Euro-Mindestkurs

07. Juni 2012 14:24; Akt: 07.06.2012 15:08 Print

Jetzt braucht Jordan Nerven wie Drahtseile

von Balz Bruppacher - Im Kampf gegen den starken Franken wird nun mit zweistelligen Milliardensummen gepokert. Die Folge: Die Nationalbank sitzt auf einem Devisenberg von über 300 Milliarden Franken.

storybild

SNB-Präsident Thomas Jordan hat eine Herkules-Aufgabe zu bewältigen. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Das hat selbst Experten überrascht: Die Währungsreserven der Schweizerischen Nationalbank (SNB) machten im Mai einen Sprung von 66,2 Milliarden Franken auf den neuen Rekordstand von 303,8 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Die Zunahme entspricht etwa 8250 Franken pro Kopf der Bevölkerung oder dem Jahresumsatz von Migros, Coop, Manor und weiteren Detailhändlern zusammen.

«Ein grosser Teil der Zunahme ist auf Devisenkäufe zur Durchsetzung des Mindestkurses zurückzuführen», sagt SNB-Sprecher Walter Meier. Das heisst, die Nationalbank musste einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag zum Kauf von Euros einsetzen, um ein Absinken des Kurses unter die Mindestgrenze von 1.20 Franken zu verhindern. Bisher hatte die Nationalbank überhaupt keine Angaben zu ihrem Einsatz im Franken-Poker gemacht.

Die genaue Summe der Interventionen nennt Meier auch jetzt nicht. UBS-Währungsstratege Thomas Flury geht davon aus, dass die Nationalbank über 60 Milliarden Franken zur Verteidigung des Mindestkurses auf den Markt warf. Denn die Devisenreserven seien durch andere Transaktionen – auslaufende sogenannte Swap-Geschäfte vom August letzten Jahres - zusätzlich gestiegen. Umgekehrt ist gemäss Flury in der Zunahme ein positiver Bewertungseffekt von rund 7 Milliarden Franken enthalten. Und zwar dank der Aufwertung des Dollars und des japanischen Yen gegenüber dem Franken sowie wegen Kursgewinnen auf erstrangigen Staatsanleihen. «Jetzt braucht die Nationalbank viel Überzeugungskraft», sagt der UBS-Experte. Und zwar mit Worten und mit Taten.

Worte und Taten gefragt

«Der Weg, den die Nationalbank nun beschreitet, ist anspruchsvoll. Er kann mit sehr grossen Kosten verbunden sein.» Das waren die Worte Philipp Hildebrands, als er am vergangenen 6. September in einer feierlichen Erklärung den Euro-Mindestkurs bekanntgab. Die Drohung, notfalls unbeschränkt Devisen zu kaufen, mussten die Währungshüter lange nicht wahrmachen. Im ganzen letzten Jahr kaufte die Nationalbank Devisen für bloss 17,8 Milliarden Franken. Wobei nicht bekannt ist, wie viel davon zur Verteidigung der Untergrenze nötig waren. Der Stand der Devisenreserven ging von 282,2 Milliarden Franken im September auf 237,6 Milliarden Franken zurück.

Kosten noch offen

Die Zuspitzung der Euroschuldenkrise mit dem Wackelkandidat Griechenland und dem angeschlagenen Bankensystem Spaniens führte im Mai zum ersten ernsthaften Test der Abwehrbereitschaft der neu formierten Notenbankspitze unter Hildebrand-Nachfolger Thomas Jordan. Noch steht nicht fest, was die Milliarden-Interventionen die Nationalbank und die Schweiz letztlich kosten werden. Das hängt entscheidend von der weiteren Entwicklung der Wechselkurse ab. Solange der 1.20-Franken-Damm hält, gibt es auf den stark gewachsenen Euro-Beständen keine Kursverluste.

