Interview

08. März 2011 19:17; Akt: 09.03.2011 15:46 Print

«Ölpreis-Explosion führt zu Rezession»

von H.P. Arnold - Eine Ausweitung der «Jasmin-Revolution» in China hätte explodierende Rohstoffpreise und eine weltweite Rezession zur Folge, meint Thomas Härter von Swisscanto.

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Es gibt Anzeichen dafür, dass die Jasmin-Revolution der arabischen Länder auf China übergreifen könnte. Wie hoch ist das Risiko von Chaos und Bürgerkrieg in China?
Thomas Härter: Die Mehrheit der Han-Chinesen, das sind über 1,1 Milliarden Menschen, bestimmt im Wesentlichen die Geschicke des Landes und stellt die Bevölkerungsmehrheit in den meisten Regionen des Landes, insbesondere in den wirtschaftlich bedeutenden Regionen. Diverse moslemische Minderheiten konzentrieren sich in einigen nördlichen Provinzen und stellen dort vereinzelt die Bevölkerungsmehrheit dar.

Was schliessen Sie daraus?
Unruhen in den Provinzen, wo die Han die Mehrheit darstellen, sind äusserst unwahrscheinlich, in einigen Randprovinzen hingegen sehr wahrscheinlich. Das ist jedoch bei über 70 als Nationalitäten anerkannten Völkern Chinas, welche mit eiserner Faust kontrolliert werden, nichts Besonderes. Ökonomisch sind alle möglichen «Unruheprovinzen» unbedeutend.

Die chinesische Regierung reagiert nervös. Das zeigt ja die rigide Haltung gegenüber Demonstranten?
Die Welt leidet unter einem durch Missernten verursachten massiven Nahrungsmittelpreisanstieg. In jüngster Zeit kommt verschärfend ein Preisanstieg der Energieträger hinzu. Beides birgt sozialen Sprengstoff.

Doch auch die Immobilienpreise sind innert Jahresfrist um rund 13 Prozent gestiegen.
Die Konjunktur läuft in China auf Hochtouren und die Preiserhöhungen im Immobiliensektor sind auch spekulativ bedingt. Die ärmeren Provinzen und Bevölkerungsschichten leiden überdurchschnittlich.

Macht die angekündigte Abschwächung des Wirtschaftswachstum von zehn auf sieben Prozent Sinn?
Die Haltung der chinesischen Regierung ist nichts Neues. Die Abdrosselung des zu hohen Wirtschaftswachstums ist an und für sich sinnvoll und sollte am besten über eine schnellere Aufwertung der Währung erfolgen. Neben dem Inflationsproblem ist die ungleiche Verteilung des Wachstums ein Problem, da diese zwischen den Habenichtsprovinzen und unteren Bevölkerungsschichten einerseits und den Boomprovinzen und der Wirtschaftsnomenklatura andererseits sozial unverträgliche Ausmasse annimmt.

Tickt hier eine soziale Zeitbombe?
Tatsache ist, dass die ex-kommunistischen oder immer noch mehr oder weniger kommunistischen Gesellschaften zu den ungleichsten Vermögensverteilungen geführt haben, die man überhaupt je in irgendwelchen Gesellschaften beobachten konnte. Hier tickt eine soziale Zeitbombe. Da gleichzeitig die Macht- und Mitgestaltungsrechte und Möglichkeiten extrem ungleich verteilt sind, tickt sogar eine zweite Zeitbombe.

Das ist ein ungemütliche Ausgangslage (...)
(...) Damit die Zeitbomben chinaweit zünden, wäre jedoch die Initiative der nicht-priviligierten Han-Chinesen notwendig. Die chinesische Führung hat jedoch mit diversen Reformen und Pragmatismus gezeigt, dass sie selbst wandlungsfähig ist.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation?
Der Eintritt des Worst Case, des schlimmsmöglichen Falls, definiert als Bürgerkrieg in China mit Infrastrukturzerstörungen und einbrechender Konjunktur, ist unserer Ansicht nach derzeit äusserst unwahrscheinlich.

