Trotz Euro-Mindestkurs

23. Dezember 2011 12:55; Akt: 23.12.2011 13:18 Print

Die Schweizer Unternehmen leiden

von Balz Bruppacher - Der Leidensdruck der Wirtschaft wegen des teuren Frankens steigt weiter. Das zeigt eine Umfrage der Nationalbank. Sie macht aber keine Anstalten, den Mindestkurs zu erhöhen.

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Düstere Aussichten für die Schweizer Wirtschaft wegen dem starken Franken. (Bild: Keystone)

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Mit dieser Umfrage macht sich die Nationalbank das Leben selber schwer. Die SNB-Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte befragten im Oktober und November 228 Firmen zu den Folgen des starken Frankens und zu ihren Gegenmassnahmen. Fazit: Das Ergebnis fiel insgesamt leicht schlechter aus als im Vorquartal, obwohl die Nationalbank inzwischen einen Mindestkurs von 1,20 Franken für den Euro festgelegt hat und erfolgreich verteidigt.

Der Anteil der Firmen, die von der Frankenaufwertung negativ betroffen sind, erhöhte sich gegenüber der letzten Umfrage von 58 auf 63 Prozent. Am deutlichsten verschlechtert hat sich die Lage im Dienstleistungssektor. Praktisch alle Detailhändler leiden nun unter der Frankenstärke. Der Einkaufstourismus nahm laut der Umfrage weiter zu und war auch über die Grenzgebiete hinaus spürbar. Für die betroffenen Betriebe sei vereinzelt ein kritisches Ausmass erreicht worden, schreibt die Nationalbank.

Hotellerie mit Problemen

Mehrheitlich negative Folgen der Frankenstärke meldete auch der Grosshandel. Verschlechtert hat sich die Lage in der Hotellerie, wo nur noch drei der 22 befragten Betriebe keine Probleme mit dem teuren Franken haben. Überwiegend negative Auswirkungen verzeichnen die Banken im Vermögensverwaltungsgeschäft, wobei die Lage aber als weniger dramatisch als im dritten Quartal eingestuft wird.

Am stärksten leidet nach wie vor die verarbeitende Industrie unter dem starken Franken. 85 Prozent der Firmen meldeten leichte oder deutlich negative Folgen. Besonders betroffen sind die Textil- und Bekleidungsindustrie, die Metall- und die Maschinenindustrie sowie die Hersteller von elektronischen Erzeugnissen und von Präzisionsinstrumenten. Neben direkten Effekten auf die Exporttätigkeit wurden auch etwas mehr indirekte Probleme bei den Zulieferern signalisiert.

Ein Fünftel der Betroffenen baut Stellen ab

Wie reagieren die unter dem Frankenkurs leidenden Firmen? 21 Prozent haben Stellen abgebaut oder planen einen solchen Schritt. Vermehrt wird auch eine höhere Arbeitszeit bei gleichem Lohn angeordnet. In den meisten Fällen wollen die Unternehmen aber bei den übrigen Produktionskosten sparen. Ein Drittel der Firmen gab an, strategische Überlegungen über die Zukunft anzustellen. Dazu gehören vermehrt auch mögliche Geschäftsverlagerungen ins Ausland.

Nach wie vor gibt es aber Firmen, die vom starken Franken profitieren. Es handelt sich noch um 19 Unternehmen oder 8 Prozent aller Befragten, verglichen mit 10 Prozent bei der letzten Umfrage. Insgesamt bestätigt sich aber der Eindruck, den Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann diese Woche im Nationalrat wie folgt auf den Punkt brachte: «Die Nationalbank hat den Franken stabilisiert, aber sie hat ihn nicht normalisiert.»

Mehr Mut oder Mut zur Feigheit?

Trotz der nochmals verdüsterten Situation hält die Nationalbank den Moment aber offensichtlich noch nicht für gekommen, um die Drohung nach zusätzlichen Massnahmen gegen die Frankenstärke wahr zu machen. Der Wunsch von Wirtschaft und Gewerkschaften nach einem höheren Euro-Mindestkurs geht jedenfalls auf Weihnachten nicht in Erfüllung.

«Ich erwarte, dass die Nationalbank mutiger ist, ihren Job macht und versucht, mit den entsprechenden Interventionen den Franken wieder in Richtung Kaufkraft hinzukriegen», forderte der Unternehmer und SVP-Nationalrat Peter Spuhler letzten Mittwoch. Philipp Hildebrand und seine Kollegen scheinen es eher mit dem ehemaligen SNB-Ökonomen und Zürcher Bankenprofessor Urs Birchler zu halten. Er lobte die Nationalbank für ihren «Mut zur Feigheit» und schrieb in seinem Blog: «Man soll das Schicksal, wenn man einmal Glück gehabt hat, nicht herausfordern.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cello am 24.12.2011 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Import / Export

    Ja ja, es wird mehr exportiert als importiert. Schon klar. Aber gemessen an der Anzahl der damit verbundenen Arbeitsplätze herrscht "Einstand". Also des einen Pech, des anderen Glück". Hat sich damals auch nur einer der vielen Bankmanager oder Politiker stark gemacht für mich, als ich noch zu teureren Preisen importieren musste???

