Thomas Straubhaar

29. Juni 2011 16:45; Akt: 30.06.2011 07:54 Print

«Die Pleite-Panik war taktisch»

von Sandro Spaeth - Griechenland ist gerettet – vorerst. Das Parlament hat dem Sparpaket zugestimmt. Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar ist überzeugt: Der Untergang Athens hätte schlimmere Konsequenzen als der Lehman-Crash.

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Eine taktische Panikmache, doch die Folgen eines Bankrotts wären in der Tat dramatisch.

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Fehler gesehen?

Herr Straubhaar, haben Sie damit gerechnet, dass sich das Finanzsystem nur drei Jahre nach dem Lehman-Kollaps wegen Griechenland erneut vor einem Chaos befindet?
Nein, das war nicht meine Erwartung. Die Frühwarnsysteme, insbesondere die Ratingagenturen, haben erneut versagt. Die staatlichen Rettungspakete für vor dem Kollaps bedrohte Banken führten in einigen Ländern zu einer Eigendynamik im Verschuldungsprozess, die so nicht vorausgesehen wurde.

Athens mögliche Pleite wird von Ökonomen mit dem Lehman-Crash verglichen: Übertrieben?
Das Problem ist, dass es für die aktuelle Krise kein Beispiel aus der Geschichte gibt. Die bisherigen Staatspleiten betrafen bisher immer währungspolitisch unabhängige Länder. Nun geht es aber um ein Mitglied in der Währungsunion. Gut möglich, dass die Flutwelle noch schlimmer wäre als beim Lehmann-Kollaps.

Warum?
Wenn die Griechen untergehen, werden die Märkte antizipieren, dass für andere Staaten der Euro-Zone ein Bankrott ebenfalls möglich ist und genau darauf spekulieren. Zugleich würden die Refinanzierungskosten der anderen EU-Staaten steigen. Dies könnte die Schuldenspirale in einigen Ländern erst richtig in Gang bringen.

Die griechischen Abgeordneten haben dem Sparpaket zustimmt. Nun gibt’s wieder Geld von der EU. Waren die Pleite-Szenarien nur Panikmache?
Mit der drastischen Schilderung des Problems wollte man auch die Bevölkerung in den Geberländern beruhigen und die privaten Gläubiger von den Vorteilen der Mitarbeit überzeugen. Die EU hat das Ziel, Athen bis Mitte Juli wieder mit Liquidität zu versorgen. Es war also auch eine taktische Panikmache, wobei ich betone, dass die Folgen eines Bankrotts in der Tat dramatisch wären.

Überweist die EU den Griechen Anfang Juli wieder Geld, werden alte Schulden einfach von neuen Schulden abgelöst. Kann das gut kommen?
Ja, es besteht immerhin die Hoffnung, dass der Schuldner in der Zwischenzeit gesundet. Geht Athen pleite, müssen die gesamten Schulden abgeschrieben werden. Bekommt die Regierung mehr Zeit, kann sie womöglich einen Teil der Schulden zurückzahlen. Folglich gilt: Lieber den Spatz in der Hand als gar nichts mehr; die Taube auf dem Dach ist in diesem Fall ohnehin längst davongeflogen.

Glauben Sie denn daran, dass Griechenland seine Schulden abstottert?
Die Kredite vollumfänglich zurückzuzahlen ist unrealistisch. Ich gehe aber davon aus, dass Griechenland in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren etwa die Hälfte, wenn es besonders gut gehen sollte sogar noch mehr von seinen Schulden wird begleichen können.

Athen sitzt in der Falle: Die Sparpläne führen zu einer Rezession, womit wichtige Steuereinnahmen fehlen und der Schuldenberg weiterhin wächst. Kann man diese Spirale durchbrechen?
Wenn eine Brücke derart ins Ungleichgewicht geraten ist, bricht sie zusammen. Will heissen: Aus eigener Kraft kommt Athen aus einem solchen Teufelskreis nie mehr heraus. Das weiss man auch aus den letzten Tagen der DDR. Es braucht also zwingend die Hilfe von aussen, um in Griechenland die wirtschaftliche und gesellschaftliche Implosion zu verhindern.

