Kampf um Mindestkurs

10. Juni 2012 11:07; Akt: 10.06.2012 11:07 Print

«... dann gäbe es ein Blutbad»

Die Anbindung des Frankens an den Euro wird heiss diskutiert. Gegner und Befürworter warnen vor den Folgen. Während Peter Spuhler vor Arbeitslosen warnt, sieht Oswald Grübel bereits das Ende des Euro.

teaser image

Zum Thema
Fehler gesehen?

Gäbe die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Untergrenze von 1.20 Franken pro Euro mitten in der grössten europäischen Krise auf, würde sich der Franken erheblich aufwerten. Das hätte für Schweizer Unternehmen, Pensionskassen und Haushalte massive Folgen. Die Schweiz gehört gemessen an ihrer Grösse zu den bedeutendsten Netto-Gläubigern der Welt.

«Wenn der Franken von 1.20 je Euro auf 1.00 sinken würde, müsste man bei den Schweizer Auslandguthaben, die in Euro gehalten werden, netto mit einem Wertverlust von 106,6 Milliarden Franken rechnen», sagt Cédric Tille, Professor am Genfer Graduate Institute for International and Development Studies, der «NZZ am Sonntag». Zwar handelt es sich dabei um Buchverluste, die mit einer Erholung des Euro-Franken-Kurses wieder verschwinden würden. Angesichts der strukturellen Probleme in der Euro-Zone könnten bis dahin jedoch Jahre vergehen.

Spuhler befürchtet «Blutbad»

Besonders betroffen von einer Aufgabe des Mindestkurses wäre die Exportindustrie. Sie will mit allen Mitteln daran festhalten – zumindest auf absehbare Zeit. Stadler-Rail-Chef und SVP-Nationalrat Peter Spuhler sagt gegenüber dem «Sonntag»: «Würde der Mindestkurs jetzt aufgehoben, gäbe es ein Blutbad. Der Euro würde von 1.20 auf 1 Franken oder gar auf 90 Rappen stürzen», vermutet er. «Das würde bedeuten: Die Exportwirtschaft und der Tourismus wären tot.»

Und zur SonntagsZeitung sagt er: «Wenn die Nationalbank die Untergrenze nicht mehr verteidigt und der Euro auf 1.00 Franken oder tiefer fällt, dann wird von den 350 000 Arbeitsplätzen in der Schweizer Maschinen-, Elektronik- und Metallindustrie die Hälfte verschwinden.»

Mittelfristig, so Spuhler, sehe die Sache anders aus. «Die Teuerung ist in der Eurozone höher als in der Schweiz.» Der Wechselkurs hänge von den Kaufkraftparitäten ab: «Es wäre möglich, dass sich der Euro-Kurs in vier bis fünf Jahren bei 1 Franken einpendelt.» Auch Bundesrätin Doris Leuthard verteidigt die Euro-Untergrenze. Auf die Frage des «Sonntags», ob die SNB nicht eine Exit-Strategie für einen Ausstieg aus der Kursbindung haben müsse, sagt die Bundesrätin: «Vielleicht hat ja die Nationalbank eine Exit-Strategie, aber dazu sollte man besser schweigen.»

Gewerbeverband fällt Nationalbank in den Rücken

Aber auch die Gegner der künstlichen Untergrenze melden sich in den Sonntagszeitungen zu Wort. Thomas Borer, der ehemalige Botschafter, heute international vernetzter Berater, sagt: «Mit Stützungsaktionen kann man eine Währung über ein paar Monate oder vielleicht ein Jahr lang stabil halten, aber – wenn die Marktkräfte anders wollen – nicht länger», sagt er.

Und überraschenderweise bläst auch der Gewerbeverband (SGV) in dasselbe Horn: In einem 10-Punkte-Papier, das der SonntagsZeitung und der NZZ am Sonntag vorliegt, fordert SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler eine Exitstrategie aus der Euro-Anbindung. Die «aufgeblähte Bilanz» der SNB sei «mit einer Blase zu vergleichen, deshalb stellt die Notenbank heute die grösste Bürde für die Öffentlichkeit dar», so Bigler. Die SNB sei zu einem «eigenkapitallosen Ungetüm» geworden und bedrohe die Schweizer Wirtschaft. «Wir gehen beträchtliche Inflations- und Rezessionsrisiken ein.» Zudem wirft er der SNB Kompetenzüberschreitungen vor, etwa mit dem Eingriff in die Bankenregulierung.

«Eine künstliche Währung hat noch nie lange überlebt»

Auch Ex-UBS-Chef Oswald Grübel, der mit seinen Äusserungen vor einer Woche die hitzige Debatte ausgelöst hatte, feuert weiter gegen den Euro. Er stellt sich grundlegende Fragen zur Einheitswährung. Dass diese in den nächsten zwei, drei Jahren verschwinden werde, glaubt er nicht. «Aber die Geschichte lehrt uns, dass eine künstliche Währung oder ein Währungsverbund noch nie lange überlebt haben. Meistens sind sie nach 5 bis 25 Jahren wieder zerfallen. Wenn das geschehen würde, wäre es ein vernichtender Schlag für das heutige Europa und würde uns um über 60 Jahre zurückwerfen, politisch und wirtschaftlich.»

