Bauernfrauen und Co

09. Dezember 2010 12:36; Akt: 09.12.2010 13:30 Print

Willkommen in der Wirklichkeit

von Philipp Dahm - Immer wieder gaukelt das TV vor, nichts als die Realität zu zeigen. In Wirklichkeit helfen die Produktionsteams jedoch kräftig nach – und fordern auch schon mal zum Nacktduschen auf.

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Fernsehen dient der Unterhaltung – und Unterhaltung folgt festen Regeln. Auch wenn es kein Drehbuch gibt, wenn Menschen im Reality-TV gezeigt werden oder wenn in Castingshows «Spontan-Contests» anstehen, braucht die Realität oft noch den «Dreh in die richtige Richtung». Dann werden Konflikte, die abseits der Arbeitszeit passiert sind, von den Streithähnen einfach noch mal nachgestellt, wenn die Kamera dabei ist. Zuletzt stolperte der Schweizer Sender 3+ in diese mediale Falle, als herauskam, dass bei «Jung, wild & sexy» nicht jede Szene auch im allerersten Moment gefilmt wurde.

«X-Diaries» - wenn Mama der Tochter den Freund ausspannt

Ob das legitim ist oder nicht, sei dahingestellt: In Zeiten, in denen so manch unbedarfter Zuschauer die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion ohnehin nicht mehr ziehen kann, ist das vielleicht noch nicht mal relevant. Für diese These spricht der Erfolg von Sendungen wie «X-Diaries» auf RTL2, wo vermeintlich frohsinnige Urlauber bei ihren Pseudo-Machenschaften im sonnigen Süden gezeigt werden. Dort können Laiendarsteller quasi sich selbst spielen und fürs Fernsehen ihren inneren Schweinehund ganz offiziell raushängen lassen.

Andererseits darf man von einem halbwegs gebildeten Zuschauer auch verlangen, dass er stutzig wird, wenn Mama auf Mallorca der Tochter den Mann ausspannt und dann noch komische Sprüche macht: Während die Fernseh-Verantwortlichen bei «X-Diaries» noch argumentieren können, dass der fiktionale Charakter der Sendung ersichtlich sei, ist es für das Publikum deutlich schwerer zu erkennen, was in Pseudo-Realdarstellungen abgeht. Neben «Jung, wild & sexy» ist «Germany’s Next Topmodel» (GNTM) dafür ein eindrucksvolles Beispiel.

Wer spielt die Buhfrau in unserer kleinen Castingshow?

Eine solche Castingshow wird dann spannend und für den Sender lukrativ, wenn der «Soap-Effekt» greift. Eine Gruppe Heidi-Hühner, die um die Klum-Krone kämpfen, ist deutlich spannender anzusehen, wenn das eine Federvieh dem anderen auch mal ein Auge aushackt. Konflikte zu schaffen ist dabei mehr als einfach: So kann etwa ein Juror der Gruppe die «Aufgabe» stellen, eine Konkurrentin zu kritisieren. Wie etwa in Staffel drei anno 2008, als die Bernerin Raquel Alvarez mit von der Partie war: Auf eben jene Aufforderung von Peyman Amin antworteten die Mädchen zuverlässig mit ordentlich Trara und Tränen, weil ein Rührstück die Kritik natürlich nicht ertragen konnte.

Ein anderes, immer wieder genutztes Stilmittel ist der konstruierte Konflikt. Nehmen Sie etwa Fiona Erdmann, die «Quotenzicke» aus Staffel zwei. Ist die Teilnehmerin erstmals durch das eine oder andere aus dem Zusammenhang gerissene Zitat in der Prinzessinnen-Ecke gelandet, forcieren die Produzenten den Zank. Eine Fiona Erdmann wurde dann aufgefordert, andere Mädchen wegen harmloser Vorfälle zur Rede zu stellen, eröffnete die heute 21-Jährige vor zwei Jahren dem «Zeit Magazin»: In die folgenden Streitereien sei sie «regelrecht reingeschubst» worden. Wer GNTM verfolge, dürfe «nicht unbedingt alles für bare Münze nehmen».

