Lockvogel-Angebote

20. November 2018 05:43; Akt: 20.11.2018 07:02 Print

So tricksen die Händler bei den Black-Friday-Aktionen

von R. Knecht - Schnäppchen oder Lockvogelangebot? Diese Frage müssen sich Shopper diese Woche besonders oft stellen, denn Händler tricksen am Black Friday.

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Die grosse Rabattschlacht am Black Friday läuft. Da kann es schon mal zu Gedränge in den Läden kommen – wie hier in Brasilien 2017. Laut Schätzungen von Blackfridaydeals.ch dürften Schweizer Händler innert 24 Stunden einen Umsatz von 440 Millionen Franken erzielen. Eigentlich gilt der Black Friday als Startschuss für das Weihnachtsgeschäft. Dieses Jahr lancierte aber bereits der Singles' Day am 11. November den Weihnachtsverkauf in der Schweiz. Firmen bieten nicht nur Deals auf typische Produkte wie Fernseher oder Kleider, sondern auch zunehmend Abos und Dienstleistungen. Sogar beim Coiffeur gibts Black-Friday-Rabatt. Die Zahl der Geschäfte, die zum Black Friday spezielle Deals machen, steigt immer weiter. Sogar Globus ist dabei, obwohl die Firma dem Black Friday gegenüber bisher eher skeptisch war. Rund 20 Prozent des Umsatzes am Black Friday soll laut Schätzungen online erzielt werden. Das entspricht 88 Millionen Franken. Konsumenten sparen auf den Black Friday hin, wie Julian Zrotz von Blackfridaydeals.ch zu 20 Minuten sagt: «Das Interesse am Black Friday ist bereits im Vorfeld riesig.» Die Schweizer Plattform Rabattcorner hat für dieses Jahr einen Service lanciert, der das Cashback-Prinzip mit Black-Friday-Angeboten kombiniert. Cashback bedeutet: Die Website vermittelt die Besucher an Onlineshops, kassiert dafür eine Provision und teilt diese dann mit den Shoppern. Schweizer können am Black Friday auch direkt von Rabatten in den USA profitieren: Die US-Firma Big Apple Buddy ermöglicht es Online-Shoppern, bei Händlern aus dem Heimatland des Black Friday zu bestellen. Singles' Day 2018: Nach nur einer Stunde knackte Alibaba beim verkauften Gesamtwarenvolumen die Marke von 10 Milliarden Dollar. Das ist fast die Hälfte des Umsatzes, den Alibaba am Singles' Day 2017 erwirtschaftete. Über die gesamten 24 Stunden gaben Konsumenten vergangenes Jahr zum «11.11. Global Shopping Festival» von Alibaba rund 24 Milliarden Dollar aus. Auch in der Schweiz ist der Singles' Day angekommen: Über 50 Händler boten dieses Jahr Spezialangebote zum 11. November, darunter Vögele-Shoes, Media-Markt und Dosenbach. Der Singles' Day hat seinen Ursprung an chinesischen Universitäten. Sein Zweck war zu Beginn, den Single-Status der Studenten zu feiern. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Feiertag zum Grossevent gemausert. (Im Bild: ein Shopping-Festival von Alibaba in Shanghai.) Der Singles' Day am 11. November ist vor allem im asiatischen Raum sehr bekannt und beliebt. Letztes Jahr erzielte die Alibaba Group in 24 Stunden einen Umsatz von 25 Milliarden US-Dollar. Jetzt kommt dieser Shopping-Tag auch in die Schweiz. Weltweit wird am Singles' Day mehr Umsatz erzielt als am Black Friday. Das Datum 11.11. mit den vielen Einsen soll die Freiheit eines Singles symbolisieren. Da der Singles' Day in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel, war er 2018 primär ein Onlineshopping-Event. Für Onlineshops ist der Sonntag klassischerweise der wichtigste Wochentag. Die Spezialangebote von Black Friday und Singles' Day klingen manchmal besser, als sie in Wirklichkeit sind. Die Preisreduktionen beziehen sich in vielen Fällen nicht auf den aktuellen Marktpreis, sondern auf die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers. Dieser kann oft merklich höher sein, weshalb die Aktion grosszügiger wirke, als sie wirklich ist. Vor allem im Elektronikhandel fallen Preisunterschiede auf. Ein Preisvergleich lohnt sich. Und man sollte sich nicht von psychologischen Tricks beeinflussen lassen. Der Black Friday ist eine US-Tradition. Inzwischen etabliert sich das Phänomen auch in der Schweiz. In den USA warten die Kunden oft schon um Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden auf die Öffnung der Geschäfte, um das beste Schnäppchen zu ergattern. Teilweise harren sie dabei auch in der Kälte aus ... ... und freuen sich dann, wenn sie zum Beispiel einen günstigen Fernseher abstauben können.