  • sonnenkind268 am 23.12.2011 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Jammern nicht leiden

    Die Schweizer Unternehmen leiden nicht, sie jammern! Hätten Sie viel früher umgedacht und investiert, statt sich einfach auszuruhen, dann wären sie auch besser konkurrenzfähig. Insbesondere die Hotelerie sollte sich endlich mal an der Nase nehmen.

  • jasmina am 23.12.2011 17:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    euro

    ich frage mich, welcher arbeiter mehr verdient hat als der euro 1.60 war?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Georg am 24.12.2011 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Sache

    Die Euro/CHF Untergrenze bei 1.20 ist eine gute Sache. Es hilft allen und ist ein guter Kompromiss zwischen Importeuren und Exporteuren. Es hilft allen, weil wieder etwas mehr Planbarkeit herrscht. Den Kurs weiter zu erhöhen wäre nur dann sinnvoll, wenn das Land in eine Deflation abrutscht. Dem Geheule der Exportfirmen darf man nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken. Ein starker Franken ist wie eine Fitnesskur für die erfolgsverwöhnten Firmen vor der Krise. Die momentane Krise regt auch zum Denken an und wird wohl Innovation in allen Bereichen fördern und ein gesellschaftliches Umdenken bewirken

    • R Wetter am 26.12.2011 13:53 Report Diesen Beitrag melden

      Ignoranz

      @Georg: Nein Parität wäre bei 1.35. Übrigens, Fitnesskur: Die Zeche werden nicht die Firmen, sondern die Mitarbeiter mit ihrem Job bezahlen. Ich möchte mal an Japan erinner, das wegen starker Währung seit 20 Jahren schwächelt und Sie wollen doch nicht behaupten die japanischen Firmen seien nicht fit. Die Ignoranz hier drinnen ist erschrecken, bleibt nur zu hoffen, dass diese Leute es zuerst zu spüren bekommen und dann von ihren "rechtsnationalen" Freunden als "fuuli Sieche" beschimpft werden

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  • peter am 24.12.2011 14:59 Report Diesen Beitrag melden

    wo sind die gewinne der fetten jahren

    kein politiker , manager, boss hat je einmal geschrien stopp.halt , genug jahrzehnte als sie fette milliardengewinne gemacht,kassiert haben.die schreien nach höherem festeren euro kurs , obwohl genau diese herren genau wissen ,dass der euro keine 1.30 wert ist

    • Peter Mayer am 26.12.2011 01:48 Report Diesen Beitrag melden

      Mehrheit arbeitet in KMUs

      Die Mehrheit der Stellen sind in KMUs und die machen selten grosse Gewinne. Der grösste Ausgabenposten sind bei Handel und Dienstleistungen die Löhne und die sind in der Schweiz bekanntlich sehr hoch. Ergo hat man in guten Zeiten Stellen nicht abgebaut, obwohl vielleicht nicht Vollbeschäftigung im Betrieb geherrscht hat. Ich habe den Einblick bei div. KMUs und in den meisten Fällen ist es nicht rosig. Wünsche wirklich, dass jeder der meint jede Firma sei eine Goldgrube, dass er mal selber eine Firma hat.

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  • Cello am 24.12.2011 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Import / Export

    Ja ja, es wird mehr exportiert als importiert. Schon klar. Aber gemessen an der Anzahl der damit verbundenen Arbeitsplätze herrscht "Einstand". Also des einen Pech, des anderen Glück". Hat sich damals auch nur einer der vielen Bankmanager oder Politiker stark gemacht für mich, als ich noch zu teureren Preisen importieren musste???

  • M. Steiner am 24.12.2011 08:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Exportorientiert 

    Als importorientierter Unternehmer fragt mich leider niemand, was ich vom starken Franken halte. Ich könnte auch jammern, dass der Euro nicht mehr 1.10 ist. Abgesehen davon liebe Export-Freunde: Der Euro ist noch gar nicht so lange so tief. Schaut mal die Charts der letzten 5 Jahre an. Ein knappes Jahr tiefer Euro macht noch keine Strukturprobleme!

    • R Wetter am 26.12.2011 13:45 Report Diesen Beitrag melden

      Keine Ahnung vom Exportgeschäft

      Und Herr Steiner haben Sie den Währungsvorteil an Ihre Kunden weitergegeben? Man sieht, dass Sie keine Ahnung vom Exportgeschäft haben. Die Preise werden in $ gemacht und ruckzuck haben Sie weniger in der Tasche. Der Durchlauf eines Auftrage geht so 1 Jahr, dann haben Sie 2 Möglichkeiten: 1 Aufschlagen und weniger verkaufen oder auf die Marge zu verzichten und zu sparen, mit allen Konsequenzen

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  • Daniel am 24.12.2011 05:52 Report Diesen Beitrag melden

    gibt man den kleinen Finger,

    so wollen Sie schon die ganze Hand. Seit die SNB den Mindestsatz festgelegt hat, wollen einzelne noch mehr. Ich frage mich ob der Entscheid damals wirklich richtig war. Wird ein neuer Mindestsatz festgelegt so müssen die Unternehmer aber auch wieder in die Pflicht genommen werden (Abgebaute Stellen schaffen) Die Wirtschaft ist dynamisch, das heisst es geht mal rauf und mal runter.