Im Falschen Film

10. Juni 2011 16:38; Akt: 10.06.2011 16:41 Print

Wie die böse Königin Heidi das Finale verpfiff

von Patrick Toggweiler - Für einen Sportredaktor ist Germany's Next Top Model, was für den Unterhaltungsjourni Mixed Martial Arts ist: unmenschlich und brutal. Eine Einschätzung durch die Sportbrille.

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Die Bilder der Finalshow von «GNTM».

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Guter Kampfsport ist nicht einfach nur das Duell Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau. Guter Kampfsport erzählt den Konflikt zweier unterschiedlicher Menschen: Schwarz gegen weiss, Kapitalist gegen Kommunist, Arbeiter gegen Dandy. Je unterschiedlicher die beiden Duellanten, desto besser. Und hier stehen sich zwei wirklich sehr unterschiedliche Menschen gegenüber.

In der einen Ecke Rebecca – sexy, selbstsicher, brünett. In der anderen Ecke zittert die blonde Jana wie ein geblendetes Reh kurz vor dem Zusammenprall mit einem LKW. Ihre einzigen Gemeinsamkeiten: Beide sind schön – und beide stehen im Final von Germany's Next Topmodel, von Kennern auch «GNTM» genannt.

Für guten Kampfsport braucht es aber eine weitere Zutat: einen unauffälligen Ringrichter mit Fingerspitzengefühl. Und das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was die Castingshow zu bieten hat.

Einmal und nie wieder

Ich gebe zu, ich bin kein Experte in Sachen Mode und Models und ich habe keinen Schimmer, welche der beiden «mehr Jobs an Land gezogen hat». Ich war bis vor kurzem Sportredaktor, mag Fussball und MMA und ich schraube gerne an Motorrädern. Die gestrige Finalsendung war für mich eine Premiere. Noch nie habe ich bisher eine Folge der Sendung durchgestanden.

Glauben Sie mir, ich verstehe was von Schiris. Und Heidi Klum – in ihrer Doppelrolle als Jurorin und Moderatorin nimmt Sie diese Rolle ein – ist eine, von der man nur zu gerne wüsste, wo ihr Auto steht.

Zwar fällt in der gesamten Finalshow von Germany's Next Topmodel nicht ein einziges negatives Wort. Aber sogar Klums Komplimente wirken herzlos und kalt. Als der mir unbekannte heterosexuelle Juror sich an die Finalistinnen wendet, sie seien beide Siegerinnen, beide hätten sein Herz erobert, legt der mir unbekannte schwule Juror «sein Herz noch obendrauf». Ein Hauch von Sentimentalität, den die Klum sofort zunichte macht. Sie würgt ohne Augenkontakt ein «Ich lege meins natürlich auch noch obendrauf» heraus. Runtergehaspelt wie das Vaterunser eines Geistlichen, bevor er sich über einen Messdiener hermacht.

«Gleich» dauert fünf Minuten

Momente später stehen die beiden Kandidatinnen mit der Moderatorin vor einer riesigen Videowand, um «gleich» zu erfahren, welche der beiden jubeln darf. «Ich kann mich noch ganz genau an dich erinnern», setzt Klum in Richtung Jana an, um die Entscheidung weiter hinauszuzögern, «vor allen Dingen wegen deiner Lippenfalte.» Jana zittert am ganzen Leib. Ihr geht es «gar nicht gut». Ein humaner Ringrichter hätte an dieser Stelle abgebrochen.

Klum kennt aber keine Gnade. Sie verzögert weiter. Knapp fünf Minuten müssen die Kandidatinnen vor der Leinwand ausharren, während die Moderatorin mit ihnen Katz und Maus spielt. Die Grenze von «Spannung aufbauen» ist längst in Richtung «nervtötend» überschritten worden, zumal Klums Überbrückungen an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten sind: «Hach dieser Moment, dieser Moment, dieses Nervenkitzeln, die Herzen, die hier klopfen neben mir, die springen gleich aus dem Kleid raus.»

Kennen Sie eigentlich den (schlechten) Exploitationsfilm Film «Ilsa, the She Wolf of the SS»? Darin geht es um die sadistischen … egal.

