10 Jahre Grounding

02. Oktober 2011 09:59; Akt: 02.10.2011 09:59 Print

Als die Swissair totgeschrieben wurde

von Peter Blunschi - Statt sich mit anderen Airlines zu vereinigen, suchte die stolze Swissair den hoch riskanten Alleinflug. Getrieben von Patriotismus und dem medialen Trommelfeuer eines Chefpublizisten.

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Vor zehn Jahren lag die Swissair am Boden. Begonnen hatte der Niedergang lange davor: Seit Ende der 1970er Jahre wurde der internationale Luftverkehr sukzessive dereguliert. Die Preise gerieten ins Rutschen, Linienflüge wurde für breite Kreise erschwinglich. Die Swissair aber geriet mit ihren hohen Kosten und ihrem kleinen Heimmarkt zunehmend in Turbulenzen. Ab Ende der 80er Jahre verdiente die «fliegende Bank» mit der Fliegerei kein Geld mehr, sie zehrte von ihren üppigen Reserven und den lukrativen Nebenbetrieben.

Mehrere Stellenabbau-Runden brachten nur wenig Linderung, und mit dem EWR-Nein 1992 geriet die Swissair gegenüber der europäischen Konkurrenz endgültig ins Hintertreffen. Konzernchef Otto Loepfe wagte 1993 den Befreiungsschlag: Die Schweizer Airline sollte mit der holländischen KLM, der skandinavischen SAS und der österreichischen AUA zu einer gemeinsamen Gesellschaft fusionieren und damit Synergien nutzen und Kosten einsparen. Das Projekt hiess Alcazar, spanisch für Festung.

Aus vollen Rohren gegen Alcazar

Der Widerstand war von Anfang an gross, intern und extern. Die damals noch «reiche» Swissair als Partnerin unter Gleichen statt in einer dominanten Rolle? Das Drehkreuz in Amsterdam-Schiphol statt in Zürich-Kloten? Das konnte nicht sein! Selbst der Bundesrat schaltete sich ein und verlangte Alternativen. Auch die Medien waren skeptisch. Am positivsten, wenn auch ohne Begeisterung, äusserte sich die wirtschaftsliberale NZZ: Alcazar sei «von allen Alternativen derzeit doch die überzeugendste», schrieb sie am 10. Juni 1993.

Deutlich kritischer war der «Tages Anzeiger»: Der Alcazar-Plan enthalte «eine Unmenge von Widersprüchen und Unklarheiten», hiess es am 29. Mai. Die «Finanz und Wirtschaft» sprach am 9. Juni von einem gefährlichen Weg und meinte: «Es gibt Alternativen für Swissair». Die schärfsten Geschütze aber fuhr Ringier auf, das grösste Verlagshaus der Schweiz. Die Massenblätter «Blick» und «Sonntagsblick» feuerten aus vollen Rohren gegen Alcazar: Sie warfen der Swissair-Führung vor, sie wolle den fliegenden Nationalstolz «verscherbeln».

Swissair ist «die Beute»

Die Hauptrolle spielte Frank A. Meyer, Ringier-Chefpublizist mit beträchtlichem Einfluss in Bundesbern. In seiner Kolumne im «Sonntagsblick» machte er sich daran, Alcazar zum Absturz zu bringen. «Swissair muss Swissair bleiben», schrieb er am 30. Mai, denn: «In der geplanten Heirat zu viert ist die Swissair nicht einfach die schönste Braut. Sie ist die Beute.» In den folgenden Monaten trommelte Meyer im gleichen Stil weiter: «Zu unserem Tafelsilber gehört die Swissair» (20. Juni). Jenseits von Alcazar gebe es «die bessere Zukunft für die Swissair» (26. September).

Im November 1993 scheiterte Alcazar, vordergründig am Streit zwischen Swissair und KLM um den Nordamerika-Partner. Doch der Widerstand in der Schweiz und das mediale Trommelfeuer – auch die NZZ war ins gegnerische Lager umgeschwenkt – trugen das ihre dazu bei. Frank A. Meyer bilanzierte zufrieden: «Mit ‹Alcazar› wollte man die Pioniertat Swissair zurückbuchstabieren. Jetzt gibt es nur eines: vorwärtsbuchstabieren!» Wie das gehen sollte, schrieb Meyer auch: Das strategische Ziel sei wahrscheinlich nur zu erreichen, «wenn die Swissair eine oder mehrere andere Fluggesellschaften übernimmt».

