahen in Deutschland die Polizisten-Premiere, was einem Marktanteil von starken 27,5 Prozent entspricht.

Die «Manta-Fahrerin» entpuppt sich als Sherlock Holmes

Schon der Start des letzten Krimis «Eine bessere Welt» war schön. Beamtin Mey, gespielt von Nina Kunzendorf, empfängt zwei junge Männer für eine Aussage. Die Halbstarken lächeln feist ob der knackigen Kommissarin und bekunden, sie hätten dies und jenes beobachtet. Die schlaue Frau trennt die zwei erst einmal durch einen Sichtschutz, bittet sie dann, ihre Standpunkte bei dem Vorfall in einer Karte einzuzeichnen und eröffnet ihnen dann: Wenn ich die Papiere vergleiche und ihr verschiedene Positionen eingezeichnet habt, seid ihr wegen Falschaussage dran. Kleinlaut melden die Proleten an, sie wollten ihre Aussagen doch revidieren.

Rums, das hat gesessen. Und auch der Zuschauer weiss nun, dass diese Frau kein Frauchen ist: Statt klischeehaftem Kitsch und amourösem Getue wartet diese TV-Kommissarin mit der Gewissheit auf, dass Männer sie unterschätzen und sie diese Tatsache clever ausnutzt. Zusammen mit ihrem Kollegen Frank Steier, dessen Rolle Joachim Król übernommen hat, rollt sie einen eigentlich abgeschlossenen Fall wieder auf, dessen Thema ein Dauerbrenner in der Strafverfolgung ist.

Die Powerfrau und der Einzelgänger

Es geht nämlich um einen Stalker: Sven Döring, hervorragend dargestellt von Justus von Dohnányi, pflegt seinen komatösen Sohn im Krankenhaus. Sein Junge war überfahren worden, bevor ihn Postbotin Mariam Sert (Vicky Krieps) auf der Strasse fand. Der Vater des Opfers glaubt aber nicht, dass das Mädchen bloss eine Zeugin war: Er geht zur Polizei und bezichtigt die junge Frau, selbst in den Unfall verwickelt gewesen zu sein. Was nun folgt, ist eine bittere Lektion in Juristerei. Der Stalker bedroht Miriam, doch solange er nichts tut und nur droht, können die Beamten nicht eingreifen.

Das Duo Mey und Steier ist zu diesem Zeitpunkt aber noch kein Team: Der Mann in der Beziehung ist ein kantiger Kauz. Ein Einzelgänger, der nur widerwillig damit beginnt, mit der knackigen Kollegin zu kooperieren. Zumal der Menschenkenner sofort bemerkt, dass seine kommende Polizei-Partnerin eine heimliche Liaison mit dem Revier-Psychologen hat. Erst auf Initiative von Mey forscht auch Steier weiter in dem Fall nach – und zusammen decken sie erste Ungereimtheiten auf. Sie finden heraus, dass der im Unfall ermittelnde Polizist Verkehr mit der Zeugin Miriam Sert hatte.

Blutiges Ende

Obwohl es sich um einen Freund Steiers handelt, stellt der den Kollegen zur Rede – und macht auch Meldung. Sein Kumpel hatte damals Alkohol bei der Zeugin gerochen: Sie hatte den Unfall nicht verursacht, war aber erst weggefahren, weil die Angetrunkene um ihren Führerausweis fürchtete. Sie habe dann aber umgedreht und einen Krankenwagen gerufen. Der Vater des Opfers glaubt dennoch an ihre Mittäterschaft – und dreht schliesslich durch, als sein Sohn im Krankenhaus stirbt. Der Wahnsinnige stürmt aufs Revier, sticht dort den Freund der Zeugin nieder und erwischt auch Kommissar Steier, bevor er verhaftet wird.

Was diesen Krimi so gut gemacht hat? Es ist das neue Duo, das in keine Schublade passt und Vorfreude auf weitere Fälle macht. Es ist das Thema Stalking, das einerseits altbekannt ist, doch durch die filmische Umsetzung wieder ins Bewusstsein rückt. Wie verrückt ist es, dass ein Irrer erst etwas anrichten muss, bevor die Polizei einschreiten darf? Und: Es ist die Erzählweise des «Tatort». Mit wenigen Schnitten und einfühlsamer Musik kann viel erzählt werden.

