Nachgerechnet

28. März 2011 11:45; Akt: 28.03.2011 11:56 Print

So stark provoziert uns das Reality-TV

von Philipp Dahm - Zwischen 2000 und 2009 haben deutsche Sender 418 unterschiedliche Reality-TV-Formate ausgestrahlt. Eine Studie zeigt, wer wie stark auf Provokationen setzte.

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Die Landesmedienanstalt des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen hat bei der Freien Universität Berlin die Studie «Skandalisierung im Fernsehen» in Auftrag gegeben, die «Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality-TV-Formaten» untersucht hat. Die Frage dabei: Gibt es bei diesen Sendungen systematische Grenzüberschreitungen? Und wie reagiert das Publikum auf moralische Grenzverletzungen?

Von den 418 entsprechenden Formaten des Genres, die zwischen 2000 und 2009 im deutschen Fernsehen zu sehen waren, liefen die meisten auf RTL und RTL2 (jeweils 53). Erst mit Abstand folgen Vox (49) und ProSieben (36). Teilt man die 418 Reality-TV-Sendungen in ihre Subgenres auf, liegen die Castingshows mit 26 Formaten nur auf Platz vier. Vor ihnen liefen Doku-Soaps (175), Coaching-Formate (85) und Reality Soaps (80). Dazu kommen 19 Beziehungs-Shows (à la «Bauer sucht Frau») und 13 Swap-Formate.

Die Macher der Studie haben ganze Staffeln von TV-Shows ansehen müssen und einen Wert errechnet, der «Provokationen pro Nettosendestunde» (PpN) misst. Das heisst, dass bei den Sendungen Werbungen, Trailer und Gewinnspiele abgezogen wurden und dann notiert wurde, ob Menschen wegen ihres Verhaltens oder Aussehens entweder mit Worten, Gesten, durch die Kameraführung, durch Einspieler oder andere Mittel herabgesetzt wurden. Auch Gewalt gegen Menschen oder Tiere wird dazugezählt.

Doku-Soaps und Coaching-Formate

Zu der grössten Gruppe der Doku-Soaps gehören Formate wie «Schneller als die Polizei erlaubt», bei dem auf Vox Beamte mit Radarfallen Raser jagen, oder «Gnadenlos gerecht – Sozialfahnder ermitteln», bei dem Sat.1 Ordnungshüter begleitet, die anonymen Denunziationen nachgehen. Dieses Format kommt auf einen sehr hohen Wert von 5,3 PpN.

Wie hoch dieser Wert ist, zeigt ein Vergleich mit dem Coaching-Format «Erwachsen auf Probe», das 2009 auf RTL hohe Wellen geschlagen hat. Hier wurden junge Paare zum Üben der Elternschaft mit einem Baby versorgt. Was das Feuilleton hochgradig erregt hat, kommt in der Studie mit einem PpN von 1,6 dagegen verhältnismässig gut weg. Den Vogel schiesst in diesem Subgenre ausgerechnet «Die Super Nanny» ab: Die Staffel von 2007 kommt auf einen PpN von 8,8.

Reality-Soaps schneiden überraschend gut ab

Dass dieser Wert so hoch liegt, könnte daran liegen, dass in jener sechsten Staffel häufig Personen runtergemacht worden sind oder Gewalt gegen Kinder gezeigt wurde. In Staffel sieben (2008) sank der Wert deutlich auf 2,9 PpN, in Staffel acht (2009) lag er bei 4,4 PpN. Das Schwesterformat «Raus aus den Schulden» auf demselben Sender zeigte sich mit einem PpN von 1,6 (anno 2008) und 0,6 (2009) deutlich menschenfreundlicher. «Hagen hilft» auf Kabel eins kam im selben Zeitraum ganz ohne Provokationen aus.

Während bei Doku-Soaps reale Personen beim Verrichten echter Arbeit begleitet werden, zeigen Reality-Soaps in Sendungen wie «Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus», «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus» oder aber «Big Brother» quasi «vom Sender konstruiertes, wahres Leben». Erstaunlicherweise gab es mit der Geschichtsstunde im Ersten deutlich mehr Probleme als mit dem Dschungelcamp oder dem Proleten-Container: «Abenteuer 1900» von 2004 landet dank Tierschlachtungen bei einem PpN von 2,3, während drei Staffeln «Ich bin ein Star» bloss 1,1 PpN und «Big Brother» ebenfalls über drei Staffeln bloss auf 0,9 PpN kommen.

Castingshows und Tausch-Formate

Auch bei den Castingshows gibt es gegenläufige Trends. «Germany’s Next Topmodel» (GNTM, ProSieben) startete 2006 in Staffel eins noch mit einem Wert von 1,2 PpN, doch in Staffel vier anno 2009 lag Heidi Klums Show nur noch bei 0,5 PpN. Umgekehrt lief es bei «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS): Staffel drei (2005/2006) hatte nur einen PpN von 0,8, doch in Staffel sechs (2009) war der Wert auf 2,5 gesprungen. Bei Konkurrent «Popstars» ist der Unterschied geringer: Staffel eins (2000/2001) kam ohne Provokationen aus, Staffel acht erreichte 2009 dagegen 0,5 PpN.