«Philippe Bruggisser Superstar»

So kam es auch: Der neue Konzernchef Philippe Bruggisser setzte seine Hunter-Strategie um. Die Swissair sollte eine eigene Allianz unter ihrer Führung bilden. Mit Unsummen beteiligte sich Bruggisser an zahlreichen maroden Airlines und höhlte die finanzielle Substanz der Swissair aus. Nur wagten bloss sehr wenige Journalisten, die riskante Strategie zu hinterfragen, etwa Arthur Rutishauser in der «SonntagsZeitung». Die meisten Medien hielten sich an die Devise, wonach das Rütteln am «Nationalheiligtum» Swissair tabu ist.

Das galt für die Ringier-Blätter erst recht, sie bejubelten «Philippe Bruggisser Superstar» und seine «Geniestreiche» («Blick» vom 31. März 1998). Noch am 23. November 2000 feierte der «Blick»-Wirtschaftschef Bruggisser als «Manager-Held». Keine zwei Monate später wurde der «Held» gefeuert, weitere neun Monate danach war das Grounding perfekt. Frank A. Meyer gab am 21. Oktober 2001 seine Sicht der Dinge preis: «Neoliberale Hallodris» hätten die Swissair in den Dreck gesteuert. Selbstkritik? Fehlanzeige!

Verkauf an Lufthansa

Die Medien sind nicht schuld am Untergang der Swissair, den hat die Airline selbst besorgt. Doch mit zu viel Kritik im einem Fall (Alcazar) und zu wenig im anderen (Hunter-Strategie) haben sie ihn auch nicht verhindert. Ob Alcazar im rauen Luftverkehrs-Umfeld zum Erfolg geworden wären, bleibt letztlich offen. Tatsache ist: KLM, SAS und AUA existieren noch heute, die Skandinavier sogar als eigenständiges Unternehmen. Die Swissair aber ging unter, es entstand die – deutsche – Swiss, mit grosser publizistischer Unterstützung von Ringier.

Als die in Schieflage geratene Airline 2005 für einen Spottpreis an die Lufthansa verkauft wurde, fügten sich die meisten Schweizer Medien ins Unvermeidliche. Nur «Blick» und «Sonntagsblick» blieben sich treu: Wie anno Alcazar polemisierten sie gegen das «Verscherbeln» der Swiss. Frank A. Meyer sprach am 20. März 2005 von einem «Trauerspiel», von Defätismus und defensivem Patriotismus. Als Alternative empfahl er «offensiven Patriotismus» in Form einer Airline, «die unsere globale Vernetzung betreibt und symbolisiert».

Irgendwie kam einem das bekannt vor.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • BuBu am 02.10.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Totalversagen der sogenannten CH-Elite

    Die Swissair ist im Alianzenfimmel zu Grunde gegangen. In die Swiss wurde vom Bund 600Mio und Banken/Wirtschaft 2Mia investiert. Der überstürzter Verkauf 2005 an die Lufthansa erfolgte zu einem Schnäppchenpreis von nur 650Mio. In gleichen Jahr arbeitete Swiss bereits verlustfrei. Von 2006-2010 machte die Swiss in Deutschen Händen bereits fast 2Mia Gewinn. Das Swissair Debakel passt zur Schweizerischen Wirtschaftselite. Firmenperlen werden schon über Jahre nach dem gleichen System an Ausländer verscherbelt. Vor kurzem 2011 machte die Lufthansa sogar eine Gewinnwarnung aber die Swiss floriert.

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  • Markus Opfiker am 02.10.2011 11:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Muss sagen, einer der besten Artikel, die ich auf 20Min.ch je gelesen hab.