Trotzdem: Welchen Effekt hätte eine Eskalation in China?
Würde der Worst Case trotzdem eintreten, würde die Welt den Atem anhalten. Anleger, die dieses Szenario für wahrscheinlich halten, sollten sich sofort von ihren Rohstoff- und Emerging-Market-Investitionen verabschieden und ihr Vermögen schnellstmöglich in so genannte sichere Häfen verschiffen.

Die Treibstoffpreise notieren auf einem Mehrjahreshoch. Hält dieser Trend an?
Langfristig klar ja, da die Grenzkosten der Erdölförderung ständig steigen. Die leicht zu fördernden Ölvorkommen werden ausgebeutet. Tiefseeförderungen sind wesentlich riskanter und teurer.

Wie sehen Sie den Trend kurz- und mittelfristig?
Mittelfristig ist es wahrscheinlich, dass das hohe Weltwirtschaftswachstum ein hohes Wachstum der Treibstoffnachfrage aus den Schwellenländern nach sich zieht. Kurzfristig ist die Prognosesicht stark vernebelt. Würde sich die Situation in Nordafrika entspannen, dürfte der Rohölpreis schnell um rund 10 Prozent sinken.

Der hohe Ölpreis reflektiert also zu einem guten Teil die dynamische globale Wirtschaftsentwicklung?
Diese Diagnose ist richtig. Mindestens 80 Prozent des Erdölpreises reflektiert die gute Wirtschaftslage. 10 bis 20 Prozent des Erdölpreises kann durch eine Risikoprämie «Nordafrika» erklärt werden.

Ab welchem Preis pro Fass tut es der Wirtschaft wirklich weh?
Wenn alle anderen Bedingungen gleich bleiben, würde wohl ein 50-prozentiger Preisanstieg einen Rückfall in eine schwere Rezession auslösen. Der Wirtschaftsaufschwung ist noch zu jung und war bisher in den Industrieländern auch zu schwach, um die Wunden der Kreditkrise 2007/2008 zu heilen. Allen voran die prekäre Verschuldungssituation der Staatshaushalte und der US-Privathaushalte.

Was empfehlen Sie den Investoren?

Weil diese Situation nicht ausgeschlossen werden kann, empfehlen wir grundsätzlich Investitionen in Rohstoffe den schon vorhandenen Aktien- und Anleiheninvestitionen beizumischen. Die Betonung liegt hier auf «grundsätzlich».

Das heisst?
Die zeitliche Prognose von geopolitischen Krisen und deren Verlauf ist fast unmöglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Krisen früher oder später auftreten, liegt hingegen bei 100 Prozent. Deshalb sollte immer ein Teil der Anlagen in Rohstoffen erfolgen. Während der Kauf dieses Versicherungsschutzes in ruhigen Zeiten natürlich billiger ist, ist es zwar spät, aber noch nicht zu spät, dies jetzt zu tun.

Bis jetzt haben die Unruhen im arabischen Raum die Aktienmärkte nicht im Geringsten erschüttert. Weshalb?
Würde die Situation in der erdölexportierenden moslemischen Welt so weit eskalieren, dass es zu physischen Lieferschwierigkeiten oder Knappheiten käme, würden die Aktien tauchen, aber die Rohstoffpreise quasi definitionsgemäss in die Höhe schiessen. Krisenängste sind sehr schwankend und nur ein Faktor unter vielen.

Was raten Sie?
Anleger sollten sich niemals nur auf ein Thema fokussieren. Attraktive Bewertungen und die wirtschaftliche Dynamik sprechen ganz klar für Aktien und müssen gegenüber den Krisenängsten abgewogen werden.

Sind Aktien generell unterbewertet?
Der Weltaktienmarkt ist nur noch leicht unterbewertet. Emerging-Market-Aktien sind leicht überbewertet. Kontinentaleuropäische Aktien sind hingegen stark unterbewertet.

Konkret?
Gemäss unserem Bewertungsmodell beträgt diese beispielsweise für den europäischen Bluechip-Index EuroStoxx über 40 Prozent. Wir behalten deshalb ein leichtes Übergewicht in Aktien bei.