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Rote Rabattschilder, Sales-Countdowns und stündliche Sonderaktionen: Detail- und Onlinehändler überbieten sich gegenseitig mit Spezialangeboten. Der Höhepunkt der Rabattschlacht wird der Black Friday am 23. November sein. Doch Experten mahnen zur Vorsicht: Nicht jeder Rabatt ist auch ein Schnäppchen. Mit diesen Tricks versuchen Händler, ihren Kunden ein tolles Angebot vorzugaukeln, das in Wirklichkeit gar nicht so lukrativ ist, wie es klingt:

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• Mondpreisvergleich
Bei vielen Sonderangeboten ist angegeben, wie hoch der Preis vor der Reduktion war. Das nennt sich Ankereffekt, wie Christian Weibel, Experte für Preispsychologie an der Hochschule Luzern (HSLU), zu 20 Minuten sagt. «Experimente haben gezeigt, dass der Ankerpreis völlig willkürlich gewählt sein kann», so Weibel. Konsumenten würden sich trotzdem daran orientieren, auch wenn das Produkt auf dem Markt gar nicht so viel kostet.
Solche Preise werden oft als Mondpreis bezeichnet, weil sie so nirgends auf der Erde zu finden sind (siehe Box). Der Samsung-Fernseher The Frame mit 55 Zoll Bildschirmdiagonale etwa kostet im Online-Preisvergleich von Google nicht mehr als 1800 Franken. Ein Schweizer Händler bietet ihn beispielsweise derzeit für 1699.90 Franken an. Ausgewiesen ist aber ein Originalpreis von 1999 Franken – das wären 15 Prozent Rabatt. Bei einem Marktpreis von 1800 Franken sind es in Wirklichkeit aber eher 6 Prozent. Der Kunde spart also nicht 300, sondern 100 Franken.

Haben Sie schon einmal bei einer Rabattaktion zugeschlagen und sich dann geärgert, weil der gleiche Artikel woanders noch billiger war oder weil der Preis doch nicht so gut war, wie Sie meinten? Was haben Sie gekauft, und was war das Problem?

• Tiefpreisgarantie
Ein klassischer Trick ist es, einen Artikel mit sogenannter Tiefpreisgarantie anzubieten: Falls der Kunde den Artikel nach dem Kauf irgendwo günstiger findet, erstattet der Händler ihm die Differenz. «Die meisten Kunden sehen das und denken, dass es sich wohl um den besten Preis auf dem Markt handeln muss», sagt Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, zu 20 Minuten. Darum prüft die Grosszahl der Konsumenten die Preise bei der Konkurrenz gar nicht. Selbst wenn der Händler das Produkt über Marktpreis verkauft und ein paar Kunden die Differenz zurückfordern, kann er mit diesem psychologischen Trick viel Gewinn auf Kosten der Konsumenten machen.

• Zeitdruck
Warnungen wie «Nur noch wenige Exemplare verfügbar» oder «Deal endet in einer Stunde» verlocken Konsumenten, impulsiv zuzugreifen. Davon sollen sich Kunden nicht beeinflussen lassen und vor dem Kauf unbedingt einen Preisvergleich machen, allenfalls noch vor Ort per Handy, wie Julian Zrotz von Blackfridaydeals.ch zu 20 Minuten sagt. Zudem komme es gerade bei kleineren Händlern vor, dass es auch zwischen Black Friday und Weihnachten noch einmal eine ähnlich gute Aktion für das eine oder andere Produkt gebe. Wer sich nicht sicher ist, muss also nicht unbedingt schon einen Monat vor Weihnachten zugreifen, auch wenn die Händler oft so tun, als wäre die Gelegenheit einmalig.

• Markierungen
Ausser den Rabattschildern sind Produkte auch noch mit allen möglichen anderen Labels markiert – diese Woche etwa mit prominenten Black-Friday-Stickers. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass es sich um ein Sonderangebot handelt oder dass man auch tatsächlich spart. Laut Weibel von der HSLU reicht es sogar, wenn Händler Produkte auf einem eigenen Stand in der Mitte des Ladens platzieren. «Der Kunde nimmt an, dass es sich um ein gutes Angebot handeln muss, weil der Händler es ja hervorhebt», so der Experte.

• Zifferntricks
Preise enden auch in der Schweiz oft auf 95 oder 99 Rappen. Der Grund dafür ist simpel, wie Weibel erklärt: «Der Kunde liest den Preis von links nach rechts und hat die Tendenz, auf die erste Zahl abzurunden, die er sieht.» Ein Fernseher für 1999.95 Franken ist in der psychologischen Wahrnehmung des Konsumenten also näher bei 1000 als 2000 Franken.