Kleine, aber feine Details

Etwa als der Sohn des Stalkers stirbt: Wie bei «24» wird mit geteilten Bildschirmen gearbeitet. Im ersten kommt das EKG des Unfallopfers zum Erliegen, in einem zweiten albert die virile Kommissarin Mey mit Kollegen herum. Im dritten Bild verträgt sich Stalking-Opfer Miriam mit ihrem Freund, während Kommissar Steier alleine im Büro sinniert. In der Überblendung sieht der Zuschauer wieder das Hospital, und wie dem mittlerweile verstorbenen Jungen der Schlauch aus dem Mund entfernt wird. Hier wurde in 20 Sekunden mit wenig Aufwand eine Geschichte weitergeführt – und das bei maximalen emotionalen Ertrag.

Die neuen Frankfurter Ermittler haben die Latte für Neu-Polizisten noch mal höher gelegt. Bleibt zu hoffen, dass das SF sie beim nächsten Anlauf nimmt.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • peter am 10.05.2011 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    gar nicht übel

    am besten fand ich den schauspieler der den stalker/pschophaten gespielt hat, der war grandios. krol mag ich sowieso-ok an die frau kunzendoft muß ich mich wohl erst gewöhnen. das war mit zu aufgesetzt "sexy."

  • H. Merhart am 09.05.2011 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Cop-Grösse 2

    Ja sicher: Als weibliche Kommissarin streift man mit Push-up, Pumps und Jeans-gepowertem Puten-Po durchs Polizeirevier. Damit Kollegen wie Kriminellen die Augen auskugeln und die Aufklärung mittels Fingerschnippen zur Farce wird. Die Laufstegauftritte reissen den Krimi auseinander wie Werbeblöcke. Joachim Krol ist sichtlich unwohl neben der lila Bonbon-Bombe, die auf jeder realen Wache sofort an die Sitte überstellt würde. Auch der ausgetickte Täter passt schlecht zur Pretty Woman, das lässt sich bei aller Bemühung nicht wegacten. Den Preis zahlt die Story: Überraschung 0. Kuckt mal Wallander!

    einklappen einklappen
  • peter russo am 09.05.2011 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    fast wie die amerikanischen serien!

    supertoller tatort, den schau ich (23) mir sogar auch noch gerne an! tolle visuals und super regisseur und bildeffekte!

Die neusten Leser-Kommentare

  • peter am 10.05.2011 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    gar nicht übel

    am besten fand ich den schauspieler der den stalker/pschophaten gespielt hat, der war grandios. krol mag ich sowieso-ok an die frau kunzendoft muß ich mich wohl erst gewöhnen. das war mit zu aufgesetzt "sexy."

  • Otto Otto am 09.05.2011 19:02 Report Diesen Beitrag melden

    super!

    War einfach ein super Tatort! Die Story, die Schauspieler, das Thema, und auch die Überraschungen..von wegen langweilig und vorhersehbar. So macht Fernsehen Spass, sowas hat den Namen Fernsehen verdient!

  • Jens Liedtke am 09.05.2011 18:28 Report Diesen Beitrag melden

    Gelungen!

    Als langjähriger Zuschauer empfand ich dieses Debüt als rundum gelungen. Neben der sehr guten schauspielerischen Leistung überzeugte diese Sendung einmal mehr durch jenen besonderen Witz der grundlegenden Gegensätzlichkeit der beiden Protagonisten - die auch in ihrer Erscheinungsform nicht überzeichnet sind, es gibt tatsächlich so gekleidete Komissare und Komissarinnen in der deutschen Polizei. Abgesehen von verzeihbaren Fehlern war das einer der besseren "Tatort"-Sendungen - aber ich empfand die Luzerner Version auch nicht als gar so schlecht, wie bedauerlicher Weise andernorts zu lesen.

  • M. aus L am 09.05.2011 17:18 Report Diesen Beitrag melden

    So wird das nix!

    Also ich fand diesen Tatort gestern ganz schlecht. Ich verpasse praktisch keine Folge und kann somit ein wenig "mitreden". In meinen Augen haben die Ermittler einige Fehler begangen, die in der Realität niemals vorkommen werden, hoffe ich zumindest. Die Aufmachung der neuen Kommissarin hat mich zudem ziemlich genervt; ihr Outfit sah sehr billig aus. An der Regie kann ich nichts aussetzen, das war ganz in Ordnung. Hoffe aber, der nächste Tatort mit den beiden Frankfurtern wird besser!

  • Serienjunkie am 09.05.2011 17:08 Report Diesen Beitrag melden

    Unterer Durchschnitt

    Der Tatort war m.M viel zu langatmig und auch nicht wirklich spannend. Das Kommissarin Mey daherkamm wie eine Super-Tusse war auch nicht gerade förderlich für die Glaubwürdigkeit ihrer Rolle. Die Idee mit dem "Nicht-Fall" war gut, das neue Duo erfrischend trotzdem war ich am Schluss enttäuscht vom Gebotenen.