Staat vor dem Bankrott

07. Oktober 2008 19:36; Akt: 07.10.2008 20:09 Print

Kaufen die Russen Island?

Die Finanzkrise hat Island als ersten Staat an den Rand der Pleite getrieben. Alle Hoffnungen der Bürger hängen an der Verstaatlichung der Banken per Notstandsgesetz und einem noch nicht sicheren Milliardenkredit aus Moskau. Es herrscht Chaos pur.

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Blick auf Reykjavik.

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«Es besteht eine sehr reelle Gefahr, meine Mitbürgerinnen und Mitbürger, dass die isländische Wirtschaft im schlimmsten Fall mit den Banken in einen Abwärtssog gerät und das Ergebnis ein Staatsbankrott sein könnte», schlug Regierungschef Geir Haarde in einer «Botschaft zur Lage der Nation» düstere Töne an.

Dabei klärte der konservative Politiker sein Volk ungeschminkt über die heimische Besonderheit der derzeitigen Krise auf: Die drei in akute Schwierigkeiten geratenen Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir sind durch ihre gewaltigen Kredit-Aktivitäten im Ausland so gewachsen, dass der kleine isländische Staat sie unmöglich retten kann.

«Viele Menschen werden sehr viel Geld verlieren», sagte Haarde. Dass er das extrem aggressive Wachstum der heimischen Banken noch vor wenigen Monaten als Beispiel für «typisch isländischen Unternehmermut» gefeiert hatte, erwähnte er sogar noch verschämt am Rande mit.

Possenspiel

Das Possenspiel um einen russischen Kredit über vier Milliarden Euro wenige Stunden später dürfte weder die Glaubwürdigkeit von Haarde noch die der Nationalbank gestärkt haben. Sie verkündete am Vormittag in Reykjavik, die Geldspritze aus Russland sei sicher, einschliesslich des Segens von Regierungschef Wladimir Putin.

Als aus Moskau die Mitteilung kam, man wisse von nichts, trat Haarde kleinlaut vor die Presse: Man habe lediglich Verhandlungen über einen Kredit vereinbart, die alsbald beginnen sollten.

Ob die Fehlinformation bewusst gestreut wurde, um mit der angeblichen russischen Zusage anderswo Geld locker zu machen, oder ob sie einfach nur Ausdruck von Chaos in Islands Finanzsystem war: Die Sorgen der Bürger wurden dadurch bestimmt nicht geringer.

Sie hatten in den vergangenen Tagen auch schon vernehmen müssen, dass die «Experten» eigentlich nur einen Ausweg sehen: Islands als höchst solide geltenden Pensionsfonds sollen ihre im Ausland angelegten Mittel flüssig machen, damit irgendwie wieder Geld in die Kassen kommt.

Hoher Preis für Sorglosigkeit

Auch der Renten-Sparstrumpf des kleinen Landes könnte zum Preis für die Sorglosigkeit gehören, mit der isländische Banker und andere Unternehmer in den vergangenen Jahren auf Pump investiert haben. Wie eine kleine und bittere Pointe wirkt der Hilferuf an Russland.

Möglicherweise schliesst sich hier ein Kreis, denn schon beim Start des isländischen Finanz- und Wirtschaftsbooms mit sagenhaften Unternehmenskäufen im Ausland hatte es geheissen, dass hier russische Mafia-Gelder in «weisse» Kanäle geschleust worden seien. Aber das wurde in Reykjavik auch vom Ministerpräsidenten immer wieder entrüstet abgewiesen.

(sda)