Je grösser der Devisenberg wird, desto massiver sind aber die Folgen im Falle einer Auf- oder Abwertung. Sinkt der Euro um einen Rappen, muss die Nationalbank einen Kursverlust von über einer Milliarde Franken hinnehmen. Im umgekehrten Fall kommt es zu entsprechenden Gewinnen. Die Nationalbank hat diese Auswirkungen im ersten Quartal dieses Jahres insofern etwas gemildert, als der Anteil des Euro an den gesamten Devisenreserven von 57 auf 51 Prozent reduziert wurde. Im Gegenzug wurden die Dollar- und Pfundbestände aufgestockt.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tommy am 07.06.2012 15:44 Report Diesen Beitrag melden

    Gesetzesfundament für die EU muss her

    Das Problem liegt nicht bei der SNB sondern bei der EU und besonders dem Euro. Ein Staatenbund mit so unterschiedlichen Grundwerten (z.b. Rentenalter, Arbeitszeit, Sozialwesen, etc) kann auf Dauer nicht funktionieren. Die EU muss ein allgemeines und für alle Mitglieder gültiges Gesetzesfundament bauen. Darauf lässt sich weiter aufbauen. Aber so ist das nur ein Fass ohne Boden wie man seit einiger Zeit klar sehen kann. Denn jeder macht was er will.

    einklappen einklappen
  • Dig Deeper am 08.06.2012 08:59 Report Diesen Beitrag melden

    Plutokratie

    Es sollte langsam jedem denkenden Menschen klar werden dass wir in einer "Schein-Demokratie" leben. Die Plutokraten bestimmen letztendlich wo's langgeht. Wir brauchen dringend ein neues Geldsystem. Dazu nur ein Stichwort: fliessendes Geld.... zu diesem Thema gibt es auf youtube dutzende interssante Denkanstösse. Zum Thema Griechenland-Euro-Krise empfehle ich einen aktuellen Vortrag von Wolfgang Berger: youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=5kfZHUp6pUM

  • Adam Riese am 07.06.2012 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    Braucht ihr nen Taschenrechner

    nach Adam Riese sind 300 Milliarden 3stellig und nicht 2stellig und das nicht mal unerheblich

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dig Deeper am 08.06.2012 08:59 Report Diesen Beitrag melden

    Plutokratie

    Es sollte langsam jedem denkenden Menschen klar werden dass wir in einer "Schein-Demokratie" leben. Die Plutokraten bestimmen letztendlich wo's langgeht. Wir brauchen dringend ein neues Geldsystem. Dazu nur ein Stichwort: fliessendes Geld.... zu diesem Thema gibt es auf youtube dutzende interssante Denkanstösse. Zum Thema Griechenland-Euro-Krise empfehle ich einen aktuellen Vortrag von Wolfgang Berger: youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=5kfZHUp6pUM

  • Peter am 07.06.2012 23:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht einfach ...

    Die Haltung braucht keine Nerven, aber mehr Kopfzerbrechen macht mir: wir kommen wir wieder weg von dieser Untergrenze?

  • Michael am 07.06.2012 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Vielen Dank

    Liebe Schweizer, vielen Dank dass ihr unseren EURO so verteidigt mit 1.20 ... hoffe nur, das geht nicht mittelfristig nach hinten los, den von uns bekommt ihr dann wahrscheinlich keine Unterstützung. Weningsten konntet ihr für eine kurze Zeit in DE/AT billiger einkaufen. Beste Grüsse aus dem EURO Nachbarland

  • T. F. Cunctator am 07.06.2012 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    aufgeblasene Finanzwelt

    Nun denn: der Euroraum steht wenigstens zu seinen Problemen, was weder die USA noch China tun! und wie es nach dem Platzen des chinesischen Blasenwunders oder dem Aufbrechen des Dollarfurunkels weitergeht.. nun, das wissen die Götter...

  • Max Engeli am 07.06.2012 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so grosses Problem

    Ein so grosses Drama ist das ganze ja nicht. Die Nationalbank muss nur an ihrer Politik festhalten. Wenn Sie darin versagt dann macht die SNB so grosse verluste, dass auch niemand mehr geld darin anlegt und dann wird der Franken automatisch abgeschwächt.