Sturm auf die Zentralbank

02. Dezember 2008 15:19; Akt: 02.12.2008 15:28 Print

Vom Schock zum Protest in Island

Der kollektive Schock für die Isländer nach dem Zusammenbruch der Banken und dem bedrohlich nahen Staatsbankrott weicht immer mehr der Erbitterung und militanten Protesten.

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«Das Aggressionspotenzial ist enorm. Die Leute sind zornig, dass ein ganzes Volk für das Roulettespiel von Bankern und die Tatenlosigkeit der Regierung bezahlen muss», meint Gottskálk Jensson von der Universität Reykjavik. Am Montagabend drangen erstmals Demonstranten in das Gebäude der Zentralbank ein.

Bei einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage erklärten nur noch 32 Prozent der Befragten, dass sie Vertrauen zur Regierung haben. Mit 33 Prozent wurden die oppositionellen Linksgrünen bei der Umfrage stärkste Partei.

Der Zorn der 320 000 Bürger auf der Atlantikinsel bekommt seit dem Zusammenbruch der drei grössten Banken im Oktober täglich und reichlich neue Nahrung. Die Arbeitslosenzahlen explodieren. Viele Unternehmen können nichts mehr importieren, weil die isländische Krone als Zahlungsmittel fast wertlos geworden ist.

Ministerpräsident Geir Haarde verlangt von den Ministerien Sofort-Vorschläge für Ausgabenkürzungen um zehn Prozent. Immer mehr Familien müssen ihre Wohnungen und Häuser räumen, weil sie die Kreditkosten in Auslandswährungen nicht mehr tragen können.

Geschäfte bieten ihr komplettes Sortiment im Weihnachtsmonat mit 50 Prozent Rabatt an, damit überhaupt jemand kauft. Junge Isländer müssen Auslandsstudien abbrechen, weil ihre heimischen Stipendien nichts mehr wert sind.

«Verrücktes Schuldensystem»

Das alles, weil die drei grössten Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir zusammen mit einer Handvoll «wagemutiger» Finanz- Jongleure gigantische Auslandskredite zur Finanzierung ihre Expansionsgelüste aufgenommen haben.

Nach dem Zusammenbruch dieses Kartenhauses übersteigen die Schulden der drei Banken jetzt Islands Bruttonationalprodukt um mehr als das Zehnfache. Der Staat musste sie übernehmen.

Vielen Isländern dämmert nach langen Boomjahren mit kräftig steigendem Wohlstand erst langsam, dass die Verschuldung ihres Landes vielleicht auf Generationen bleiben wird.

«Was wird die Mittelklasse politisch tun, wenn sie erkennt, dass sie künftig mit negativem Eigenkapital leben muss?» fragt der Spar- Berater Ingólfur Ingólfsson. Er hat vergeblich bei der Regierung dafür geworben, umgehend die Inflationsbindung von Privatkrediten zu stoppen.

Ohne schnelle konkrete Hilfe für die gebeutelten Normalbürger befürchtet Ingólfsson weit schlimmere Schäden als eine Weile negatives Wirtschaftswachstum: «Wir verlieren die jungen Leute, wenn wir nichts gegen dieses verrückte Schuldensystem tun. Die werden verschwinden.»

Medien werden ignoriert

Viele Bürger seien der täglich niederschmetternden Nachrichten so überdrüssig, dass sie Fernsehen, Radio und Zeitungen einfach ignorierten, berichtet Uni-Forscher Gottskálk Jensson. Den Medien steht das Wasser wegen des Banken-Zusammenbruchs selbst buchstäblich bis zum Halse.

Islands grösste Zeitung «Morgunbladid» konnte im Monat vor Weihnachten die Gehälter nicht mehr pünktlich zahlen. Der führende Radio- und TV-Sender RUV kündigte gleichzeitig einem Viertel der Journalisten in den Nachrichtenredaktionen. Live-Übertragungen von Sport wird es bei RUV nicht mehr geben. Zu teuer.

(sda)