Abseits von dolce vita

17. November 2011 01:46; Akt: 17.11.2011 08:09 Print

Berlusconis trauriger Nachlass

Sie stehen vor Suppenküchen, verschuldet, die Suche nach Arbeit haben sie aufgegeben. Sie sind die Armen Italiens, unbemerkt von Touristen und ignoriert von den Bonzen der Politik.

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Eine Szene aus dem «reichen Norden». Ein Obdachloser schläft vor einem Laden in Mailand. (Bild: Keystone)

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Mit der vom Milliardär Silvio Berlusconi ausgemalten Überflussgesellschaft, in der «die Restaurants immer voll sind», hat ihre Wirklichkeit nicht viel zu tun. Oder um mit Francesca Zuccari zu sprechen, die in Rom eine Suppenküche betreibt: «Es gibt da draussen noch eine andere Stadt, in der die Leute nicht bis zum Monatsende hinkommen.»

Das ist das Italien, mit dem es Mario Monti zu tun bekommt. Der Wirtschaftsprofessor soll es richten und als Chef einer Expertenregierung das Land aus dem Schuldensumpf ziehen. Die Frage bleibt, ob die Politiker seine erwarteten schmerzhaften Reformen mittragen werden auf die Gefahr hin, den sozialen Frieden aufs Spiel zu setzen.

Auf der einen Seite erwarten die Hersteller von Luxusgütern einen Zuwachs ihrer Exporte, und viele Reiche wollen ihr Geld in Immobilien in New York oder Paris investieren.

Auf der anderen Seite leben nach Zahlen des Statistikamts acht Millionen Menschen, das sind fast 14 Prozent der Bevölkerung, in «relativer Armut». Sie mögen in den Touristenhochburgen der Toskana, in Venedig oder an der Amalfiküste nicht auffallen, wohl aber in zunehmendem Mass im Strassenbild der Städte.

Absturz im Süden

Viele Italiener beginnen ihr Erspartes vom Konto zu räumen, aus Angst, die Massnahmen gegen die Schuldenkrise könnten wie schon in den 90er Jahren mit Abschlägen auf Bankguthaben verbunden sein. «Sie stopfen es unter die Matratze oder in leere Weinkrüge im Keller. Wir sind ein Land der Bauern», meint Elio Lannutti, Chef der Konsumentenschutzorganisation Adusbef.

Hilfsorganisationen packen Lebensmittelpäckchen für die Armen. Die Nachfrage danach ist in den vergangenen paar Jahren um 20 Prozent gestiegen, wie Zuccari berichtet. Neben Einwanderern stehen jetzt auch gut gekleidete Italiener danach Schlange.

Immer mehr Familien könnten laut Caritas eine unerwartete Ausgabe von 700 Euro etwa für Arztrechnungen oder Autoreparaturen nicht aufbringen, ohne sich Geld zu borgen. «Wirklich dramatisch dabei ist der geographische Unterschied», sagt Caritas-Vertreter Walter Nanni.

Im Trentin im Norden könnten 18 Prozent der Haushalte diese Summe nicht plötzlich aufbringen, in Sizilien aber 48 Prozent. «Der Süden zeigt in besonderer Weise zunehmende Anzeichen wirtschaftlicher und sozialer Verwundbarkeit», bemerkte der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Monsignor Mariano Crociata, in einem Armutsbericht im Oktober.

Überaltert und ausgeblutet

Sicher, Italien geht es noch besser als Griechenland oder Portugal. Doch auch seine Aussichten sind nicht gerade glänzend, vor allem weil Fachkräfte abwandern und die Jugend zunehmend an den Rand gedrängt wird.

Eine Gerontokratie hält die Schlüsselposten besetzt, sodass Beschäftigte noch mit Mitte 40 als vielversprechende Nachwuchskräfte gelten. Nicht anders in der Politik: Monti ist 68, Berlusconi 75, Staatspräsident Giorgio Napolitano 86 Jahre alt.

Viele jüngere Fachkräfte aus Bereichen wie Medizin, Wissenschaft und Technik wandern in Länder aus, die ihnen bessere Chancen bieten. Und die Aussichten derer, die bleiben, schwinden zusehends. Die Zentralbank berichtete kürzlich, dass fast einer von vier Bürgern unter 30 Jahre - das sind 2,2 Millionen Menschen - weder in Ausbildung noch in Arbeit ist.

Demos erwartet

Die grosse Mehrheit von ihnen wohnt noch bei den Eltern - und ein Viertel lebt in einer Familie, in der gar niemand arbeitet. Ein Universitätsabschluss hilft nicht viel: Auch 20 Prozent der Hochschulabsolventen sind arbeitslos.

Viele Unternehmen nutzen den Umstand, dass Anwälte vor dem Abschlussexamen ein zweijähriges Praktikum nachweisen müssen, und bekommen so unbezahlte Arbeitskräfte. So wird als Reformmassnahme auch die Entlohnung von Praktika erörtert.

«Mit Monti besteht wenigstens ein bisschen Hoffnung, weil er kein Politiker ist, der unter Druck der Lobbys steht», glaubt Francesco Bureca, der trotz seines Abschlusses einer Elite-Uni keine Stelle findet.

Der harte Kern der Linken hegt allerdings keine grossen Erwartungen, dass es den Armen unter der neuen Regierung besser gehen würde. «Die Regierung Monti ist aus dem Auftrag der (Industrievereinigung) Confindustria und der Banken geboren», erklärt der Vorsitzende der kleinen Kommunistischen Arbeiterpartei, Marco Ferrando.

