Abzocker-Initiative

08. Februar 2013 17:34; Akt: 08.02.2013 18:41 Print

«Dann übernehmen andere Manager das Ruder»

Die Abzocker-Initiative hätte gravierende Folgen. Das besagt eine von Economiesuisse und Gewerbeverband in Auftrag gegebene Studie. Stimmt nicht, sagt Ökonom Christian Müller.

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Gemäss Umfragen haben die Befürworter der Abzocker-Initiative die Nase vorne. (Bild: keystone)

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Herr Müller*, Economiesuisse und der Schweizerische Gewerbeverband behaupten, dass die Abzocker-Initiative die unternehmerische Freiheit derart stark einschränkt, dass sich die Rahmbedingungen für börsenkotierte Aktiengesellschaften in der Schweiz massiv verschlechtert. Teilen Sie diese Auffassung?
Die Minder-Initiative zielt im Wesentlichen darauf ab, Verantwortlichkeiten innerhalb börsenkotierter Unternehmen verbindlicher zu regeln. Insbesondere soll es in Zukunft einen direkteren Draht zwischen Eigentümern und Management geben. Dadurch werden die Aktiengesellschaften den KMU wieder etwas ähnlicher, vielleicht sogar ein bisschen schweizerischer.

Die Unternehmen müssen also keine Abstriche machen?
Innerhalb der neuen Rahmenbedingungen sehe ich faktisch keine Einschränkungen der unternehmerischen Freiheit. Mein Eindruck ist, dass die Schweiz bei Annahme der Initiative für bestimmte Managementkulturen unattraktiv wird, aber dann übernehmen eben andere Managertypen das Ruder, so flexibel ist der Markt mit Sicherheit.

Die Initiative wird dem Schweizer Wirtschaftsstandort also nicht schaden?
Im schlimmsten Fall gibt es ein paar symbolische Störmanöver, aber welcher Manager würde sich die erlauben unter den neuen Abstimmungsregeln? Sollte es wirklich zu Abwanderungen kommen, könnten die Aktionäre das ohne weiteres verhindern, indem sie Vergütungen entsprechend hoch ansetzten. Weniger fähige Manager würden es in Zukunft sicherlich schwerer haben, sich auf dem Markt zu halten. Aber ich denke, das dient eher dem Unternehmertum als es ihm schadet.

Die neuen Rahmenbedingungen würden sich also nicht negativ auf die Schweizer Unternehmen auswirken?
Man muss zwischen Unternehmen und Management unterscheiden. Für Unternehmen ist die Schweiz nach wie vor unglaublich attraktiv. Viel bedrohlicher für die Schweizer Unternehmen wäre etwa der Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA, oder die Kündigung der bilateralen Verträge, weil dann die Integration der Schweiz in die Weltwirtschaft beeinträchtigt wird. Die Anforderungen an Manager würden sich dagegen ändern, vielleicht steigen, doch vor dem Problem stehen alle Arbeitnehmer seit Jahren.

20 Minuten Online hat sich umgehört: Viele KMUs, aber auch börsenkotierte Firmen sagen: Sie seien zurzeit mit grösseren Herausforderungen als der Abzocker-Initiative konfrontiert.
Wie man hört, überlegt Swatch, sich zu dekotieren, und zwar aufgrund von Rechnungslegungsvorschriften, die notabene von der Privatwirtschaft diktiert werden. Soweit ich sehen kann, gibt es wirklich grössere Herausforderungen, wie etwa die Wechselkursentwicklung.

*Christian Müller ist Ökonom und Dozent für Wirtschaft an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Jacobs University Bremen.

(sza/wal)