Um wieder zu Geld zu kommen, will Athen seine Staatsbetriebe verkaufen. Ist das eine gute Idee? Die Einnahmen sind ja nur einmalig…
Wenn die vielleicht zehn Milliarden Erlös helfen, die Zahlungsfähigkeit abzuwenden, ist ein Verkauf sinnvoll. Athen hat keine Wahl. Es ist wie bei Privaten, die ihr Ferienhaus verkaufen müssen, um wieder liquide zu werden und einen Kredit zurückbezahlen zu können.

Wer ist eigentlich schuld am Griechen-Desaster? Das Land selbst oder auch Deutschland, wie immer wieder von Ökonomen behauptet wird?
Deutschland zu beschuldigen ist eine grobe Verdrehung von Ursache und Wirkung. In Griechenland hat man zu lange und zu massiv über die Verhältnisse gelebt. Klar braucht es für den Tango immer zwei Personen und deutsche Gläubiger haben zu unvorsichtig Kredite vergeben. Das war aber nur ein Fehler, von Schuld kann man nicht sprechen.

Das Magazin «Spiegel» hat bereits den Nachruf auf den Euro geschrieben. Wo sehen Sie ihn? Beim Arzt, auf der Intensivstation oder auf dem Totenbett?
Der Euro beim Arzt ist ein guter Vergleich. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Mediziner auch einen komplizierten Fall lösen können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Züribög am 30.06.2011 08:52 Report Diesen Beitrag melden

    Man lernt nicht von der Vergangenheit!

    Wenn der Euro an Kredibilität gewinnen will, dann sollten endlich die Kriterien und Konditionen um den Euro zu erhalten, ohne jegliche Korruption, in Kraft gesetzt werden. Griechenland sollte den Euro schon vorweg nicht erhalten, so wie andere EU Mitglieder. Wenn Griechenland seine bisherige Währung zurück erhalten würde, dann würde der Euro heute nicht auf fr. 1.19 stehen. Aber eben es ist schwierig die Fehler einzugestehen ! Lieber die Arroganz walten lassen und in die Betonwand reifahren.

  • Markus H am 29.06.2011 18:05 Report Diesen Beitrag melden

    Raus aus dem Euro

    Ich finde es eine Frechheit allen Griechen gegenüber sie als die Schuldigen hinzustellen und zu sagen sie hätten über ihre Bedürfnise gelebt! Das Geld der Hilfspakete wird wahrscheinlich sowieso mehr oder weniger komplett den Banken weitergegeben womit sich die Schuldenlast nur noch mehr erhöht (Was sie ja sowieso tut)! Das Problem wird nur hinausgezögert und der Super-Gau wird noch grösser werden. Raus aus dem Euro und eine eigene Währung wiedereinführen! Punkt!

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  • Echo vom Pflanzblätz am 30.06.2011 03:45 Report Diesen Beitrag melden

    Wer glaubt,

    dass sich ein ruiniertes Volk durch einen Beschluss ihrer abgehobenen Plagiats-Experten, selbsternannten Gurus, und in die eigenen Taschen wirtschaftenden Abgeordneten/Parlament besänftigen lässt, irrt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Placebo am 02.07.2011 04:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wer sagt denn,

    Herr Straubhaar, dass Griechenland nicht pleite ist und hops (konkurs) geht. Nur eine Frage der Zeit! Mir sträuben sich jetzt schon die Haare ob so viel Naivität.

  • milchmädchen am 30.06.2011 11:08 Report Diesen Beitrag melden

    gewinn durch verlust

    wo ein verlust ist ist auch immer ein gewinn ?? liege ich da falsch ?? kann mir einer erklären wo all die milliarden hin sind die jetzt fehlen ?? das geld bleibt doch irgendwie im umlauf also hat irgendwo irgendjemand einen riesen gewinn gemacht ??? wer ???

    • Heribert Kleiner am 30.06.2011 12:07 Report Diesen Beitrag melden

      logisch

      Sie haben recht weshalb haben dann in der Schweiz die Millioäre verdoppelt

    • Supermario am 30.06.2011 12:09 Report Diesen Beitrag melden

      Sparquote machts

      Am Beispiel der ex-DDR ganz einfach nachzuvollziehen. Nach dem Zusammenschluss gabs haufenweise Kohle aus dem Westen, alle hatten nen Job, konnten in die Ferien, sich nen BMW leisten usw. Gespart wurde aber nichts und beim nächsten, kleinen Konjunktureinbruch ging das Gejammer los. Ein bisschen Sparen ist nie schlecht und zwar vorher und nicht nachher!