Er hat zu neuen Protesten aufgerufen. Die letzten grossen Krisen- Demonstrationen im Herbst endeten auf den Strassen Roms in blutigen Krawallen.

(ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hampi Stoffel am 17.11.2011 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    Lehrstück Italien

    Den Italienern ist es noch nie so gut gegangen wie heute, wenn ich den Wohlstand in Norditalien sehe. Vermutlich hat Italien jedoch auch zu viel auf Pump gelebt, was in der EU ja ganz normal ist. Dies sollten eigentlich auch wir Schweizer tun, um den Franken nachhaltig zu schwächen. Mein Vorschlag: die Nationalbank soll jedem Bürger, der in den letzen 20 Jahren seine Steuern ohne Mahnung bezahlt hat, 1 Million Franken in bar auszahlen. So müssten wir die Milliarden Kursverluste nicht an Devisenhändler im Ausland verschenken, sondern selber mal von unserem nationalen Sparschwein profitieren

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  • Signor Monti am 17.11.2011 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    Böser Silvio...oder doch nicht?

    Von 2000 bis Mitte 2008 sank die Arbeitslosenquote in Italien von 10 Prozent auf rund 6 Prozent (Quelle: Eurostat).

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  • denk-doch-mal am 17.11.2011 08:44 Report Diesen Beitrag melden

    glaubt...

    ... wirklich jemand, dass es mit dem goldman-sachs-mann für das italienische volk besser wird? jetzt erst recht wird das volk bluten. es gibt keine gewählten politiker mehr, es gibt nur noch «fachleute», die alle zu gleichen oder ähnlichen organisationen gehören... die selben wie übrigens auch in griechenland. es wird kalt in europa.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Michael Palomino (*1964) am 17.11.2011 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Sie liessen sich gerne blenden

    Italien und Lira - das passt. Italien und Euro - das passt nicht. Nicht nur Berlusconi hat versagt, sondern die grosse Mehrheit von Italien liess sich von ihm blenden - und sie liessen sich gerne blenden, um die Wahrheit zu vergessen. Und die Mafia hat ihre Arme heute auch in Brüssel - um die Wahrheit zu manipulieren. Prost Euro-Pa.

  • K. Egli am 17.11.2011 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Hetze gegen "Experten"

    Auch in diesem Artikel findet man wieder die hetzerischen Töne von "Berufspolitikern" (egal ob von links oder rechts) gegen Experten. Anscheinend haben die parlamentarischen Sesselwärmer Angst davor, dass Aussenstehende ihren Job weitaus besser machen könnten. Weniger Parteitheater und mehr pragmatische Sachorientierung werden wohl ein Zukunftsmodell werden, weil unsere Probleme viel zu komplex sind, um sie ideologischen Parteiquasslern zu überlassen.

  • Montevideo am 17.11.2011 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaft von Heuchlern

    Wie immer wird versucht, die Schuld auf eine Person abzuschieben. In vielen Staaten verteilt man seit Jahren Wohlstand (den man sich schon lange nicht mehr erarbeitet) auf Pump. Schuld daran sind nicht "die Reichen" oder ein abstrakter Staat, sondern die Tatsache, dass sich die Leute gerne belügen lassen.... solange man profitiert oder die eigene Ideologien bestärkt wird. Man glaubt ja schliesslich auch gerne, dass mit ein paar Windrädli und Solapanels auf dem Hausdach das Energieproblem gelöst wird. Nicht weil dies besonders realistisch ist, aber halt so schön zu glauben.

  • Don Dan am 17.11.2011 10:51 Report Diesen Beitrag melden

    Armer Süden

    Im Süden nichts Neues.. die Mafia saugt die Leute und damit den Staat leer, bei einer Übernachtung unterwegs darf man eine Quittung weder verlangen noch erwarten: die Leute können sonst nicht überleben, wenn sie nebst der Mafia auch noch den Staat alimentieren müssen. Ein Teufelskreis. Die Politik der vorschlossenen Augen und Ohren, der Korruption und Mafia. Nichts neues..

  • Hampi Stoffel am 17.11.2011 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    Lehrstück Italien

    Den Italienern ist es noch nie so gut gegangen wie heute, wenn ich den Wohlstand in Norditalien sehe. Vermutlich hat Italien jedoch auch zu viel auf Pump gelebt, was in der EU ja ganz normal ist. Dies sollten eigentlich auch wir Schweizer tun, um den Franken nachhaltig zu schwächen. Mein Vorschlag: die Nationalbank soll jedem Bürger, der in den letzen 20 Jahren seine Steuern ohne Mahnung bezahlt hat, 1 Million Franken in bar auszahlen. So müssten wir die Milliarden Kursverluste nicht an Devisenhändler im Ausland verschenken, sondern selber mal von unserem nationalen Sparschwein profitieren

    • Zehdner markus am 17.11.2011 14:12 Report Diesen Beitrag melden

      Tzzz

      ich denke sie waren noch nie in italien herr stoffel

    • sergio am 17.11.2011 15:01 Report Diesen Beitrag melden

      Italia in der Misere

      Ach ,den Italiener ist es noch nie so gut gegangen wie heute?Du bist wohl schon lange oder noch nie dort gewesen.Es geht nur im Norden den Italiener ein wenig besser.Der Mittelitalien und der Süden leiden seit Generationen.Jedesmal wenn ich in den Süden gehe,habe ich das Gefühl, ich bin wieder in den 60er.Anstatt in die Zukunft geht man dort unten Schritt um Schritt in die Vergangenheit.Nur das macht die Mafia so erfolgreich,die haben immer mehr Geld und können daher die jungen Leute anwerben,weil sonst niemand hilft.

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