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  • Zum Kotzen am 27.11.2011 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Dass der SWISS die AIR ausging

    haben wir dem damaligen grössenwahnsinnigen Management und ihren Beratern im Globalisierungsrausch zu verdanken sowie ein paar finanzpervertierten Bankern mit ihrer Lobby in der Politik. Im Nachhinein namenlose Verantwortliche die mit ihrer Heuschreckenmentalität gesunde Unternehmen plündern und an die Wand fahren um dann anonym mit ihren Boni im Nebel zu verschwinden, sind heute leider mehr und mehr an der Tagesordnung. Das Ganze nennt sich dann Elite.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Zum Kotzen am 27.11.2011 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Dass der SWISS die AIR ausging

    haben wir dem damaligen grössenwahnsinnigen Management und ihren Beratern im Globalisierungsrausch zu verdanken sowie ein paar finanzpervertierten Bankern mit ihrer Lobby in der Politik. Im Nachhinein namenlose Verantwortliche die mit ihrer Heuschreckenmentalität gesunde Unternehmen plündern und an die Wand fahren um dann anonym mit ihren Boni im Nebel zu verschwinden, sind heute leider mehr und mehr an der Tagesordnung. Das Ganze nennt sich dann Elite.

  • BuBu am 02.10.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Totalversagen der sogenannten CH-Elite

    Die Swissair ist im Alianzenfimmel zu Grunde gegangen. In die Swiss wurde vom Bund 600Mio und Banken/Wirtschaft 2Mia investiert. Der überstürzter Verkauf 2005 an die Lufthansa erfolgte zu einem Schnäppchenpreis von nur 650Mio. In gleichen Jahr arbeitete Swiss bereits verlustfrei. Von 2006-2010 machte die Swiss in Deutschen Händen bereits fast 2Mia Gewinn. Das Swissair Debakel passt zur Schweizerischen Wirtschaftselite. Firmenperlen werden schon über Jahre nach dem gleichen System an Ausländer verscherbelt. Vor kurzem 2011 machte die Lufthansa sogar eine Gewinnwarnung aber die Swiss floriert.

    • TheM am 02.10.2011 16:18 Report Diesen Beitrag melden

      Perle?

      Als die Swissair verkauft wurde war sie keine Perle mehr sondern ein Sack voll Murmeln!

    • broennimann marianne am 02.10.2011 19:00 Report Diesen Beitrag melden

      Das war ein scheusslicher Anblick!

      Wir landeten am Morgen des Groundings in Zürich und konnten es nicht glauben, obwohl der Konkursverwalter der Swissair mit unsd an Bord war!

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  • Wtflolomggtfo am 02.10.2011 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja...

    Ah ich erinnere mich.. Ein weiterer Grund, für mich, bei gewissen Banken niemals ein Konto zu eröffnen.

  • Gspunne am 02.10.2011 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Swissair

    Es war die belgische SABENA, welche der Swissair den Rest gab. Eine hochverschuldete, belgische Airline, die den Swissair-Saft bis auf die Knochen aufsog........ Es war eine Schande für unser Land, dass weder VWR noch der Bundesrat - inkl. Ex-Bundesrat Villiger, der jetzt heute im VWR der CS ist, nichts dagegen tat! Bei UBS ging's mit öffentlichen Geldern die Bank zu retten - bei der Swissair nicht!! Dafür schäme ich mich als Schweizer!

    • A. S. am 02.10.2011 13:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Villiger?

      Seit wann ist Villiger im VR der CS? Habe ich da etwas verpasst?

    • Hans Maier am 02.10.2011 14:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Villiger

      Villiger ist VRP der UBS.

    • broennimann marianne am 02.10.2011 19:02 Report Diesen Beitrag melden

      Alles war abgekartet!

      Man gab ihr den Todesstoss, statt zu helfen! Gewisse Typen haben sich enorm bereichert dabei!

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  • Markus Opfiker am 02.10.2011 11:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Muss sagen, einer der besten Artikel, die ich auf 20Min.ch je gelesen hab.

    • Daniel Villiger am 02.10.2011 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wohl eher nicht

      Bin ich gar nicht Ihrer Meinung... das Thema ist definitiv Geschichte!

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