Zürcher Pistenkreuz

05. Juni 2011 07:56; Akt: 05.06.2011 13:55 Print

Ruhig Blut nach Fast-Katastrophe

von Lukas Hässig - Es hätte die grösste Schweizer Flugkatastrophe werden können. Dennoch sehen die Behörden nach dem Fast-Zusammenstoss zweier A320 auf dem Flughafen Kloten vorerst keinen Handlungsbedarf.

Auf dem Klotener Pistenkreuz kam es zu einem Beinahe-Zusammenstoss zweier Passagierjets.

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Am 15. März um die Mittagszeit wurde in Zürich-Kloten der Crash zweier vollgetankter Swiss-Jets mit je rund 150 Personen an Bord um Haaresbreite abgewendet. Weil der Zusammenstoss in letzter Sekunde ausblieb, ist das öffentliche Aufsehen rasch abgekühlt.

Das ändert aber nichts an der Bedeutung dieses Falls. Denn das potenzielle Ausmass der nur knapp abgewendeten Katastrophe ist zu gross, als dass den dafür verantwortlichen Gründen nicht rasch nachzugehen und erste Erkenntnisse nicht sofort in Form von Massnahmen umzusetzen wären.

Zwei Berichte

Genau das scheint nicht zu passieren. Statt am Flughafen Zürich-Kloten nach dem Rechten zu sehen, sind im Mai planmässig zwei Berichte fertiggestellt und der Berner Flugaufsicht BAZL zugestellt worden. Das viele Papier wartet nun darauf, irgendeinen Zweck zu erfüllen.

Die Verantwortung für den unbefriedigenden Zustand weisen die Involvierten von sich. Daniel Knecht, Vizechef des zuständigen Flugunfallbüros (BFU), sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Wir haben unseren Zwischenbericht innerhalb der üblichen zwei Monate dem BAZL überreicht. Damit ist die Sichtung und Auflistung der Fakten zu Ende. Bis Ende Jahr vertiefen wir unsere Untersuchung, um nach insgesamt rund 12 Monaten termingerecht den Schlussbericht vorlegen zu können.»

Erst dieser Schlussbericht müsse zwingend veröffentlicht werden, während die Publikation von Zwischenberichten Sache des BAZL sei. Laut Knecht ist das BFU allein für die lückenlose Herleitung des Fast-Unglücks zuständig. Allenfalls nötige Sofortmassnahmen müsse das Luftamt beschliessen.

Auch Skyguide untersucht

Im Fokus der Untersuchung steht die Schweizer Flugsicherung Skyguide. Einer ihrer Lotsen hatte an jenem Dienstag Mittag in Zürich zwei Jets der Swiss die Starterlaubnis erteilt, obwohl er Sicht auf die ganze Pistenanlage hatte und sofort hätte erkennen müssen, dass die beiden Flugzeuge wegen der Kreuzung der beiden Startpisten 16 und 28 auf Kollisionskurs geraten könnten.

Nun hat auch Skyguide einen Bericht erstellt. «Wir haben den März-Zwischenfall intern unter die Lupe genommen und der Berner Aufsicht einen Zwischenbericht geschickt», bestätigt Raimund Fridrich, Sprecher der Schweizer Flugsicherung. Das BAZL müsse nun entscheiden, «ob bei uns Sofortmassnahmen nötig» wären.

Warten, warten, warten

Die beiden Berichten liegen seit etwa Mitte Mai in Bern, und die Faktenlage scheint zumindest von aussen betrachtet relativ einfach und klar zu sein. Ein Skyguide-Lotse begeht einen Fehler, ein Swiss-Pilot verhindert mittels Vollbremsung Schlimmeres. Trotz dieser vermeintlich einfachen Ursachenkette ist das BAZL immer noch am Klären, ob Sofortmassnahmen nötig sind.

«Wir haben vom BFU einen Zwischenbericht erhalten. Das BAZL wird die Empfehlungen prüfen und die nötigen Massnahmen treffen. Auch Skyguide hat dem Amt bereits einen ersten Bericht abgeliefert. Die entsprechenden Informationen werden ebenfalls in die Abklärungen einfliessen», sagt Bazl-Sprecherin Mireille Fleury.