Die Folgen wären laut Grübel verheerend: «Wirtschaftskriege würden unser Vermögen zerstören, unsere gewohnte Bewegungsfreiheit einschränken und wir würden den Beweis erbringen, dass die Europäer gemeinsam nichts zustande bringen – und deshalb unzuverlässig sind.» Die 17 Staaten im Euroraum sind laut Grübel zurzeit in einer Zerreissprobe. «Wie kann man 17 Demokratien unter einer Währung vereinen, wenn man sich noch nicht einmal über ein gemeinsames Rentenalter einigen kann?“ schreibt Grübel. „Für die EU gibt es keine Wahl: Sie muss, egal wie hoch die Kosten sind, an der gemeinsamen Währung festhalten. Alles andere wäre eine politische und wirtschaftliche Bankrotterklärung. Wenn der Euro geht, dann geht auch die EU.»

(aeg)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Das "Blutbad" wird umso grösser, je länger gewartet wird! Es gilt wie immer, eine blöde Idee so lange zu retten, wie es irgendwie vertretbar ist. Und nach mir die Sintflut... – Andreas Wolfgang

Lasst doch endlich die ewige meckerei und besserwisserei. Lasst die SNB ihre Arbeit zum Wohl des Landes tun wie Sie es immer getan hat. Denn was hier an Diskussionen pro und contra von "Experten" abgeht und dazu noch der Öffentlichkeit preis gegeben wird schadet der SNB und der Schweiz. – Manu

Immer die gleiche Laier. Schon damals, als der der Kurs bei über 1.50 war, prophezeiten die "Experten" solche Szenarien im Falle, wenn der Euro auf 1.30 oder tiefer sinken würde. Nun sind wir bei einem künstlichen 1.20 Kurs und diese Effekte sind nicht eingetroffen, nein, sogar im Gegenteil. Was den Export anbelangt, so hat sich gezeigt, dass Schweizer Qualität eben ruhig seinen Preis haben darf. Wir exportieren schliesslich keine Billigprodukte. Die Schwächung des Euros und der eigentliche Realkurs wäre die Belohnung für die Schweizer Standhaftigkeit. – Peter Rüegg

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurt am 10.06.2012 14:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst euro sterben

    Der euro muss weg,es geht einfach nicht.die euro länder sollten merken was die schweiz von anfang an wusste und desswegen nicht den euro hat.euro ist tot

    einklappen einklappen
  • F. Rage am 11.06.2012 09:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn man die EURO-Kritiker vor die

    Wahl stellt: EUR 100.000.- in bar, oder EUR 100.000.- in UBS Aktien, für was würden sie sich entscheiden? Wie sieht ein Chartvergleich über die vergangenen 6 Jahre aus? Wo liegt der höhere innere Wert, die Kaufkraft?

  • Mark T. am 10.06.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Freier Markt?

    Bedeutet freier Markt nicht, dass der Staat gegen einen Euro von 0.90 Franken genauso viel unternimmt wie er es gegen einen Euro von 1.60 gut - nämlich nichts!?!? Leute wie Hr. Spuhler haben es verpasst vorsorgende Massnahmen zu treffen als der Export noch super lief. Jetzt, wenn es ins Gegenteil schwankt, anfang zu jammern kommt ziemlich schlecht rüber!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Brüsseler am 12.06.2012 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    Lang lebe der Franken!

    Ich habe noch nie an den Euro geglaubt und auch an die EU-Allgemein.. Ich bin kein Fan der SVP, aber zum Glück hatten sie zumindest recht was die Zukunft Europas angeht und uns rechtzeitig gewarnt..

  • Küsche St am 11.06.2012 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wer weiss es

    Wer kann es wirklich sage,oder wer weiss ,ob der Euro überleben kann? Ich glaube niemand weiss es die Zukunft wird es zeigen!

  • Daniela Sauer am 11.06.2012 10:01 Report Diesen Beitrag melden

    Aufhören

    Könnt ihr bitte aufhören den Grübel immer zu Wort kommen zu lassen. Erst bekämpfen ihn die linken Medien, jetzt wollen ihn alle als Kommentator. Das nervt tierisch. Bringt endlich mal glaubwürdige Finanzexperten die nicht nur polarisieren.

  • F. Rage am 11.06.2012 09:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn man die EURO-Kritiker vor die

    Wahl stellt: EUR 100.000.- in bar, oder EUR 100.000.- in UBS Aktien, für was würden sie sich entscheiden? Wie sieht ein Chartvergleich über die vergangenen 6 Jahre aus? Wo liegt der höhere innere Wert, die Kaufkraft?

  • Marc Meyer am 11.06.2012 08:08 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht den starken Franken verteufeln

    Hört auf, den starken Franken zu verteufeln. Welches Unternehmen und wer von uns profitiert nicht von den tiefen Zinsen und den tiefen Importpreisen? Der starke Franken hat mehr Vor- als Nachteile. Die SNB kauft alle Euros mit Schulden Sie hat bereits jetzt mehr Schulden als Bund, Kantone und Gemeinden zusammen. Wenn die SNB der Exportwirtschaft helfen will, so soll sie das mit Direktionvestitionen tun.