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  • Hans-Peter Gehrig am 30.06.2011 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Griechenland unter EU Kolonialherrschaft

    Griechenland ist nun unter EU Kolonialherrschaft, verliert seine wirtschaftliche Selbstbestimmung, wird um 50 Milliarden Volksvermögen enteignet und zum Schuldendienst auf unbestimmte Zeit versklavt. Die EU verordneten Sparmassnahmen verursachen zudem weitere Einbussen im Bruttoinlandsprodukt, tiefere Löhne/Renten und höhere Arbeitslosigkeit. Gelobt sei der Vertrag von Lissabon.

    • Supermario am 30.06.2011 12:05 Report Diesen Beitrag melden

      Quatsch mit Sosse

      Sooo ein Quatsch. Griechenland wurde nie anektiert, die WOLLTEN seinerzeit um jeden Preis dabei sein! Kolonialmächte mussten idR permanent Druck auf ihre Ländereien ausüben damit die nicht abspringen. Wäre GR unter Kolonialherrschaft könnten sie ja schon heute aus der EU austreten, ich glaube das im Moment kaum gross Opposition seitens der EU kommen würde.

    • Claudia Huber am 30.06.2011 13:09 Report Diesen Beitrag melden

      Noch mehr Steuern für einfache Griechen

      Ja genau Hans-Peter! Massive Steuererhöhungen kommen noch dazu für die von der EU nun entmündeten armen einfachen Griechen.

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  • Eidg. stud. Velomech. am 30.06.2011 09:39 Report Diesen Beitrag melden

    Die Wurzeln allen Übels ...

    ... ist die EU / Brüssel! Man/frau muss sich nur diese technokratischen Parasiten (jeder ohne Ausnahme) täglich auf allen TV-Kanälen anschauen (müssen), dass man/frau nicht (plagiats-) studiert sein muss, um zu verstehen, dass ein solches (Fehl-) Konstrukt (weder politisch, wirtschaftlich, finanziell etc.) nicht funktionieren kann... ! Die EU und deren EURO liegen im selbstinszenierten Koma. Gut so ... wird Platz geben für was "Handfesteres"!

    • suchender am 30.06.2011 12:37 Report Diesen Beitrag melden

      unbegreiflich

      Ich verstehe Leute wie dich nicht, die dem EURO und der EU den Tod wünschen, ohne zu überlegen was da noch alles daran hängt. Wenn die EU pleite geht, dann gehen auch die EU-Länder pleite. Da das aber unsere wichtigsten Handelpartner sind (Export) können dann viele Sachen die wir hier herstellen nicht mehr verkauft werden = weniger Umsatz --> weniger Arbeit (mehr Arbeitslose) und weniger Import und dann halt keinen neuen Fernseher für dich... oder Schlimmstenfalls weniger zu Essen, da davon ja auch viel importiert wird...

    • dummdummgeschoss am 30.06.2011 13:11 Report Diesen Beitrag melden

      @suchender

      Es spielt keine Rolle ob man auf Gesundung hofft oder aber der Tod herbei gesehnt wird! Wir erleben gerade den Zusammenbruch des Finanzsystems. Man kann diesen mit weiteren BILLIONEN(!) verzögern, aber verhindern lässt er sich nicht! Das wird einem klar, wenn man sich mit dem Finanzsystem (Mindestreservesystem, Fiat money, elliot waves, kondratiev Zyklen etc.) auseinander setzt. Es ist ein Gigantisches Schneballsystem, dass kollabiert, sobald das Wachstum stoppt! Deshalb muss die EU immer weiter wachsen und die Geldmenge ausweiten. Stillstand = Untergang! Wir sitzen im selben Boot-freiwillig!

    • Dr. oec. HSG K. Braunwalder am 01.07.2011 08:50 Report Diesen Beitrag melden

      Dr. oec. HSGs Lehren

      Die Schweiz hat auch schon VOR der EU existiert, und sie wird auch nach der EU und nach dem Euro weiter existieren. Der Unterschied ist nur, dass einige Abzocker nicht mehr in kürzester Frist Millarden anhäufen können (danke der grossen trägen Massen), sondern dass sie sich wieder mit einzelnen souveränen Staaten auseinandersetzen müssen. Und das ist halt doch viel schwieriger. Capito?

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  • Thomas am 30.06.2011 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Taktisch

    Waren höchsten die Bemühungen die Pleite seit 1981 zu verschleiern bis sie 2002 im Euro versteckt wurde