Die Skyguide nutzt die Wartezeit, die mögliche Verantwortung eines Lotsen zulasten der Komplexität des Gesamtsystems in den Hintergrund zu schieben. Ihr Sprecher verweist auf eine eigene Untersuchung, die nach dem Zwischenfall am Pistenkreuz vorangetrieben würde. «Die vorgezogene Analyse der Prozesse im Tower liegt im Sommer vor», sagt Fridrich. «Im Vordergrund stehen allfällige Systemmängel und nicht die Frage, ob ein einzelner Lotse Fehler macht».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans-Ulrich Meister am 05.06.2011 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch BAZL

    Typisch BAZL! Schauen, schauen, schauen und nichts anordnen. Dieses Amt ist so für die Füchse! Genau wie bei der Einforderung der Fluggastrechte kenn ich das BAZL gar nicht anders. Diese Leute scheinen heillos überfordert mit ihrer Arbeit zu sein!

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  • Rudolf Mahrer am 06.06.2011 05:54 Report Diesen Beitrag melden

    Lichtsignalanlage

    Wieso installieren die nicht eine Lichtsignalanlage ? Funktioniert doch. Bei Rot warten, bei Gruen fahren (fliegen).

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  • Orlando am 05.06.2011 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    wenig Interesse

    Seit Überlingen dürfte Skyguide wenig Interesse daran haben, wieder negative Schlagzeilen zu machen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • jfa... am 07.06.2011 00:25 Report Diesen Beitrag melden

    Riesen dank an den CMD

    Super Reaktion vom CMD der bei V1(!!) die Vollbremsung eingeleitet hat! Die ATC und auch die Piloten haben sehr strenge Arbeitszeiten. solche fatale Fehler passieren einfach wenn man überarbeitet ist. Umso besser, dass der CMD vom MAD Flug so gut reagiert hat.

  • ZRH Fluglotse am 06.06.2011 21:42 Report Diesen Beitrag melden

    Von Lotse zu Laie

    Nach diesem Artikel zu urteilen weiss der Herr Hässig ja sehr gut wie diese Arbeit als Fluglotse funktioniert. Ich würde doch einmal vorschlagen dass sie sich die gesammten regeln die ein Lotse im Tower Zürich anwenden muss anschauen und dann im Towersimulator bei Skyguide versuchen diese auch umzusetzen. Glauben sie wirklich das weiter regeln irgendetwas erreichen ausser die dinge noch komplizierter zu machen? was es eigentlich bräuchte wären weniger restriktionen, um die arbeit einfacher zu machen!

  • Sky Captain am 06.06.2011 19:07 Report Diesen Beitrag melden

    Skyguide 2010 1.16 Mill Flugbewegungen

    99% von Skyguide gehört dem Bund (140Millionen CHFr). im 2010 hat Skyguide ungefähr 3170 Flugbewegungen pro Tag koordiniert (das sind fast 1.16millionen im 2010) Skyguide koordiniert ausser dem Tessin den Luftraum der gesamten Schweizdas sind aber nur 60% des Gebietes die anderen 40% sind Süddeutschland und teile von Frankreichdie skyguide managt

  • Nochmals Nachdenkender am 06.06.2011 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Luftraum und Pisten müssen jeweils

    dem aktuellen und wachsenden Verkehrsaufkommen angepasst werden.

  • Lösungsfinder am 06.06.2011 08:15 Report Diesen Beitrag melden

    Technische Lösung fast gratis...

    Was auf der Strasse funktioniert, würde auch auf dem Flughafen funktionieren: Kostenpunk ca. 5000 CHF. Zwei Lichtsignale mit den Farben ROT-GRUEN welche niemals gleichzeitig grün anzeigen können... hmmm??

    • Rodolf Mahrer am 06.06.2011 09:42 Report Diesen Beitrag melden

      Lichtsignalanlage

      Eben. Ich habe es doch gesagt. Eigentlich zum Spass. Aber wer weiss........Fachleute her !

    • noname am 06.06.2011 10:00 Report Diesen Beitrag melden

      Speed Cam

      ja, am besten mit Blitz!

    • Hans Peter am 06.06.2011 18:14 Report Diesen Beitrag melden

      Dann gleich auch einenRadarblitz...

      ...wäre die Logik - wer zu schnell fährt, kriegt einen Brief mit EZ.

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