Wenn nicht zickig, dann bitte bombastisch!

Während in der Prinzessinnen-Ecke auch Etepetete-Engelchen wie GNTM-«Heulsuse» Gisele Oppermann (GNTM-Staffel drei) hineinpassen, gibt es auf der anderen Seite ein Plätzchen für die Verruchten. Wie es sich dort anfühlt, hat nun Monika erfahren: Die Kandidatin der Kuppelshow «Bauer sucht Frau» hat just in ihrer Heimat der Presse berichtet, wie ihr Auftritt bei RTL abgelaufen ist. Und der passt ins «Schema F».

Die 35-Jährige hatte in der Sendung beinahe schon zufällig mitgemacht. «Ich bin die Wette eingegangen, weil ich fest davon überzeugt war, dass die mich sowieso nicht nehmen, weil ich nicht dem klassischen Klischee einer Bäuerin entspreche», sagte die Metzgerin laut «Schwäbischer Zeitung». Doch die geschiedene dreifache Mutter interessierte sich für Single Johannes. Beim «Scheunenfest», das für die Bauern und die Bewerberinnen um den Platz an ihrer Seite geplant war, landete sie schliesslich bei Lamm-Landwirt Martin «Lämmes», weil Johannes eine andere wollte. Dass sie auf der Feier ein besonders tief ausgeschnittenes Kleid anhatte, war nicht ihre Idee, sondern die des Produktionsteams: «So kam es, dass ich mit dem doch sehr offenherzigen Kleid vor die Kameras musste», sagte die Schwäbin auf der Pressekonferenz.

«Das war mir nicht bewusst»

Weil Johannes nicht wollte, aber «Lämmes» statt an «seiner» Kandidatin Anne an Monika interessiert war, schlug die Produktion einen Tausch vor. Als das mit allen besprochen war, wurde gedreht. Monika zog bei dem Mann ein und kam ihm in jenen Momenten nahe, wenn die Kamera nicht dabei war: Wenn nach zehn Stunden Dreh die TV-Leute nach Hause gegangen waren. Als sie sich aber das erste Mal am Bildschirm sah, kam quasi das mediale Erwachen. «Die haben die Szenen so geschnitten, dass ein bestimmtes Klischeebild von mir entstehen musste.» Für die Zuschauer habe es gewirkt, als habe Monika Anne eiskalt aus dem Weg geräumt, obwohl alle mit der Lösung einverstanden gewesen waren.

«Dass die dann Szenen so verfremden können, dass ich jetzt in einem bestimmten Licht dastehe, das war mir nicht bewusst», sagte die Alleinerziehende laut «Schwäbischer Zeitung». Und wenig begeistert war sie auch von der Ansage, dass sie ein Zusatzhonorar erwarten dürfe, wenn sie etwas mehr von sich zeige: «Für körperliche Nähe vor der Kamera gibt es zusätzliches Geld», verstand die Frau, die dieses «Angebot» aber ablehnte. «Ich habe kein Probleme damit, mein Dekolleté zu zeigen. Aber es gibt Grenzen.» Trotzdem wurde sie vom Boulevard bald als «Tattoo-Luder mit XXL-Busen» betitelt – und konnte deswegen auch eine bereits versprochene Stelle in einem Dorfladen nicht antreten, weil sie dort nicht mehr dazu gepasst hätte.

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt

Auf die Zeit, «wenn sich der ganze Rummel wieder gelegt hat», freut Monika sich deshalb. Dem Zuschauer bleibt ein fader Nachgeschmack: Ein bewusst inszeniertes Format wie «X-Diaries» kann jenen Spass machen, die wenig Effort erfordernde Unterhaltung suchen. Doch man darf sich daran gewöhnen, dass auch Formate wie «Bauer sucht Frau» die Realität übertreffen, die in Form der Einschaltenden eigentlich mit «ehrlich-unbedarften Landwirten» rechnet. Das Fernsehen wird dieses Verhalten mit Blick auf das Quotenquentchen Drama kaum ändern - bessern muss sich deshalb wohl die Medienkompetenz des Publikums.