Als «Swap-Formate» bezeichnet man Sendungen wie «Frauentausch»: Milieu a führt für Zeitraum x das Leben von Milieu b, wobei sich die Lebensentwürfe der Beteiligten natürlich diametral voneinander unterscheiden. Von 2003 bis 2006 erreichte «Frauentausch» so einen PpN von 1,5. Zwischen 2007 und 2009 stieg er auf 1,7. «Tausche Ost gegen West», das 2009 auf dem MDR ausgestrahlt wurde, kam dagegen gänzlich ohne Anecken aus. «Die strengsten Eltern der Welt» von 2009 auf Kabel eins erreichte dagegen 4,3 PpN.

Es kommt auf das einzelne Format an

Die gute Nachricht: Die quantitative Analyse zeigt, dass nicht allgemein davon gesprochen werden kann, dass das Fernsehen provokanter wird. Weil der PpN etwa bei GNTM deutlich gesunken, bei DSDS aber gestiegen ist, müssen die Subgenres wie hier die Castingshows im Einzelnen betrachtet werden. Die Macher der Studie konnten auch keine Wechselwirkung zwischen Tabubruch und Reklame feststellen.

Die schlechte Nachricht: Zumindest die Ankündigung von Tabubrüchen ist heute normales Handwerkszeug der Fernsehsender, mit dem sie schon vor Staffelbeginn versuchen, Aufmerksamkeit zu generieren. Durch Pressemitteilungen bringen sie Medienjournalisten dazu, über Sendungen zu schreiben, die sie noch gar nicht gesehen haben, und bekommen so Zuschauer. Einerseits werden das Casting schicksalsgebeutelter Kandidaten und andererseits die Dämonisierung der Teilnehmer immer wichtiger. Sexualisierung, Populismus und Dramatisierung sind weitere negative Aspekte der neueren Entwicklung.

Mit Bohlen-Sprüchen «gegen das Establishment»

Einen spannenden Aspekt beleuchtet die Studie mit Blick auf DSDS. Hier haben die Autoren eine Art Generationenkonflikt ausgemacht. Hier stossen sich die Jugendlichen nicht nur nicht an abfälligen Bemerkungen von Juror Dieter Bohlen und Co, sie schalten genau deswegen ein. Laut Studie zeigt sich darin eine «jugendliche Sehnsucht nach Grenzüberschreitung gegenüber Konventionen aus der Erwachsenenwelt».

Sprich: Hier kann sich der Teenager gegen die Konventionen der Alten abgrenzen, sie beiseite lassen und gefahrlos seine eigenen Grenzen ausloten. RTL hat den Braten wohl gerochen: So kann die Zunahme des PpN-Wertes über die Staffeln gut erklärt werden. Für Eltern hat die Studie auch noch einen Tipp parat: Die Sehlust an Castingshow könne teilweise vermindert werden, indem man den Jugendlichen «die Entstehungs- und Verwertungsbedingungen dieser Formate analytisch zu durchschauen» hilft.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cedric am 28.03.2011 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Reality

    Mich hat der Begriff "Reality- TV" immer gestört. Mit der Realität hat dieses Zeug, das uns täglich vorgesetzt wird, absolut nichts zu tun. Es sei denn man meint die Realität eines bösen Bizzarro- Paralleluniversums.

  • Hanky am 28.03.2011 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Da provoziert

    gar nichts. Mir ist die Zeit zu schade, solchen Mist anzusehen.

  • Gutzi am 28.03.2011 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Spiegel der Volksverblödung.

    Das ist aus dem Volk der Dichter und Denker geworden. Dümmliche Formate, welche nur dazu da sind, die Pausen zwischen den Werbungen zu überbrücken. Goethe hätte heute keine Chance, es sei denn, er wär HarzIV-Empfänger.....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lisa am 02.04.2013 18:02 Report Diesen Beitrag melden

    Grenzen und andere Illusionen

    Ich verstehe gut, dass es geradezu wohltuend ist, wenn jemand einmal sagt: "Du kannst das nicht". Denn die meisten sind ständig dem Druck ausgesetzt, alles können zu müssen. Aber ob Grenzen wirklich überschritten werden? Schliesslich werden die Teilnehmer ja auf ein ganz gezieltes Auftreten hingetrieben. Und der Unterhaltungswert: Nach dem ersten Gelüsten nach ein bisschen Sensation und gemütlichem Ekel stellt sich ödes Gähnen ein. Die Formate der Doku-Soap etc. haben wenig mit Realität zu tun. Schlechte Geschichten, unbegabte Schauspieler und billige Aufmache.

  • noname am 30.03.2011 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    Werbung

    Das einzige, was an diesen Sendeformaten stört sind die langen gleichen Werbepausen. In einer 1-stündigen Sendung sind über 30% davon Werbepausen enthalten!

  • Cedric am 28.03.2011 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Reality

    Mich hat der Begriff "Reality- TV" immer gestört. Mit der Realität hat dieses Zeug, das uns täglich vorgesetzt wird, absolut nichts zu tun. Es sei denn man meint die Realität eines bösen Bizzarro- Paralleluniversums.

  • Hanky am 28.03.2011 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Da provoziert

    gar nichts. Mir ist die Zeit zu schade, solchen Mist anzusehen.

  • Gutzi am 28.03.2011 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Spiegel der Volksverblödung.

    Das ist aus dem Volk der Dichter und Denker geworden. Dümmliche Formate, welche nur dazu da sind, die Pausen zwischen den Werbungen zu überbrücken. Goethe hätte heute keine Chance, es sei denn, er wär HarzIV-Empfänger.....