• Distanz
Gerade im Onlinehandel werden in der Black-Friday-Woche riesige Umsätze erzielt. Ein Vorteil, den der Online-Handel hat, ist die Distanz. Der Kunde muss nicht ins Geschäft und bezahlt bargeldlos. «Dadurch nimmt das psychologische Schmerzempfinden beim Bezahlen ab», erklärt Weibel. Beim Online-Shopping oder bei Kartenzahlung tut das Geldausgeben weniger weh.


So sah es im Sihlcity in Zürich am Black Friday vor einem Jahr aus. (Video: rkn)

4 Fragen an den Experten

Christian Weibel ist Experte für Preispsychologie an der Hochschule Luzern.

Wieso lassen wir uns von Aktionen blenden?
Wenn wir Rabatte wahrnehmen, wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert und gleichzeitig nimmt die vom Frontalhirn regulierte Selbstkontrolle ab. Rabatte werden als etwas Positives wahrgenommen und der Kauf von rabattierten Produkten wird dadurch zu einer positiven Erfahrung, die glücklich macht.

Und wenn man verzichtet?
Dann ist es umgekehrt: Rabatte nicht zu beziehen, wird als Verlust wahrgenommen. Man hat das Gefühl, man verpasse etwas. Das ist das Resultat der evolutionären Entwicklung des Gehirns.

Nutzen Händler das aus?
In einem gewissen Sinn schon. Eigentlich sollten Händler transparent sein und bei Aktionen den Marktpreis angeben. Allerdings geschieht das in der Praxis eher selten. Aber der Kunde hat immer die Möglichkeit, selbst einen Preisvergleich zu machen.

Haben Rabatte auch negative Effekte?
Für den Kunden ist es nicht nachhaltig, wenn er alle möglichen Produkte bei sich zuhause rumstehen hat, die er gar nicht braucht. Das kostet Geld und kann auch schlecht für die Umwelt sein. Je nachdem, wie sich die Rabattkultur in der Schweiz entwickelt, könnte es auch sein, dass die Kunden immer mehr Rabatt erwarten, was für die Händler schwierig sein könnte.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stefan Gerber am 20.11.2018 06:50 Report Diesen Beitrag melden

    Macht ihr euren Blackfriday

    Ich geniesse diesen kalten Tag mit einem heissen Tee und schaue mir genüsslich der wirtschaftsgesteuerten Schafherde zu, wie sich gegenseitig um Rabatte zerfleischen!

    einklappen einklappen
  • Herr Max Bänzli Total Live am 20.11.2018 05:57 Report Diesen Beitrag melden

    2 Tage überdenken noch

    am besten kauft man etwas wenn man es braucht wirklich

    einklappen einklappen
  • Marc C. am 20.11.2018 06:45 Report Diesen Beitrag melden

    Nur keine Hektik

    Ich weisse welchen Artikel ich brauche und hoffe auch dieses Jahr ein Schnäppchen zu machen. Kenne aber die momentanen Preise und weiss schnell, ob es sich lohnt. Da kann der Händler tricksen wie er will. Vielleicht hab ich ja Glück. Ich nichts Weltbewegendes oder dringend.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jürgen Vonburger am 21.11.2018 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Echte Deals!

    Zwischen Händler und Lieferanten gelten beim Black Friday spezielle Konditionen. Wenn ich jedoch etwas elektronisches in einem Laden kaufe der sonst nicht oft solche Sachen verkauft, wird man tatsächlich eher veräppelt. Geht man jedoch in einen Media Markt dann hat man wirklich gute Rabatte welche nur in diesem Zeitraum gültig sind. Es sind ersparnisse bis zu 40% möglich. Einfach mal dieses ganze Geschwafel über die bösen "Händler" überdenken... ich kaufe viele Sachen beim Black Friday, meistens bei Interdiscount oder Media Markt

  • Samuel K. am 21.11.2018 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    Wieder so ein absurder Import aus USA...

    Dieser "Black Friday" ist ein Superbetrug. Mit der Dummheit der Leute macht man immer noch die besten Geschäfte.

  • Swamy Singh am 21.11.2018 04:57 Report Diesen Beitrag melden

    Geizhals

    Was nicht gratis ist, das kauf ich schon gar nicht.

  • CleverNews am 21.11.2018 00:03 Report Diesen Beitrag melden

    Achtung: Full-Moon-Friday

    ... nicht Black-Friday sondern Full-Moon-Friday (FMF)

  • Daniel am 20.11.2018 19:44 Report Diesen Beitrag melden

    Das sind alles altbekannte Tricks...

    wer auf solche Rabatt Tage reinfällt, ist selber Schuld. Ich kaufe mir das Notwendige und lasse mich nicht zu undurchdachten Käufen an bestimmten Tagen zwingen. Solche Aktionen zeigen in aller Deutlichkeit, wie dumm gewisse Konsumenten sind.