Fast so gut wie Wrestling

Rebecca bekommt auch noch zu hören, Sie sei «eine riesen- riesengrosse Kämpferin». Was wie ein Kompliment hätte klingen sollen, tönt in meinen Ohren wie ein Vorwurf. Und da dämmert es mir, um was es hier eigentlich geht. Hier geht es nicht darum, wer Deutschlands nächstes Topmodel wird. Hier geht es darum, wer zum wirklichen Star der Show gekürt wird. Und da mischt die Schiri plötzlich mit gezinkten Karten selbst mit.

Fall gelöst, Sherlock: Das zitternde Espenlaub holt den Titel von «GNTM». Schneewittchen, die selbstbewusste Gefahr für die böse Königin, verliert mit dem 2. Platz Punkte im Kampf um den Gesamtsieg. Star der Show und eigentliche Siegerin bleibt Heidi Klum dank einer taktischen Meisterleistung.

Ehrlich gesagt, weder Jana noch Rebecca werden mir lange in Erinnerung bleiben – Rebecca vielleicht ein wenig länger. Eingebrannt hat sich bei mir Heidis verpfiffenes Finalspiel. Und wenn am Ende nur der Schiedsrichter in Erinnerung bleibt, spricht das meist nicht für den Anlass.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ana Bispo am 10.06.2011 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Super Artikel! Danke! Nicht nur für den Inhalt. Kleine anmerkung nebenbei: musste mir gntm auch antun... Mein Freund schaut's immer... :(

  • Be Geistert am 10.06.2011 16:58 Report Diesen Beitrag melden

    gut geschrieben

    musste ganz schön schmunzeln, bei diesem bösartigen und süffisanten text. sollte mehr davon geben :-)

  • Jürgen am 11.07.2011 20:20 Report Diesen Beitrag melden

    Rebecca , die Gewinnerin der Herzen

    Im Herzen der Zuschauer war Rebecca die Gewinnerin.

Die neusten Leser-Kommentare

  • fleur am 04.08.2011 00:06 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich mal eine GUTE Einschätzung

    WOW! Musste bei deinen Worten echt das Lachen unterdrücken und ich finde du hast die Lage gut erkannt ( wenn für meinen Geschmack auch etwas übertrieben) und ich finde , dass auch Amelie eine Gefahr für Heidi darstellt ( Rebecca natürlich auch). auf jeden Fall danke für diese tolle Sichtweise

  • Jürgen am 11.07.2011 20:20 Report Diesen Beitrag melden

    Rebecca , die Gewinnerin der Herzen

    Im Herzen der Zuschauer war Rebecca die Gewinnerin.

  • Fabienne am 14.06.2011 20:09 Report Diesen Beitrag melden

    Wer war die *Wa(h)re Siegerin?

    Vielen Dank für Ihre sportliche Sichtweise, diese gefällt mir sehr gut. Würde Heidi Klum gerne ein Neues Gesicht präsentieren, das ebenbürtig ist? Nein natürlich nicht, da würde Sie ihr "Süppchen" selber versalzen oder? Die Wahre Siegerin ist für mich Rebecca, ihre spontane Art und ihr Aussehen ist grandios.

  • Leseratte am 13.06.2011 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Lorbeeren für den Autor

    Brilliant geschrieben, bravo!

    • marie-Louise am 02.08.2011 07:48 Report Diesen Beitrag melden

      100 pro Richtig

      kann mich diesen Worten nur anschliessen !

    einklappen einklappen
  • Roger am 13.06.2011 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Fernsehen

    Wenn das SF sich nun vollends ins Abseits manövrieren wollte, könnte man ja die Heidi für eine Sendung verpflichten. Wie wärs mit der Miss Schweiz Wahl. Das würde der Sendung gleich die Krone auf den Kopf setzen und dann hätte so mancher Ehemann keine Diskussion mehr zuhause, ob man die Wahl jetzt sehen muss oder nicht. Interessant wie unbeliebt die Heidi als Moderatorin auch bei vielen Frauen ist.